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Wien | 25.2.2008 | 01:03 
Filmflimmern.

Gerlinde, Matthews, Pamela

 
 
Die Nacht der Goldjungen
  Die Verleihung der Academy Awards 2008.
 
 
 
Ein gutes Jahr
  2007 ist ein guter Jahrgang, was die Filmindustrie betrifft. Kein Billigfusel aus dem untersten Regal, dessen Blasen nach dem Korkenplopp gleich verpuffen, sondern Spitzenchampagner, den man sich merkt, wenn man davon getrunken hat. Das ist für uns Kinogeher gut, bei der Verleihung der Academy Awards nehmen sich die Filme vielleicht gegenseitig die Luft. "Michael Clayton" oder "Atonement" (angesiedelt im Oscar-Erfolgsrezept, der Melange aus Kriegsgeschehen und Liebeswirren) könnten in einem anderen Jahr ein Preis-Einheimser sein, stehen bei der diesjährigen Verleihung aber im Schatten von "There will be blood" und "No country for old men". Die beiden rauen, unbarmherzigen und einen fassunglos zurücklassenden Werke mit einer Erbarmungslosigkeit, wie sie oft nur der Western aus dem Hut zaubert, gelten als Favoriten. Der Außenseiter "Juno" hat bei den Independent Spirit Awards in der Kategorie "Bester Film", "Beste Darstellerin" und "Bestes Drehbuch" gewonnen. Komödien mit Oscars zu belohnen ist immer noch die Ausnahme.

Würde es nach den Teilnehmern der Abstimmung hier gehen, würde Paul Thomas Anderson mit dem Oscar als bester Regsisseur nach Hause gehen und auch der Oscar für den besten Film würde an "There will be blood" gehen.

Um 02.30 geht es los mit Übertragung der Preisverleihung auf ORF1.
 
 
 
01:00
  Bis dahin, auf zum Glamourhatscher über den roten Teppich. Yay, da war grad die suprige Diablo Cody, Drehbuchautorin von "Juno" und hat gute Miene zum Interviewgeplänkel-Spiel gemacht.
Und, Achtung: Alle, die die nominierten Filme sich erst im Kino anschauen wollen, sollten sich die Ohren zuhalten, der Pro7-Moderator blubbert Spoilerblasen vor sich hin. Der höfliche Herr Ruzowitzky stellt beim Interview auch seine Frau vor, ansonsten lungern die Begleitmenschen immer namenlos in Hintergrund rum und starren auf die Schuhspitzen.

 Quasselonkel (rechts), Adolf Burger (links) und der weisse Fleck in der Mitte ist Ruzowitzky.
 
 
01:31
  George Clooney wird sich freuen zu hören, dass Steven Gätjen ihn gerne Mr. Cool nennt. Das wird das eventuelle Leerausgehen bei der Preisverleihung schmerztechnisch lindern. Da hinten kann man bereits den Wirrbart von Julian Schnabel erkennen, der offensichtlich auf sein Lieblingsgewand "Pyjama" verzichtet hat - Schnabel entkommt den Pro7-Klauen auch nicht, versteckt sein Desinteresse an dem Interview aber nicht. So, jetzt noch durch die amerikanische Red Carpet Hysterie beißen. Statt "What are you filming right now" lautet die Frage jetzt "What are you wearing today". Und: Es ist ein Feuerwerk der affirmativen Adjektive. Ich fühl mich selbst schon ganz fantastic und marvellous. Ich trage übrigens ein Kleid von Sfera.

 
 
02:30
  Es geht los. Dass die ersten Gags von Jon Stewart in Richtung "Writer's Strike" gehen würden, war klar. Was mir nicht klar war, war der Männermittelscheitel, der grad sein Unwesen zu treiben scheint. Und nach fünf Minuten der erste Hilary Clinton Witz. Nach neun Minuten ein Witz auf Kosten der Republikaner. Die nicht mehr streikenden Autoren, die innerhalb weniger Tage die Oscar-Schmähs aus dem Ärmel schütteln mussten, haben überzeugende Arbeit geleistet. Der erste Preis ist vergeben, "Elizabeth - The Golden Age" ist in der Kategorie "Best Costume" ausgezeichnet worden. Es folgt eine Rückschau auf 80 Jahre Oscar-Geschichte, herrlich: Der Flitzer bei David Niven, tränenverschleierte Augen, unglaubliche Frisuren (Crowe, Day-Lewis, das geht an euch).
 
 
 
02:55
  "Ratatouille" gewinnt in der "Best animated feature"-Kategorie, schade, kein Preis für "Persepolis". Und "La Vie en Rose" heimst einen Preis für das beste Make-Up ein. Da hat die Dame zu lang gesprochen, unbarmherzig beginnt das Orchester zu spielen. Die jetzt folgenden Song-Passagen sind ein guter Zeitpunkt zum Kaffeekochen - obwohl Amy Adams in "Junebug" ganz fantastisch war und offensichtlich auch singen kann, das Lied aus "Enchanted" kann nur leider seine Disney-Herkunft so ganz und gar nicht verbergen. Zuckerwatte, Hilfsausdruck. Über "Best visual effects" darf sich "The Golden Compass" freuen, "Art Direction" geht an "Sweeney Todd". Das freut Johnny Depp.

 
 
03:15
  "Best supporting actor" - das Flanieren über die g'mahte Wiesn steht also bevor und - yay! - Javier Bardem holt sich den verdienten Preis für seine Rolle in "No Country For Old Men". (Und wir lagen also richtig). Und jetzt, Filmausschnitte mit Bienen, anmoderiert von der "Bee Movie"-Biene, die jetzt auch noch den Preis für "Best Animated Short Feature" vergeben darf, der Preis geht an "Peter and the wolf", den ich ganz großartig finde. Zuvor durfte noch Philippe Pollet-Villard den Oscar für "Best Short Film, Live Action" ("Le Mozart de Pickpockets") entgegennehmen.

 Javier Bardem
 
 
03:34
  Der stets souveräne Alan Arkin (wer ihn nur als Opa aus "Little Miss Sunshine" kennt, sollte sich mal "Wait until dark" anschauen) übergibt den Oscar für "Best supporting actress": Die ganz und gar nie irdisch wirkende Tilda Swinton ist offensichtlich überrascht über ihren Sieg und erinnert in ihrer Dankesrede ihren "Michael Clayton" Partner George Clooney nochmal an den Brustwarzen-Anzug aus "Batman & Robin".

Die Auszeichnung für Swinton könnte jetzt bedeuten, dass Cate Blanchett leer ausgeht - trotz Doppelnominierung, denn bei der Kategorie "Best actress in a leading role" raunen die Runen den Namen "Julie Christie".
So, jetzt haben die Coen-Brüder den zweiten Oscar heute in der Tasche; in der Kategorie "Best adapted screenplay". Nervös, Team "There Will Be Blood"?
Ich muss mich jetzt von der zweiten "Enchanted"-Darbietung erholen. Tanzende Bauarbeiter, tanzende Brautpaare und eine Sombrero-Brigade. Langsam bekomm ich wieder Luft.

 Erfreut, aber wortkarg wie ihre "No country for old men"-Figuren: Die Coen-Brüder.
 
 
04:05
  Seth Rogen und Jonah Hill, zwei aus der "Knocked Up"/ "Superbad"-Gang, die gerade dabei ist, dem sogenannten "Frat Pack" rund um Ben Stiller in Sachen Erfolgskomödien ein wenig den Rang abzulaufen, machen Spompanadeln und vergeben gleich zwei Preise. "The Bourne Ultimatum" bekommt beide Sound-Auszeichnungen ("Best Achievement in Sound / Sound Editing"). Ein Blick zurück auf vergangene Oscar-Gewinner zeigt, dass ein Oscar einen nicht davor schützt in der Versenkung zu verschwinden, Louise Fletcher ist in der Zuspielung zu sehen, ausgezeichnet für ihre Rolle in "Einer flog übers Kuckucksnest" wurde danach kaum mehr wahrgenommen, an Holly Hunters Filme nach "The Piano" kann ich mich auch nur schwer erinnern. (Oder Mercedes Ruehl, anyone?).

Der Oscar für "actress in a leading role" geht an Marion Cottillard (im Arielle-Kleid von Gaultier) für "La vie en rose", Tags zuvor durfte sie auch schon den César entgegen nehmen. Die Academy mag Biopics - überreicht wurde ihr der Preis vom Vorjahresgewinner Forest Whitaker, der für seine Rolle als Idi Amin in "The Last King of Scotland" ausgezeichnet wurde. Keine Auszeichnung für Cate Blanchett also (dabei hätte hier die Academy die Wahl gehabt zwischen Bob Dylan und Elizabeth I)

Gerade noch in Wiesen, jetzt auf der Oscar-Bühne: Glen Hansard von "The Frames" singt ein Lied aus "Once", in dem er auch die Hauptrolle spielt. Die Bühnendeko riecht nach "Wetten, dass...", da kann aber Hansard nichts dafür.

Weil er da grad in der großen "80 years of Best Picture"-Schau auch zu sehen war: Schauspieler George C. Scott ist der einzige, der zweimal den Oscar abgelehnt hat, beim zweiten Mal begründet mit einem Schreiben an die Academy, das mit den Worten "Der Oscar ist eine Fleischbeschau" begann.

 Marion Cottillard
 
 
04:38
  "The Bourne Ultimatum" hat inzwischen den dritten Oscar ("Film Editing") und Robert Boyle erhält den Honorary Award. Der Grandseigneur des Production Designs hat unter anderem mit Douglas Sirk und Alfred Hitchcock gearbeitet. Ihm haben wir u.a. die Mount Rushmore-Sequenzen in all ihrer Pracht in "North by Northwest" zu verdanken.

 Robert Boyle
 
 
04:40
  So, "Best Foreign Picture" geht an "Die Fälscher" von Stefan Ruzowitzky. Den hab ich leider nicht gesehen, vertraue aber auf die August-Diehl-Qualitätsgarantie und werd das auch nachholen. Generell mag ich an den Ruzowitzky-Filmen, dass er sich nicht dem Österreich-Dogma beugt und keine Kabarettfilme und keine Sozialstudien macht, sondern Kino.

Ich hab heut gelesen, dass die Academy, die ihre Stimme für "Best Foreign Picture" abgibt, die Filme auf Leinwand sehen muss, DVD gilt nicht. Das finde ich eine fantastische Regel, denn das ausgefuchsteste Home Cinema Gedöns kann das Kino nicht ersetzen.

"Best Original Song" geht an Glen Hansard, das "Enchated"-Universum ist besiegt. Der Oscar für "Best Cinematogrophy" geht verdienterweise an Robert Elswitt für "There Will Be Blood". "No country for old men" ist jetzt nur mehr mit einer Auszeichnung in Führung.

Und: Wurde da jetzt auf Brad Renfro bei den Verstorbenen der Filmbranche des vergangenen Jahres vergessen oder sind mir nur für ein paar Sekunden die Augen zugefallen?

 Stefan Ruzowitzky
 
 
05:19
  Doch noch ein Oscar für "Atonement": "Best Score", der Preis für "Film Editing" geht an "The Bourne Ultimatum".
Die Dokumentations-Oscars sind vergeben: "Best documentary short subject" geht an "Freeheld", "Best documentary feature" an "Taxi to the dark side", der sich mit Folterpraktiken der USA in Afghanistan auseinandersetzt. "Best Screenplay", ich hab die Finger gekreuzt, das Tippen fällt schwer und - hurra - Diablo Cody bekommt den Oscar für das "Juno"-Drehbuch. Ich empfehle an der Stelle auch deren alten Blog (jetzt bloggt sie auf myspace). (Hier eine meiner Lieblingspassagen: "My extended family may have hypothetically shown up to Thanksgiving dinner wearing matching Juno T-shirts. Sweet + nerdy. Let's call it swerdy. Hello, Urban Dictionary!")
"Team Pregnancy", wie Jon Stewart das "Juno"-Team genannt hat, hat jetzt auch einen Oscar, mir scheint, die Veranstaltung zielt auf Ausgewogenheit ab. Aah, ich hab vor lauter Daumenhalten aufs Foto machen vergessen ... deswegen hier mein Lieblingsfoto von Diablo Cody, das sie beim Writer's Strike zeigt.

 Diablo Cody
 
 
05:34
  Daniel "I DRINK YOUR MILKSHAKE" Day-Lewis holt sich seinen zweiten Darsteller-Oscar. Das Phänomen bei Day-Lewis ist, dass er in seinen Rollen wirklich eine andere Physis annimmt, die nichts mehr mit dem Preisträger jetzt auf der Bühne zu tun haben. Man kann sich ohne Probleme seine Figuren aus "Mein linker Fuß" und "Der letzte Mohikaner" in Erinnerung rufen, aber abzurufen wie der "echte" Daniel Day-Lewis aussieht, fällt schon schwerer. Ein verdienter Preis und ich würd zu gern wissen, was Helen Mirren, die ihn gerade hinter die Bühne begleitet hat, jetzt zu ihm gesagt hat.

Das wird jetzt meinen Papa freuen (wer unser Haus verlassen kann, ohne "Fargo vorgeführt zu bekommen, Hut ab): Die Coen-Brüder werden in der Kategorie "Best Directing" ausgezeichnet und man konnte ein kleines Zucken um Paul Thomas Andersons Mundwinkel sehen. Und gleich nochmal: "No Country For Old Men" ist auch "Best Picture". Somit sind das vier Auszeichnungen, während "There will be blood" mit nur zwei Oscars bedacht wurde (und in den Königskategorien leer ausgegangen ist). Vielleicht liegt es an der fehlenden Selbstironie bei "There will be blood", die bei den Coen-Brüdern immer automatisch mitmarschiert, von der Alexander Horwath auch gerade noch gesprochen hat, die das Quentchen an der Waage ausgemacht hat. Gesehen haben sollte man auf jeden Fall beide Filme. "No country for old men" läuft am 29.2.2008 in Österreich an.

Good Night,
and Good Luck.

 Nochmal: Die Coen-Brüder
 
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