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Wien | 14.5.2008 | 12:15 
Filmflimmern.

Gerlinde, Matthews, Pamela

 
 
Mommie Dearest
  Würde "Savage Grace" nicht auf einer wahren us-amerikanischen Familienträgödie beruhen, man würde den Drehbuchautoren auf die Schulter klopfen wollen wegen des Einfalls, dass der Reichtum der Familie Baekeland in der Erfindung des ersten synthetischen Plastiks seinen Ursprung hat. Großpapa Baekeland hat das Bakelit das Licht der Welt erblicken lassen und damit seiner Familie Geldsegen beschert. Ausgerechnet Plastik. Auf seinem Enkel Brooks lastet bei aller Leichtigkeit des dekadenten Lebens die Last, nie selbst etwas geschaffen zu haben und wie um dem Makel der eigenen Einfallslosigkeit überdecken zu wollen, sucht man die Nähe zu Künstlern. Über Plastik lässt sich nunmal so schlecht schicken Small-Talk führen.
 
 
 
When hot meets cold
  Brooks Frau Barbara hat hineingeheiratet in die New Yorker Oberschicht, sie ist Meisterin der Selbstdarstellung und -verstellung, davon besessen, alles abzuschütteln, was noch an ihre Herkunft erinnern könnte. Barbara wär so gern ein grell leuchtender Punkt am Radar der Haute-Volée.
Auf dem Parkett der Oberflächlichkeiten tänzelt sie elegant dahin, ein überirdisches Lächeln auf ihrem Gesicht, das auch nicht weicht, wenn sie und Brooks ihre Duelle der Demütigungen ausfechten. Mittendrin in der Melange aus Dekadenz und Dysfunktionalität ist Sohn Anthony. "I was the steam when hot meets cold", so Tonys Eigenbeschreibung der Baekeland'schen Kleinfamilie. Nun, Dampf ist bekanntlich nicht für seine Stärke und Widerstandsfähigkeit bekannt. Anthony wird zerrieben zwischen der überschwänglichen Liebe der Mutter, dem Desinteresse des Vaters und dem Kleinkrieg aus Machtdemonstrationen und Beleidigungen zwischen den beiden. Als Brooks die Familie verlässt, entwickelt sich zwischen Barbara und dem homosexuellen Anthony ein inzestuöses Abhängigkeitsverhältnis.

 
 
Pieta
  Raffinesse kommt bei "Savage Grace" im Detail ins Spiel: Tom Kalin nimmt die wörtliche Bedeutung der Perversion und stützt sich beim Darstellen der Beziehung zwischen Barbara und Anthony auf die Umkehrung. Schon als kleiner Junge bringt er seiner Mutter das Frühstück ans Bett und weiß, wo das Aspirin steht, das die verehrte verkaterte Mama am Morgen braucht. Einer Szene von Baby Anthony in der Badewanne folgt später die Sequenz, in der er seiner Mutter Eis an die Badewane bringt und ihre nach einem Selbstmordversuch verletzten Handgelenke versorgt. Barbara selbst malt ein Bild von sich und ihrem Sohn, das die Symbolik der Pieta bemüht: Barbara, schön strahlend mit Baby am Schoß. Der Schluss des Films kehrt auch dieses Bild um: Anthony, am Küchenboden sitzend, den Kopf seiner toten Mutter am Schoß.

 
 
 
 
Fall from grace
  Es ist großartig Julianne Moore zuzusehen, wie sie ohne Anstregung zwischen dem leichten Wahnsin, den Ausschweifung und Langeweile so mit sich bringen und dem plötzlichen Aufbrausen, begleitet von Schimpftiraden wechseln kann. Von Mia Farrow zu Geena Rowlands, vom Narzissmus zur Depression in zwei Sekunden, das kann nur sie.

Eddie Redmayne bleibt im Vergleich zu Moore blass (no pun intended), was aber auch am Drehbuch liegt, das Barbara in den Mittelpunkt rückt, wie eine tragische Sonne, um die die anderen Figuren wie Planeten kreisen. Der Walker Sam Green, mit dem sowohl Barbara als auch Tony eine Affäre haben, kreist nicht, sondern post und stolziert wie gebaut aus dem Genmaterial von Gael Garcia Bernal und Patrick Swayze (klingt bizarr, ist aber so) durch seine Szenen und fällt somit raus aus der ansonsten überzeugenden Besetzung.

 
 
Kühl und distanziert
  Einem Redakteur der Vogue ist bei der Rezension von "Savage Grace" das Referenzpferd ein bisschen durchgegangen: "The Great Gatsby", "Tod in Venedig" und "Psycho" werden da herbeizitiert, dem kann der Film nicht gerecht werden, vor allem, weil er trotz der Tatsache, dass seine Figuren Fahrten in den Abgrund auf komplizierte Gefühlskarussellen unternehmen, erstaunlich distanziert und kühl bleibt.

Dabei passt die Tragödie in die Schublade der griechischen Dramen. Ein Stück antiker Tragik, das sich an den Spielplätzen der High Society entfaltet: New York, Paris, London, Mallorca: An Mondänität stehen die anfänglichen Szenen F. Scott Fitzgerald um nichts nach, ein Hauch vom großen Melodram des Douglas Sirk ist zu sehen und zu spüren und doch geht der "Savage Grace" Kuchen trotz der ausgewählten Zutaten nicht auf. Er bleibt picken. Der Film nimmt mit jeder Szene Anlauf, um dann aprupt wieder stehen zu bleiben, eine Tendenz zu auffällig harten, unrhythmischen Schnitten nimmt "Savage Grace" die Chance aufzublühen. Doch als Bühne für Julianne Moores schauspielerische Höhenflüge bleibt er allemal zumindest sehenswert.

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