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Wien | 30.3.2008 | 12:16 
Filmflimmern.

Gerlinde, Matthews, Pamela

 
 
Mit der Wimper zu zucken
  Bei Julian Schnabel wird bereits die Titelsequenz - die ohnehin die wenigsten Regisseure gestalterisch und einstimmunsgechnisch nutzen - zu einem Kunstwerk. Gestaltet hat sie Schnabel selbst: Auf leicht dreckigen Röntgenbildern stehen in gemalter Kugelschreibertypo die Credits und "La Mer", die französische Originalversion vom ewigen Soundtrackschmeichler "Beyond the Sea" dringt ans Ohr. Auf medizinische Fakten prallt das Lied, das vertont, wie die Hauptfigur Jean Dominique Bauby seinen Zustand später verbildlicht: Als Gefangener in einer Taucherglocke unter dem Meer. Die dritte Regiearbeit des Künstlers und leidenschaftlichen Pyjamaträgers Julian Schnabel ("Basquiat") beruht auf einer wahren Geschichte und dem Buch von Jean Dominique Bauby.
 
 
 
Der stumme Patient
  Noch selten nahm ein Film die point of view Erzählweise so konsequent beim Wort wie "Schmetterling und Taucherglocke" in den ersten 20 Minuten. Wir erleben, wie Bauby, der ehemalige Chefredakteur der "Elle" nach einem Schlaganfall und einem dreiwöchigem Koma erwacht und feststellt, dass er gelähmt ist. Er kann hören und sehen, sich aber nur mittels Zwinkern mit dem linken Auge verständlich machen. Wir, das Publikum, sind auf Baubys Blick angewiesen, wir sehen mit seinem Auge. Immer wieder wird das Bild unscharf, wackelig, schweift der Blick ab oder die Leinwand wird schwarz, wenn das Auge geschlossen wird. Als ein Arzt das Lid seines rechten Aufges zunäht, um eine Geschwürbildung zu verhindern, möchte man die hörbare Stimme zu Baubys panischen Gedanken werden und laut "Nein" schreien.

Während er für die Ärzte der stumme Patient ist, hören wir seine Gedanken, er geizt nicht mit seinem Geistesreichtum, auch ist der alte Bauby, der Genussmensch nicht verschwunden, immer wieder gleitet sein Blick zum Mund, zu den Augen, zum Ausschnitt einer der Frauen, die ihn im Krankenhaus umgeben. Schmerzhaft sind wir Zeugen von dem unüberwindbaren Graben, der zwischen regem Geist und dem zur Reglosigkeit gezwungenen Körper herrscht. Noch tiefer wird der Graben, wenn sich der Blick der Kamera aus der subjektiven Sicht löst und wir in einer Rückblende Bauby vor dem Schlaganfall begegnen.

 Mathieu Amalric
 
 
Innen- und Außensicht
  Der Rhytmus des Blinzelns wiederholt sich im Rhythmus des Blitzlichtes bei einem Fotoshooting für die "Elle". Bauby, der Bonviant, Frauenschwarum und Frauenschwärmer, dreifacher Vater und Liebhaber der schönen Dinge flaniert durch das Set, schüttelt Hand mit Azzedine Alaïa und Lenny Kravitz. Erst viel später werden wir Baubys Gesicht nach dem Unfall sehen, zunächst nur als unscharfe Spiegelung, als er im Rollstuhl durch den Krankenhausgang geschoben wird, da sieht auch Bauby selbst sich zum ersten Mal: "Ich sehe aus, als käme ich aus einem Glas Formalin". Schnabel gelingt der Perspektivenwechsel ohne, dass man aus der Erzählung gerissen wird, Innen- und Außensicht, Fantasien und Erinnerungen fügen sich zu einer mitreißenden Bilderflut, die von der Leinwand schwappt. Da verzeih ich auch ein Danebengreifen beim Soundtrack, als mir plötzlich U2 an den Kopf geworfen wird und eine sich nicht ins Gesamtbild schön einfügende Rückblendensequenz, die in Lourdes spielt und an die, oft recht unaufregenden, französischen Beziehungsdramen erinnert.

 Julian Schnabel bei den Dreharbeiten
 
 
 
 
Sehnsucht nach den schönen Dingen
  Nie wird der Blick auf den gelähmten Bauby voyeuristisch oder mitleidig und auch macht der Film nicht den Kapitalfehler der amerikanischen Dramaturgie und heroisiert Bauby zum Carpe Diem-Prediger, der sein Schicksal als Anlass zum geläuterten Neustart nimmt. Es wäre ein leichtes gewesen, sein Leben vor dem Schlaganfall als Gleiten auf einem Parkett von Öberflächlichkeiten zu präsentieren und das "Locked-In-Syndrom" als Chance, die wahren Schönheiten des Lebens zu entdecken.

Doch so einfach macht es sich der Film nicht, Bauby vermisst seine Geliebte, die nicht den Mut hat, ihn zu besuchen und träumt sich in Spitzenrestaurants, um dort Austern zu schlürfen. "Durch Fantasie und die Erinnerung kann ich meiner Taucherglocke entkommen", so Bauby, die Gedankenwelt wird zum titelgebenden, herumflatternden Schmetterling. Das Buch, das Bauby blinzelnd diktiert, wird für einen als Zuseher ein schimmerndes Stück Hoffnung im Königreich von Hilf- und Ausweglosigkeit. Tatsächlich wird Bauby die gebundene Ausgabe noch zu sehen bekommen; der Geist überlebt den Körper.

 
 
Amalric statt Depp
  Mathieu Amalric, der einnehmende Franzose mit der romanpolanskiesken Physis, liefert eine schauspielerische Leistung ab, die den eher seltenen Gedanken zulässt, dass man froh ist, dass Johnny Depp letztendlich dem Projekt abgesagt hat. "He was busy with his pirate thing", so Julian Schnabel.

Jean-Pierre Cassell, dem der Film ua gewidmet ist, ist in einer seiner letzten Rolle zu sehen und Max von Sydow, der Fels in der Brandung der Filmgschichtsschreibung liebt und leidet als Baubys Vaters mit. Im Gedächtnis bleiben einem aber vor allem die Großaufnahmen von den schönen Frauen, die sich um Bauby kümmern. Seine Ex-Frau Céline (Emmanuelle Seigner), die Logopädin Henriette (Marie-Josée Croze) und Claude (Anne Consigny), die unermüdlich sein Blinzel-Diktat aufnimmt.

 Emmanuelle Seigner
 
 
Hommage ans Kino
  "Schmetterling und Taucherglocke" ist schließlich auch eine Liebeserklärung an das Kino, Schnabel und sein fantastischer Kameramann Janusz Kaminski spielen in den Sequenzen, die man aus Baubys Sicht sieht, mit der Begrenztheit des Leinwand, immer wieder verschwinden Personen aus Baubys/unserem Blickfeld oder ihre Köpfe sind abgeschnitten. Nicht die Kamera setzt hier Menschen ins Bild, sondern die Figuren müssen sich bücken, setzen, vorbeugen, um ganz im (Leinwand)-Bild zu sein.

An Referenzen an die Filmwelt wird nicht gespart, die Terasse des Krankenhauses nennt Bauby Cinecitta, mal wälzt er sich küssend am Meereststrand wie in "Verdammt in alle Ewigkeit", mal mischt sich ein breit grinsender Marlon Brando unter seine Fantasieschnipsel, akustisch mischen Melodien aus "Sie küssten und sie schlugen ihn" und "Lolita" mit, an der Hommage ans Kino. Wenn er den Gedanken formuliert, dass seine imaginierte Welt frei von Schranken ist, so formuliert er auch das Grundgesetz der Eskapismus-Funktion des Kinos: Hier ist alles möglich.


 
 
Immer unter Tränenstrom
  Und wenn man das Gedenkenexperiment weiterspielt, dann ist schlußendlich ein Kinobesuch ein sich freiwilliges Begeben in eine temporäre Passivität, in der man auf Augen und Ohren angewiesen ist, also die schöne Abstraktionsvariante von Baubys Krankheit.

"Schmetterling und Taucherglocke" ist kein rührseliges Betroffenheitskino, dass der Tränenstrom bei mir mehr als über die Ufer getreten ist, hat mit der Wucht der Schönheit dieses Films zu tun, die in Bild- und Wortperlen auf einen einprasselt. Falls jetzt jemand immer noch nicht überzeugt ist: Das ist immerhin ein echter Julian Schnabel auf Leinwand - zum Kinokartenpreis. Eine Occasion!

 Das französische Filmplakat ist schon ein Kunstwerk für sich.
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  www.thedivingbellandthebutterfly-themovie.com
   
 
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