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Wien | 18.3.2008 | 23:43 
Filmflimmern.

Gerlinde, Matthews, Pamela

 
 
Anthony Minghella, 1954-2008
  Als Jill Zobel in der FM4 Redaktion den Kopf zur Tür hereinsteckt und verlautbart, dass Anthony Minghella gestorben ist, macht sich bei seiner Namensnennung ein warmer Farbton in meinem Kopf breit und ich höre leise Jazzmusik. Die Assoziationssyapsen arbeiten verlässlich. Die Bildwelten und der Soundtrack zweier seiner Filme haben sich tief eingegraben in mein Gedächtnis.

Obwohl in allen Meldungen zu seinem Tod vom Ableben des Starregisseurs die Rede ist, fragen viele nach, wer denn das nochmal sei. Das ist kein Wunder, sein Werk als Regisseur umfasst überschaubare acht Filme. Sein Segment zu "New York, I love you", eine Stadt-Liebeserklärung in Anthologieform, bei der sich auch Regisseure wie Fatih Akin und Yvan Attal dem Mythos New Yorks widmeten, konnte von ihm nicht mehr fertig gestellt werden. Was uns von Minghella bleibt, sind vor allem zwei Epen, die einen schönen Kontrapunkt zu der Zeit setzen, in der sie entstanden sind.
 
 
 
  Die warmen Farbtöne und der Jazz, die sich einstellen, verlässich wie ein Pawlowscher Reflex, sobald ich den schönklingenden Namen "Minghella" lese oder höre, sind eine Melange aus Assoziatonen zu meinen Minghella'schen Lieblingsfilmen "Der englische Patient" und "Der talentierte Mr. Ripley". Ersteren reklamiert die Pia im Teenageralter in mir rein und zu Recht, an wenig Filmbesuche, die immerhin vor 11 Jahren kann ich mich so gut erinnern wie den. Der Saal war ausverkauft (!) und der Taschentuchverbrauch stieg an diesem Abend in Salzburg wohl raketenhaft an. Wenn ich den Film im Fernsehen zufällig erwische, muss ich wegschalten, bevor Ralph Fiennes die schwer verletzte Kristin Scott Thomas in der Höhle ablegt und ihr verspricht, wiederzukommen. Um dieses Tränenmeer zu teilen, bräuchte man schon biblische Gewalt.


 Naveen Andrews, Juliette Binoche in "Der englische Patient"
 
 
Der englische Patient
  In einem Jahrzehnt, in dem Lakonie, Coolness und überspitze Gewalt als Stilmittel Filme dominierten, ein Jahrzehnt, in dem ein Quentin Tarantino mit "Pulp Fiction" Filmgeschichte schrieb und der schwarze Humor der Coen-Brüder seine schönen Blüten trieb, machte Anthony Minghella etwas völlig Gegensätzliches und Altmodisches. Wie sein Landsmann, der britische Regisseur David Lean (1908-1991), ließ er den Zeitgeist außen vor und holte die Zeitlosigkeit ins Team. Krieg und Liebe, die wahrscheinlich ewiggültigen Zutaten (und Oscar-Magneten) für gelungenes Drama, das mit dem Pathos liebäugelt, lieferten auf dem Parkett des englischen Patienten ihren harmonischen Tanz ab - versehen mit epochalen Landschaftsaufnahmen wie in "Lawrence von Arabien" und dramatischen Gefühlsirrungen wie in "Dr. Schiwago", beides Werke aus dem Lean'schen Oevre.

Geblieben ist mir die Erinnerung an einen tränenreichen Kinobesuch, die eindringliche Farbgebung und ein Wort. Die Grube zwischen den Schlüsselbeinen heisst bei mir seither auch - wie im Film - Almasybosporus.
 
 
 
"Der englische Patient"
 
 
Der talentierte Mr. Ripley
  Nicht nur bewies Minghella sein Gespür bei der Auswahl der literarischen Werke, die er auf die Leinwand hievte, er hat es auch geschafft Drehbücher zu verfassen, die der Vorlage gerecht wurden. Während ich bei Michael Ondaatjes Roman zu "Der englische Patient" große Toleranz für etwaige Abweichungen hatte, wird es beim talentierten Mr. Ripley -Minghellas zweitem großen Erfolg - schwieriger. Als Patricia Highsmith Verehrerin war ich skeptisch, als es hieß nach Aain Delon und Maurice Ronet in "Die Sonne war Zeuge" könne man jetzt Jude Law und Matt Damon als gebeutelte und getriebene Highsmithfiguren bewundern. Das war 1999, als man bei den Worten Matt Damon noch dazu tendierte, sich zu bekreuzigen oder zumindest zum Nasenrümpfen anzusetzen - von Jude Law ganz zu schweigen.

Anthony Minghella aber hat eine Ripley-Adaption hingelegt, die mit stolz geschwellter Brust am gleichen Stockerlplatz wie das Original stehen kann: Neben den Hauptfiguren glänzt ein phantastischer Phillip Seymour Hofman in einer Nebenrolle; ein Thriller mit Damoklesschwert, das mitunter munter im schmooven Takt des Soundtracks mitwippt. Ein zeitloser Film, der die Zeit, in der er spielt einfängt, als wär seither kein Tag vergangen. Und der Jazz spielt auf Abruf immer noch in meinem Kopf.
 
 
 
"Der talentierte Mr. Ripley"
 
 
Geschichtenerzähler
  Den Hang zu literarischen Vorlagen behielt Minghella bei: "Play" ist die Adaption eines Samuel Beckett Stücks, darauf folgte die Romanverfilmung "Cold Mountain" mit Jude Law und Nicole Kidman. Er hatte keine Scheu vor großem Drama, vor dem Epos. Minghella sah eine Leinwand, die ausgefüllt werden wollte, mit Panoramaaufnahmen und Dramen um Schuld und Sühne, Liebe, Vergeltung und Irrtum.

Minghella war kein Leinwand-Revolutionär, sondern ein Geschichtenerzähler, so sah er sich auch selbst am liebsten: "I had never thought of myself as a director and found out that I was not. I am a writer who was able to direct the films that I write."
Er sah sich als Akademiker, verpflichtet der Recherche, er, der selbst Theaterstücke geschrieben hatte, war behutsam und genau bei der Arbeit an und Adaption von Drehbüchern. Umso mehr verblüffte er immer wieder Schauspieler damit, am Set sehr ruhig zu sein. "[...] It's true I don't say a lot as a director. I feel in some way that I've had so much of a say as a writer that what interests me is to see what happens when it comes back."

Zurück kam weitmehr als erwartet beim englischen Patienten, der Film, den zunächst niemand finanzieren wollte, holte den Oscar-Jackpot im Jahre 1997 und wurde mit neun Academy Awards ausgezeichnet.

 Renee Zellweger in "Cold Mountain"
 
 
1954-2008
  Neben seiner Arbeit als Regisseur war Minghella vier Jahre lang Präsident des British Film Instititute, inszinierte Opern und war als Produzent tätig, zuletzt für Tony Gilroys "Michael Clayton" und für die momentan gedrehte Romanadaption von Bernhard Schlinks "Der Vorleser".

Dienstag früh ist Anthony Minghella im Alter von 54 Jahren gestorben, nachdem es bei einer Operation wegen Kehlkopfkrebs zu Komplikationen gekommen ist.

 Bei der Oscar-Verleihung 1997
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  Liebe in Zeiten des Krieges
Christian Fuchs über "Cold Mountain"

Alan Rickman als Geist
Erika Koriska empfiehlt Anthony Minghellas ersten Spielfilm "Truly Madly Deeply"
   
 
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