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Wien | 3.3.2008 | 15:23 
Filmflimmern.

Gerlinde, Matthews, Pamela

 
 
I beg your Bardem
  Landschaftsbilder eröffnen "No Country for old Men", raue, karge, weite Flächen, Wüstensand und schroffe Felsen. Eine Landschaft, in der der Western gerne seine Moral- und Unmoralstückeln gespielt hat, nur seit den verlässlichen Werten des Westerns ist einiges an Wasser den Colorado runtergeflossen und hat die Werte gleich mitgerissen und fortgespült. Aus dem Off erzählt Sherriff Ed Tom Bell (Tommy Lee Jones) von Gesetzeshütern, die früher ohne Waffe hinausgezogen sind, um das Verbrechen zu bekämpfen.

Heute ist er selbst mit Waffe hilflos der Welt, der er gegenübersteht, ausgeliefert. Nicht nur, weil, wie er später in einem Gespräch betonen wird, sowieso alles den Bach runtergeht, sobald die Verwendung der "Ma'am"-Anrede verschwindet, nicht nur weil grünhaarige junge Menschen with bones in their noses einem auf der Straße entgegen kommen, sondern vor allem, weil sich die Verbrecher und Verbrechen jeglichem Verständnis entziehen. Eine Resignation setzt ein, weil ihm zu oft schon die Fratze der Grausamkeit ihr Antlitz entgegengehalten hat.
 
 
 
Katz und Maus
  Sheriff Ed Tom Bell ist in einer klassischen Morgan Freeman-Situation: Ein Fall noch, bevor er in Rente geht, ein Fall noch, bevor er vor dieser Welt kapituliert und sich in den Ruhestand zurückzieht. Dieser eine Fall ist ein Katz- und Mausspiel mit einer psychopathischen Katze. Nachdem Llewellyn Moss (Josh Brolin) auf der Jagd auf einen deal gone wrong stösst, bei dem sich beide Parteien gegenseitig erschossen haben, findet er einen Koffer voll Geld. Und wird selbst zum Gejagten. Nur der auf ihn angesetzte Anton Chigurh (Javier Bardem) braucht keinen Feldstecher, um ihn zu finden und hat andere Waffen als ein einfaches Jagdgewehr. Sherriff Ed Tom, nun, der ist wie Danny, immer fünf Minuten zu spät. Man muss als Kind nicht in dem Pessimismus-Kessel gefallen sein, um zu ahnen, dass das Spiel der ungleichen Trias kein gutes Ende nehmen wird.

 Tommy Lee Jones
 
 
Eine eigene Liga
  Es ist 1980, aber noch nie haben die 80er Jahre so ausgesehen. Wäre da nicht ein Peilgerät und sein Mini-Sender würde "No Country for old Men" als rausgerissen aus jeglicher Zeitzuschreibung durchgehen. Rausgerissen aus jeglicher bisher dagewesener Auftragskiller-Typisierung ist auch Javier Bardems Figur des Anton Chigurh. Und da ist im Lauf der Filmgeschichte vom Killer mit Herz ("Léon der Profi") bis zum Auftragsmörder-Ehepaar ("Mr. and Mrs. Smith", "Die Ehre der Prizzis") über die mitunter akrobatischen Spitzenleistungen der Black Mamba ("Kill Bill") bis zu dem - vom Frisurengott auch nicht gerade mit Segen überschütteten - dem Smalltalk nicht abgeneigten Duo Vincent und Jules ("Pulp Fiction") schon einiges dagewesen. Chigurh aber, der erhält im Raum mit den Auftragskiller-Schubladen ein eigenes Regal.

 Javier Bardem
 
 
Anton Chigurh
  Dass, wann immer von "No Country for old Men" die Rede ist, nur mehr von Bardems Figur gesprochen wird, versteht jeder, der den Film gesehen hat. Der Film steht und fällt mit dieser Figur und ihrer bizarren Brutalität, der humorlose Psychopath mit der schlecht geschnittenen Jeansjacke hätte auch leicht eine Tarantino-artige Figur werden können, dessen Gewalt stets ein Lakai des Königs Witz ist. Bardem und die Coen-Brüder aber machen aus Chigurh ein sich jeglichen sozialen Spielregeln entziehendes Individuum, das auch dann nichts an Schrecken einbüßt, wenn er so etwas Banales macht, wie sich die Socken auszuziehen. Oder sich in einer fantastischen Sequenz im Motel selbst verarztet.

Am beeindruckendsten bleibt die Szene an der Tankstelle, der Dialog mit dem Tankstellen-Inhaber wird plötzlich zu einem Münzwurf um Leben und Tod, schneller als man "Funny Games" denken kann. Höhnend hinter dem gequälten Mann, hängen zwei Aufnäher-Smileys und grinsen um die Wette. Hotelrezeptionisten dieser Welt nehmt euch in acht, Anton Chigurh ist der Alptraum des Dienstleistungssektors.

 
 
Adieu Klamauk
  Es ist nach den letzten Filmen von Joel und Ethan Coen, die in Sachen Kauzigkeit ihren Figuren manchmal um nichts nachstehen, eine Wohltat in den Genuss von "No Country for Old Men" zu kommen. Nach den Ausrutschern auf der Bananenschale der klamukigen Komödie, die uns in den lahmen Vehikeln "Intolerable Cruelty" und "Ladykillers" über die Füße fuhr, kehren sie zurück zu ihren Stärken und beweisen sich wieder als dunkle Erzähler und Sittenbildpinsler. Ihre alte Inspirationsquelle Film Noir sprudelt auch wieder und ist in einer nervenzerfetzenden Hotel-Szene zu finden, wenn Moss auf einen Spalt unter der Tür starrt in der Hoffnung, dass der Lichtschein nicht von einem Schatten gestört werden wird und die Stille des Hotels nicht durchbrochen wird vom Klacken von Westernstiefeln. Aber das Böse ist in den Coen-Filmen unaufhaltsam. Und perfide.

 Brolin on a river
 
 
There will be Oscar
  Es ist eigentlich schade, dass "There will be blood" und "No Country for old Men" in den gleichen Release-Zyklus gerutscht sind und sich so die Luft bei den Oscars genommen haben. Man kann vermuten, dass die Ironie, die Lakonie und der schwarze Humor der Coen-Brüder das Zünglein an der Waage bei der Entscheidung der Academy waren. "No country for old men" ist leichter anzusehen als Paul Thomas Andersons dunkle Saga um Ehrgeiz und Glaube. Dankbar greift das Publikum die Gelegenheit auf, um mal kurz aufzulachen in dem Szenario, das die Zwillinge Gnaden - und Erbarmungslosikgeit regieren.


 Die Coen Brüdern mit den Auszeichnungen für "Bester Film" und "Beste Regie"
 
 
Eine gute Tat
  War "There Will Be Blood" ein blutiges Stück Filmsteak, so gibt es bei "No Country for old Men" zumindest Kichererbsen als Beilage. Der Wucht tut das trotzdem keinen Abbruch, die Härte lässt sich nicht weglachen. Am Ende bleibt man zurück mit der Erinnerung an die einzig gute Tat des Films - dem Mexikaner im Auto in der Wüste Wasser zu bringen - die eine Dummheit war und Moss zum Gejagten macht. Es gibt keine Belohnung für gute Taten, man bleibt erdrückt zurück im Kinosessel mit den erzählten Träumen des Sheriffs, die im Coen-Universum auch keinen Trost oder Eskapismus bieten. Angesichts der Unruhe mit der er sich in den Ruhestand begeben hat, weiss man wieder, das ist no country for old men.

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  No Country for old Men
   
 
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