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Wien | 1.6.2006 | 19:50 
Filmflimmern.

Gerlinde, Matthews, Pamela

 
 
This is Tribute
  Einer Kakerlake und der Verstocktheit des eitlen Gecks Charles Boyer ist es letztendlich zu verdanken, dass Billy Wilder überhaupt vom Drehbuchschreiber-Tisch in den Regiestuhl gewechselt ist. Während der Dreharbeiten zu Mitchell Leisens Film "Das goldene Tor" weigerte sich Boyer eine Szene zu spielen, in der er zu einer Kakerlake spricht, die durchs Zimmer krabbelt. Wilder hatte als Drehbuchautor keinen Einfluss auf das Geschehen am Set, die Szene wurde gestrichen und Wilder hatte endgültig genug davon, als Drehbuchautor keinen weiteren Einfluss auf den Film zu haben.
 
 
 
Fliegengeplauder
  Bereits 1942, ein Jahr nach dem Kakerlaken-Vorfall, lief Wilders erster Spielfilm in den Kinos. In einer Szene von "Der Major und das Mädchen" sieht man einen Artikel in einer Zeitschrift mit dem Titel "Charles Boyer - Warum ich Frauen hasse." Eine auf Zelluloid gebannte Retourkutsche. Und die Insekten-Konversations-Szene holte Billy Wilder einfach nach. In "Lindbergh - Mein Flug über den Ozean" unterhält sich James Stewart als tollkühner Atlantiküberquerer mit einer Fliege im Cockpit. 2:0 für Wilder.

 Billy Wilder (1906-2002)
 
 
Mafia und Komödie
  Nicht nur Mitchell Leisen und Charles Boyer hatten ihre Probleme mit Wilder, Studioboss Mayer soll während eines Testscreenings zu "Sunset Boulevard" ausgerufen haben, dass man diesen Wilder bitte nach Deutschland zurückschicken möge und Produzentenlegende David O. Selznick fand die Idee, in "Some like it hot" Mord und Komödie filmisch zu vermischen, zum Scheitern verurteilt.

Beide Werke haben heute ihren festen Platz im Klassiker-Schrank von Hollywood und zeigen stellvertretend für Wilders 26 Filme, wie Genre-ungebunden er gearbeitet hat. "I, you know, am all over the place - every category of pictures I have made, good, bad or indifferent. I could not make, like Hitchcock did, one Hitchcock picture after another... I wanted to do a Hitchcock picture, so I did 'Witness for the Prosecution', then I was bored with it, so I moved on."

Vom Gerichtsthriller bis zum Drama eines Alkoholkranken in "The lost weekend", zahlreichen Komödie bishin zum Film Noir ("Double Indemnity") und "Sunset Boulevard", dem Drama, in dem er Hollywood seine Fratze zeigen lässt - Billy Wilder war sattelfest in jedem Genre, das er ausprobierte, weil er sich auf seine Stärke konzentrierte: Timing und Dialoge.

 Umarmt den Wahnsinn: Norma Desmond (Gloria Swanson) in "Sunset Boulevard"
 
 
Kein Kitsch
  Bei aller Genre-Experimentierfreudigkeit, zwei Gesellen hatten nie Zutritt zu Billy Wilders Filmwelt, der Kitsch und die Albernheit. Wenn Jack Lemmon und Tony Curtis sich in Frauenkleidern einer Damenkappelle anschließen, um der Mafia zu entfliehen, dann ist das Universen entfernt von einer Peter Alexanderschen "Mann in Frauenkleidern"-Klamotte. Und selbst wenn er bei den meisten seiner Filme keine emotionalen Leichen zurücklässt, sondern sich so etwas wie ein Nährboden für Glück breitmacht, selbst dann kriegt der Kitsch keinen Fuß in die Tür. Der hätte bei Wilders Sarkasmus und Zynismus und seinen sich Masken bedienenden Charaktären ohnehin immer den Kürzeren gezogen.

 Oh, you don't understand, Osgood! Ehhhh... I'm a man.
- Well, nobody's perfect.

 
 
Flohwalzer
  Die Diskrepanz zwischen dem, was man ist und dem, was man scheint, ist sowas wie die Wilder'sche Grundmelodie, die mal leise gesummt und mal mit der Marschkapelle intoniert wird, aber irgendwie präsent ist sie immer. Eine meiner Lieblingsszenen ist in "Seven Year Itch" als sich der Strohwitwer (Tom Ewell) ausmalt, wie ihm die Nachbarin gewordene Männerphantasie (Marilyn Monroe) völlig ergeben ist, weil er den Rachmaninoff in die Klaviertasten haut, nein streichelt. In Wirklichkeit ist es dann der Flohwalzer, den die beiden gemeinsam in der heißen New Yorker Sommernacht erklingen lassen.

 
 
 
Vor lauter Flohgewalzere vom Hocker gefallen: Marilyn Monroe und Tom Ewell.
 
 
Luggage machen!
  Am Zerbersten ist die Identitätenmaschine in "Some like it hot", wo Tony Curtis als Joe gleich noch zwei zusätzliche Figuren spielt - Josephine und den Öl-Magnaten Junior - und Jack Lemmon immer mehr in seiner neuen Frauenidentität versinkt und Marracas-schwingend durchs Apartment tanzt, weil ihr/ihm der froschmäulige Multimillionär Osgood den Hof macht. Die Kreation neuer, eigener Identitäten der Wilder-Figuren reicht von der geträumten Playboyerei in "Seven Year Itch" über die bereits in einer Traumwelt lebenden Norma Desmond in "Sunset Boulevard" bis hin zu dem Versuch in "Eins, zwei, drei", aus dem Kommunisten Otto (Horst Buchholz) innerhalb weniger Stunden einen Musterkapitalisten wie aus dem Buche zu machen.

 James Cagney und Horst Buchholz in "One Two Three"
 
 
This is Tribute
  "One, two, three" - ein Film, durch den James Cagney wie eine Yankee-Dampfmaschine stampft und der Ideologie-Watschen in alle Richtungen austeilt - ist ein Wilder-Werk, bei dem das Timing mit der Schweizer Präzisionsuhr getakt wurde. Davon überzeugen kann man sich im Rahmen des "Tribute to Billy Wilder", das von 2. - 7. Juni im Wiener Gartenbaukino stattfindet. Mit dabei u.a. auch noch der Film Noir "Double Indemnity" mit der fantastischen Barbara Stanwyck" und "The Apartment" mit Wilders Leinwand-Alter Ego Jack Lemmon, ein sarkastischer Abgesang auf die Funktionsweisen der modernen Arbeitswelt und die Täuschungen, auf die man sich einlassen muss, um ein funktionierendes Rädchen im Getriebe zu sein.

Und wer es nicht ins Kino schafft, der kann mit seinem TV-Gerät den Wilder-Geburtstag feiern:
17.06.2006, 09:30: Das Appartment
24.06.2006, 09:30: Eins, zwei, drei
24.06.2006, 00:20: Das Mädchen Irma La Douce
01.07.2006, 11:00: Manche mögen's heiß (Alle ORF2)

 "Double Indemnity" Fred MacMurray und Barbara Stanwyck.
 
 
  P.S. Denkt man an Billy Wilder, so denkt man an einen rundlichen, kleinen Mann. Wilder aber war mit 1 Meter 80 sogar größer als Jack Lemmon. Soviel zur Diskrepanz zwischen Sein und Schein.

fm4 links
  www.gartenbaukino.at
Alle Infos und Spielzeiten zu "A Tribute to Billy Wilder"
   
 
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