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Wien | 6.5.2008 | 14:34 
Filmflimmern.

Gerlinde, Matthews, Pamela

 
 
Alphamenville
  Es gibt Filme, da sticht ein mitwirkender Schauspieler alle Genrezuweisungen oder Kurzinhaltsangaben aus. Wen interessiert schon um was es geht, so lange Michael Caine mitspielt. Mich nicht. Und das, obwohl Sir Michael für Vieles bekannt sein mag, aber nicht für sein immer glückliches Händchen bei der Filmauswahl, er selbst sieht das auch eher von der praktischen Seite und meinte nach den Dreharbeiten zu "Jaws 4" "I have never seen it, but by all accounts it is terrible. However, I have seen the house that it built, and it is terrific.".
Aus Caine-Verehrungsgründen hat es mich auch zu "Sleuth" in den Kinosaal verschlagen und ich kann nur hoffen, dass der Film ihm auch ein schönes Haus verschafft hat, dann hat wenigstens irgendwer was von Kenneth Branaghs Remake.
 
 
 
Sleuth
  Als "Sleuth" 1972 die Leinwand füllte, war Michael Caine 39 Jahre alt und band sich die auffällig blaue Krawatte des Friseurs und Einwanderersprosses Milo Tindle um, um dem erfolgreichen Krimi-Autor Andrew Wyke - elegant und irre verkörpert von Laurence Olivier - einen Besuch auf dessen Anwesen abzustatten. Nicht ohne Grund selbstverständlich, sondern um dem alten Herrn die Einwilligung in die Scheidung abzuschwatzen. Die noch-Ehefrau von Wyke hatte nämlich schon länger eine Liebelei mit dem kecken Milo.

Das Erfolgstheaterstück von Anthony Shaffer ist eine sprachliche Explosion, ein Verbalduell zweier eitler Herren, die mal mit der feinen Klinge der Ironie mal mit der Keule der ordentlichen Beleidigung kämpfen. Die Einheit des Ortes - das ganze Stück spielt ausschließlich auf Wykes Anwesen - und die Beschränkung auf zwei Figuren tut dem Erfolg von "Sleuth" in der 1972-Variante keinen Abbruch. Dem Pomp und dem Überschwang der Inszenierung von Jopseh L. Mankiewicz und und dem fantastischen Set Design von Ken Adam stellt jetzt Branagh ein kühler als cool Remake gegenüber. Jude Law ist der junge Liebhaber und Michael Caine der erfolgreiche Autor mit Technik-Faible. Willkommen in der Alphamännchen-Hölle.

 "Sleuth" 1972: Michael Caine und Laurence Olivier
 
 
Laser, Beton, Glas
  Seine Frau Maggie habe die Inneneinrichtung des Hauses übernommen, sagt Andrew Wyke, als er den jungen Milo durch die Halle führt. Nun, Maggie hat keinen Hehl aus ihrer brennenden Leidenschaft für Waschbeton, Laser und Glas gemacht. Es ist nicht nur ziemlich unvorstellbar, dass jemand in der ferngesteuerten Betonhöhle gerne wohnt, in der es mehr Überwachunsgkameras als Sitzgelegenheiten gibt, als Zuseher gibt es in der glatten Ausgeburt des modernen Wohnens auch nichts, woran der Blick hängenbleiben könnte.

Während man sich im 1972er "Sleuth" an der pompösen Einrichtung des Anwesens weiden kann, an den bizarren Spielpuppen und Puppentheatern, gibt uns Branagh nichts, aber auch gar nichts, um unsere Augen ein wenig zu füttern - und das würden wir brauchen, denn satt machen die Dialoge in der Neubearbeitung von Harold Pinter nicht gerade. Das aufgemascheltste in der Szenerie der Riesenegos ist Jude Law, der als eitler Geck all die Acessoires trägt, die die GQ sicherlich vor ein paar Jahren als "must-have" ihrer Leserschaft ans Herz gelegt hat. "Der kürzeste Weg ins Herz eines Mannes ist, wie Sie wissen, die Demütigung", sagt Wyke noch und eröffnet dann den Reigen im Katz-und-Maus-Spiel, wo es schon bald nicht mehr um die Frau geht, sondern nur um Machtdemonstration.

 Jude Law und Michael Caine
 
 
 
 
Distanz
  Zu Beginn arbeitet Branagh mit Geschick, er weiss, dass er uns bei einem Zwei-Personen-Stück bei Laune halten und Spannung bewahren muss und so hält er uns zunächst mal auf Distanz. Gibt uns Bilder von Wykes Überwachungskameras, springt in entlegene Winkel, um uns neue Einstellungen zu zeigen, lässt die Köpfe der Protagonisten im Dunklen oder gar außerhalb des Bildes. Um uns dann mit einem plötzlichen Close-Up zu überraschen: "I understand you're fucking my wife" sagt Caine dann plötzlich und sein Kopf füllt die Leinwand aus.

 
 
Tennis
  Das war auch schon das raffinierteste Manöver in "Sleuth", ab dann wird vergeblich versucht, immer wieder neue und aberwitzige Einstellungen zu finden. Doch selbst die Aufnahme, die Law und Caine beim Wortgefecht durch die Jalousie hindurch gefilmt zeigt, kann nicht verschleiern, dass der Film hinkt. Ein Zwei-Personen-Stück braucht zwei gleich starke Schauspieler; und während Caine in jedem noch so miesen Film Souveränität beweist, ist Law hoffnungslos verloren in Branaghs theatralischer Inszenierung. Mankiewicz' "Sleuth" wurde oft mit einer Tennismatch-Metapher versehen, wo die Machtbalance immer neu ausgelotet wurde, nun in Branaghs "Sleuth" spielt einzig und allein Caine Tennis. Mit Law als Ball.


 
 
Der irre Lacher
  Zu Beginn hält sich Law wacker als eitler Stutzer, doch mit voranschreitender Handlung (weg vom Original und rein in die Haarsträuberei der Neubearbeitung durch Harold Pinter) geht Law verloren in hoffnungslosem Overacting, das die Grenze zur unfreiwilligen Komik überschreitet. Und versenkt sich selbst, als es um den doppelten Rittberger der Schauspielerei geht, den "wahnsinnigen" Lacher, den mit der Mischung aus Bösartigkeit und Irrsinn, bei dem man gerne auch den Kopf in den Nacken legt. Das, was Jude Laws Kehle da verlässt, spielt in der Brezina'schen Dr. Gruselglatz-Liga.

Sprachlich und ausstatterisch verknappt ist "Sleuth" ein steriles Kammerspiel, das sich vor allem durch den dritten Akt, der völlig vom Original abweicht, ein Bein stellt. Da wird der homoerotische Subplot an die Oberfläche gezerrt, der kühle Möchtegernthriller kippt in eine unglaubwürdige Farce mit Tendenz zur Homophobie. Aber wie R. vor kurzem so richtig meinte, die ganzen Remakes haben ein Gutes: So kommen die Originale wieder zu einem DVD-Release. Recht hatte er, Sleuth (1972) ist jetzt endlich auf DVD erhältlich. Ab damit in den Michael Caine-Schrein.

 
 
P.S.
  Ich sträube mich zwar dagegen mit dem Lineal der Realität an die Vermessung und Beurteilung von Filmen zu gehen, aber was Andrew Wyke mit einer Macbook-Fernbedienung in dem Film alles anstellen kann, das übersteigt selbst Steve Jobs' kühne Träume. Wenn es demnächst ein iHouse gibt, weiss ich, woher die Inspiration stammt.

fm4 links
  www.sonyclassics.com/sleuth
   
 
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