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Wien | 2.3.2008 | 05:21 
Filmflimmern.

Gerlinde, Matthews, Pamela

 
 
Lawyer, lawyer, hands on fire
  Sollte jemand mal auf die Idee kommen, ein Kasperltheaterpuppenset mit Basis-Charakteren für das muntere Filmnachspielen zu Hause zu produzieren, ich bin mir ziemlich sicher, eine Anwaltpuppe wäre mit dabei im Set. Am besten eine mit Januskopf, damit man sowohl den von Scheitel bis Sohle karriere - & geldmotivierten als auch den langsam geläuterten Anwalt impersonieren kann. Für Michael Clayton muss man dann wohl das erste Erweiterunspackage kaufen, der fällt aus gängigen Hollywood-Anwalt-Schemata raus und winkt vor allem dem Anwalt-Typus Adieu, der in den 90ern wie ein Schäflein mitten in ein böses Wolfrudel geriet und dann erstes den Wölfen das Handwerk legen musste und sich selbst ins Trockene bringen.

 
 
 
  Schafe und Wölfe tanzten in einem recht klar umrissenen Gut/Böse-Universum hauptsächlich nach der Pfeife des Autors John Grisham, dessen Kopf sie entsprungen waren. Jetzt kommt etwas hinzu, was vor allem Anfang der 70er Jahren eine große Rolle in Spionage- und Politthrillern gespielt hat, die Paranoia. Filme wie "The Conversation", "All the president's men" und "Three days of the Condor" stammen aus der Zeit, in der der Watergate-Skandal großes Misstrauen an Institutionen nach sich gezogen hat. Mit Paranoia wiederum kennt sich "Michael Clayton"-Regisseur Tony Gilroy aus, schließlich stammen die Drehbücher zur "Bourne"-Trilogie aus seiner Feder. Bereits einmal hat Gilroy einen Anwalt auf die Probe gestellt und seine Integrität getestet, für das Drehbuch zu "The Devil's Advocate" ist ebenfalls Gilroy verantwortlich. Standen damals noch Gaga-Antichrist-Zeugungsszenarien am Plan, geht es in "Michael Clayton" glücklicherweise dezenter und reduzierter zu. Aber nicht weniger teuflisch.

 Plakat zu "The Conversation"
 
 
Who you're gonna call?
  Michael Clayton (George Clooney) bekommt seit über zehn Jahren den Gehaltsszettel von einer renommierten Anwaltsfirma, was er dort genau macht, darüber gehen die job description-Versuche auseinander. Ein Kollege nennt ihn miracle worker, andere fixer, er selbst sieht es weniger glamourös und greift zum Wort janitor. Fest steht, er wird gerufen, wenn es gilt schnell und diskret Lösungen zu finden, vor allem dann, wenn große Kunden seiner Kanzlei Dreck am Stecken haben. Dann wird der Dreck entfernt, bevor er eintrocknen kann.

Dass er diesen Job immer noch macht hat weniger mit Passion und mehr mit Schulden zu tun: Das Anwaltsleben-Ausstiegsszenario, der Traum vom eigenen Restaurant hat sich in ein Fiasko, von dem nur mehr ein Zurückzahlungs-Alptraum übrig ist, verwandelt. Als Michaels Kollege Arthur (Tom Wilkinson) sich im Zuge von Verhandlungen bei einem der größten Fälle der Kanzlei, nämlich die Verteidigung des Chemiekonzerns u-north bei einer Sammelklage, in einem Erin Brockvich Moment auszieht und nackt auf dem Parkplatz rumläuft, wird Clayton hingeschickt, um Schadensbegrenzung zu betreiben.

 I am Shiva, God of Death: Tom Wilkinson und George Clooney
 
 
Kein Pathos
  Wenn ein gutes Gewissen ein sanftes Ruhekissen ist, dann erklärt das, warum die Figuren in "Michael Clayton" allesamt so mitgenommen ausschauen. Und müde. Denn "Michael Clayton" ist ein Film der Schlaflosigkeit, der großteils in der Nacht spielt, nur geschlafen wird da nie. George Clooneys Augenpartie spielt eine Partie Benicio del Toro.

Während der ersten Sequenz zeigt uns Tony Gilroy Häuserschluchten bei Nacht mit erleuchteten Bürofenstern und wenn die Schreibtische leer sind, so ist das Putzpersonal unterwegs. Die Arbeit diktiert das Leben und "Michael Clayton" kreist um den Punkt, an dem man das Räderwerk, als dessen kleine Schraube man funktioniert, in Frage stellt. Oder sich während einer Verhandlung eben auszieht, weil man erkennt, dass man jahrelang Arbeit in die Verteidigung eines Konzerns gesteckt hat, der eventuell an der Vergiftung zahlreicher Menschen schuld ist.

Die Erkenntnis oder besser der Plotbaustein, dass große Konzerne mit nicht immer feinen Methoden arbeiten, reisst niemanden mehr aus dem Kinosessel und wenn in Filmen Chemiekonzerne auftauchen, dann selten, damit das Image dieses Industriezweiges eine Glanzpolitur erhält. "Michael Clayton" ist keine weitere Leinwand-Anklageschrift mit Motivationsschreiben an den sprichwörtlichen kleinen Mann, es deutet nicht mit pathetischem Zeigefinger auf Machtmissbrauch sondern kratzt am Kopf der Zuseher und impft einem die Frage ein, wieweit man selbst schon korrumpiert ist.

 
 
  Das besondere an "Michael Clayton" - und das verrät bereits der Titel - ist die Konzentration auf die Figuren, nicht auf den Skandal um u-north, der bleibt im Hintergrund und als Zuseher wird man mit Informationen nicht gerade überschüttet - das betrifft auch andere Plotschneisen des Films. Um Claytons gescheitete Ehe kurz zu skizzieren genügt, dass die Kamera den neuen Mann seiner Ex-Frau streift, ein freundlicher Mann mit Haarproblemen, der ein Kleinkind fütttert. Keine Rückblenden, die kaltgewordenes Essen zeigen und eine Ehefrau, die drauf hinweist, dass er schon wieder den Vater/Sohn-Tag in der Schule vergessen hat. Gilroy lässt einen als Zuseher am Geschehen mitbasteln, schmeisst uns zB eine wunderbare, traumwandlerische, fast schon surreale Sequenz hin, in der Clooney aus dem Wagen steigt und auf drei Pferde zugeht, die am Rand eines Sees stehen. Wenn vielleicht keine Katharis, so doch ein wunderschöner, filmischer Moment. Eine mögliche Erklärung folgt hinterher (und auch nur dann, wenn man genau schaut).


 
 
You can't handle the truth
  Das Anreißen von Themen und Beziehungen der Figuren zu einander macht "Michael Clayton" so reizvoll während man es sieht. Die wahre Größe wird einem dann klar, wenn man merkt, auf was der Film alles verzichtet, womit in anderen legal Thrillern gerne am Pathoskarussel gefahren wird. Ein Justizthriller ohne Gerichtsszene á la "You want the truth, you can't handle the truth!", wie es uns Jack Nicholson in "A Few Good Men" entgegengebrüllt hat. Ein George Clooney ohne Frauenfigur mit Liebesinteresse weit und breit. Kein Beziehung vs. Arbeit-Dialog, glaubt man der imdb, so sind die Szenen mit Claytons Freundin dem Schnitt zum Opfer gefallen.


 
 
Oscar für Swinton
  Die Konzentration auf die Charakterstudie hat sich gelohnt, kein Film hat dieses Jahr mehr SchauspielerInnen-Nominierungen verzeichnen können. Während George Clooney und Tom Wilkinson leer ausgegangen sind, konnte Tilda Swinton sogar Cate Blanchett ausstechen. Ihre Karen Crowder, die Beraterin des Konzerns u-north trägt nicht ein Firmenlogo an der Stelle, wo andere ein Herz haben verkalkuliert sich aber ordentlich in ihrem nervösen Bestreben keine Fehler zu machen und zur Führungsrige dazuzugehören. In schönen Montagen, die zwischen eines Fernsehinterviews und ihrem Einstudieren der Antworten zuhause hin- und herspringen, wird einmal mehr ihre Unisicherheit und ihr Wille zur Perfektionsillusion illustriert (und seit "Don't look now" hab ich keinen Regisseur das Kombinieren und Verschmelzen von vorher/nacher-Szenen so gekonnt verwenden gesehen).

Nüchtern inszeniert lässt "Michael Clayton" Gewalttaten wie routinierte Erledigungen wirken, die persönlichen Zwickmühlen der Figuren hingegen wie gewaltige Kraftakte. Nach der Szene, in der man Karen auf der Toilette zittern und schwitzen sieht, ahnt man, was die Academy zu der heurigen Oscar-Entscheidung bewegt hat.

 
 
  Man muss genau hinsehen, damit "Michael Clayton" zur vollen Pracht aufblühen kann, als Belohnung bekommt man dann zB die Andeutung eines sich plötzlich ausbreitenden Anflug eines Lächelns auf George Clooneys Gesicht. Nachdem er Szenen zuvor auf sein marod blinkendes Auto-Navigationssystem eingedroschen hat, sehen wir jetzt einen, der seine Orientierung zumindest teilweise wieder gewonnen hat.

P.S. Allen, die "Michael Clayton" noch nicht gesehen haben, kann ich eine störungsfreie Vorführung versprechen, denn der Mann, der trotz fehlender Kino-Begleitung den Film mitkommentiert und mit Thomas-Muster-artigen Gewinnerposen-Faustballungen und "Yes"-Schreien begleitet, der hat ihn bereits gesehen und saß in meiner Reihe. Euch also viel Vergnügen!

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