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Wien | 16.3.2008 | 17:29 
Filmflimmern.

Gerlinde, Matthews, Pamela

 
 
Neue, deutsche Welle
  Wer den Film noch nicht gesehen hat und sich überraschen lassen will, sollte jetzt zu lesen aufhören. Ich kam bei dem Text um einen Spoiler nicht herum.


Nicht einmal Faust ist glaub ich so fest im Lehrplan verankert, ja geradezu mit ihm verwachsen wie Morton Rhues "The Wave", das man je nach Laune im Englisch-, Deutsch-, Geschichts- oder auch Religionsunterricht durchnehmen kann, mit der hypnotischen Karotte in Form eines Versprechens vor der Nase der Schüler: Wir werden uns dann auch den Film ansehen. Das inzwischen komplett ausgeleierte, eierende VHS-Band von "The Wave" kann aufatmen, es wird ziemlich sicher mit der DVD von Dennis Gansels "Die Welle" ersetzt werden. Um "Die Welle" kann man offensichtlich nicht herumschwimmen, sie spült seit spätestens 1982 - da erschien der amerikanische TV-Film - alle Alternativen ins weite Meer hinaus, raus aus dem Plantschbereich der Unterrichtsmaterialien zum Thema Nationalsozialismus, Faschismus und totalitäre Systeme.
 
 
 
Projektwoche Autokratie
  "Die Welle" ist auch im deutschen Aufguss immer noch die Geschichte eines Lehrers, der Schülern zeigen will, wie Verführung durch ein totalitäres System funktioniert. Und dass man sich in der Annahme, man selbst wäre während des Dritten Reichs im Widerstand gewesen, auf dünnes Eis der Spekulation über die eigene Zivilcourage und Manipulationsresistenz begibt. Soweit so déjà vu.

In der Projektwoche "Autokratie" will Rainer Wenger (Jürgen Vogel) seinen Schülern beweisen, dass sie irren, wenn sie meinen, dass sowas wie damals heute gar nicht mehr möglich wäre. Es beginnt damit, dass anredetechnisch aus Rainer Herr Wenger wird, man steht auf, wenn man was sagen will ("Macht durch Disziplin") und man einigt sich darauf, weiße Hemden zu tragen ("Macht durch Gemeinschaft"). So schnell sind die Schüler von der Richtigkeit überzeugt, ihren baumwollenen Ausweis, das T-Shirt, hinter sich zu lassen, dass man Uri Geller mit einem Hypnosetrick hinter der nächsten Ecke vermutet. "Die Welle" heißt die Bewegung ohne eigentliche Inhalte, der sich nun nach und nach mehr Schüler anschließen und die, in denen sie Wellenbrecher sehen, ausgrenzen.

 Jürgen Vogel
 
 
Laborsituation
  Die schwierigste Aufgabe des Kinos ist es wahrscheinlich eine glaubwürdige Realität abzubilden, es ist wahrscheinlich auch die fadeste Aufgabe. Umso schwieriger, wenn es um eine Realität geht, die einen selbst, wenn auch nur unmittelbar, betrifft, wo es dann um Zehntelsekunden, Milimeter und Halbtöne geht, die das Bild kippen lassen können. Also um es kurz zu machen: der klischeehafteste amerikanische Anwalt in einem Film ist für mich meist um ein vielfaches echter als eine Gruppe Jugendlicher in einer deutschen Produktion.

"Die Welle" ist hier sehr bemüht alles richtig zu machen und haut doch daneben. Die Klasse, mit der wir es zu tun haben und die Teil des Experiments wird, ist schon eine Versuchsanordnung an sich, der bemühte Mikrokosmus der jugendlichen Lebenswelt aufgesplittert in die Moden und Launen der Popkultur. Die soziale Realität muss wohl grad irgendwo nachsitzen, ist zu spät dran oder ist vom Klassenrowdy im Klo eingesperrt worden: Hier funktioniert Integration, die Klasse ist von überschaubarer Größe, da gibt es keine Schüler, die vom gehobenen Mittelstand deutlich nach unten hin abweichen und Gewalt findet auch erst angespült durch die Welle an der Schule statt. Dennis Gansel entwirft ein Scheuklappen-Szenario, damit die Versuchsanordnung funktioniert, damit es am Schluss Ka-Wumm macht und er triumphieren kann: "Hab ich's euch nicht gesagt?"

 Jennifer Ulrich
 
 
Well I don't care about history
  Dabei fing eigentlich alles ganz gut an: Jürgen Vogel fährt in seinem Auto durch die Straßen einer nicht näher definierten Stadt, ekstatisch singt er "Rock'n'Roll Highschool". Eine lange Kamerafahrt zeigt die recht friedlich aussehende Schule, schließlich sehen wir den Vogel aus der Froschperspektive und wir kennen uns aus: Das hier ist der freundliche Sheriff am Schulhof, ein Lehrer, der sich mit Freude an seinen Arbeitsplatz begibt, der beliebt ist und respektiert wird. Später wird die Kameraarbeit in den Hintergrund gedrückt und Dialoge reißen die Hauptkommunikation an sich. Nur einzelne, kurze Bilder, die die Ruhe vor dem Sturm einfangen, flackern zwischendrin auf. Ein leerer Gang, die verlassene Schwimmhalle, die Schule von außen. Es sind aber nur kleine Momente, in denen die Kamera zeigen darf, was sie kann.
 
 
 
Mikrokosmos Jugendliche
  Das Schülergespann, auf dem Gansel "Die Welle" aufhängt ist eine ansich gelungene Übersetzung der amerikanischen Standardausrüstung eines Schulfilms. Der Sportler (Max Riemelt), die schöne Kluge (Jennifer Ulrich) und der stille Außenseiter (Frederick Lau). Das popkulturelle Update hat dann ein dickes Hip Hop-Kind namens Bomber und einen Emo namens Kaschi reinreklamiert, die Punks schauen aus wie eh und je, der Klassenkasperl und der Sprößling aus dem Geld statt Aufmerksamkeit-Erziehungsmodell vervollständigen die Gruppe.

Schade, dass Tom Schilling, August Diehl und Stipe Erceg schon längst das Schülerdarsteller-Alter überschritten haben, doch die jungen Schauspieler sind ohnehin gut gecastet und füllen die Stereotypenhüllen überzeugend aus, für die teils hölzernen Dialoge können sie ja nichts. Und "Ey du Opfer" ist - so erzählt mir J. - auch nicht der trunkenen Feder eines Drehbuchautors entwichen, sondern ein gern genommer Anstänkerprolog.

 Max Riemelt
 
 
Wellenreiter
  Der Film hat einen Bonus namens Jürgen. Jürgen Vogel ist ins Ramones-T-Shirt geschlüpft und schüttelt mit Leichtigkeit die Darstellung des Gymnasiallehrers Rainer Wenger aus dem Ärmel. Er ist der Topvertreter unter den deutschen Schauspielern: Man kauft ihm alles ab. Auch den Lehrer, der erkennt, dass er sich in einer Frankenstein-Situation befindet und das Monster, das er geschaffen hat, erstmal wieder loswerden muss.


 
 
Wasserfest
  Ex-Hausbesetzer, zweiter Bildungsweg, lässt sich von Schülern duzen, lebt mit seiner Frau auf einem Hausboot, am Briefkasten prangt ein "Fuck Bush"-Sticker: Der Herr Lehrer Wenger wird nicht fein skizziert sondern mit einem dicken, wasserfesten Eddingstift entworfen.

Und wasserfest ist wichtig, denn "Die Welle" ist nah am Wasser gebaut. Nicht gefühlstechnisch, sondern wortwörtlich. Die ansich recht handliche Metapher, dass man sich als junger Mensch stets abstrampelt, um nicht unterzugehen, dass die Beine paddeln wie verrückt, man es aber an der Oberfläche aussehen lassen möchte, als wär eh alles easy peasy, wird ein wenig überstrapaziert. Nicht nur schwimmt Rainer seine Runden im See, da ist auch noch das Wasserballteam, die ausgelassene Feier der Schüler am Fluss und wenn dann weder eine natürliche noch ein künstliche Wasserstelle zur Verfügung steht, dann kommt der Regen. Und mit ihm eine Ohrfeige. Das Projekt gerät außer Kontrolle: Schülern, die gerade Boden unter den Füßen gewonnen hatten, wird ebender wieder weggezogen und die Situation eskaliert. Kein deutscher Problemfilm verzichtet auf die Katharsis durch Eskalation, und genau da verzettelt sich der Film ordentlich.
 
 
 
WYSIWYG
  Während im Roman und in der ersten Verfilmung das Ende der Welle durch den Lehrer initiiert wird, der bei einer Schulversammlung den Mitgliedern vor Augen führt, wie schnell sie der Manipulation auf den Leim gegangen sind und ihnen anschließend noch Hitler als ihren potentiellen Führer präsentiert, schaltet das Gansel-Drehbuch auf Zeitgeist Turbo Boost, lässt die Frage der Verführbarkeit durch das totalitäre System stehen und macht einen Haken in Richtung Schulmassaker.

Die ohnehin schon vor Theatralik platzende Szene, in der sich Close Ups wie Sardinen in der Büchse aneinander drängeln, überschlägt sich. Der stille Außenseiter zückt die Waffe. Schneller als man "Das ist doch nur eine Gaspistole" sagen kann, liegt ein Schüler am Boden. Zum Schluss zitiert Gansel Bilder aus den Nachrichten. Ein Rettungswagen vor der Schule, Polizei, erschütterte Gesichter, weinende Menschen. Einzig der sich wandelnde Blick von Jürgen Vogel auf dem Autorücksitz - nach "Michael Clayton" das zweite gute Endbild, das in einem Auto stattfindet und uns nur einen Gesichtsausdruck entgegenhält - ist vielleicht wirklich das Eintrittsgeld wert.

"Die Welle" ist ein WYSIWSYG-Film. What you see is what you get. Da gibt es danach wenig zu diskutieren, da gibts keine Gedanken, an die man anknüpfen kann, die einem nicht sowieso der Film schon zu Ende gedacht hat.

 Frederick Lau
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  www.welle.film.de
   
 
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