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Wien | 7.6.2008 | 21:50 
Filmflimmern.

Gerlinde, Matthews, Pamela

 
 
Lars macht mobil
  Es gibt in Spionage-Thrillern oft den Punkt, an dem ein dunkler, dröhnender Score einsetzt und jemand sagt "Können sie sich vorstellen, was dieses Wissen in den falschen Händen anrichten kann?". Einen ähnlichen Moment hatte ich, als ich das erste mal von "Lars and the real girl" - im deutschen von der Neigungsgruppe "Mehrzahl Rocks" zu "Lars und die Frauen" geschwindelt - hörte. Eine Komödie, in der ein Eigenbrötler sich eine Sexpuppe kauft und als seine neue Freundin vorstellt. Diese Ausgangsidee in den falschen Händen und das Archiv für Körperflüssigkeitenwitze muss wieder Überstunden einlegen. Meine Synapsen machten remmi-demmi und kreierten ein Adam Sandler-Szenario mit übriggebliebenen Witzen, die man in der "American Pie"-Trilogie nicht mehr unterbringen konnte. Die Nadel, die diese unangenehme Seifenblase zum Platzen brachte, war die Information, dass Ryan Gosling die Hauptrolle übernehmen würde. Und der hat sich inzwischen als Charakter-Darsteller etabliert, so dass allein die Erwähnung seines Namens meine Klamauk-Visionen zunichte machte.
 
 
 
This is Bianca
  Auf Platz Eins in Sachen Eigenbrötler-Ausstattung ist im amerikanischen Film immer noch der Schnurrbart und so ist auch Lars oberlippenbebartet, trägt einen Anorak und meistens eine gestrickte Babydecke im den Hals. Seine Mutter ist bei seiner Geburt gestorben und als vor einiger Zeit auch der Vater starb, zog sich Lars endgültig zurück. Zwar ist er integriert in die Gemeinschaft der kleinen Stadt, fährt selbst zur Arbeit und geht gern zur Kirche, doch am liebsten ist er doch allein. Nicht so einfach, bei den Versuchen seiner schwangeren Schwägerin Karin (Emily Mortimer) ihn zum Essen einzuladen.

Und eines Tages steht er dann vor der Tür seines Bruders Gus (Paul Schneider) und dessen Frau Karin, in einem Bill-Cosby-light- Sweater, frisch gekampelt und erzählt, er habe Besuch. Von Bianca, sie sei halb-Brasilianerin, halb-Dänin, sitze im Rollstuhl, sei Missionarin und würde es wegen ihrer religiösen Überzeugungen auch vorziehen, nicht bei Lars in der Garage sondern im Gästezimmer zu schlafen. Gus murmelt noch was von "still waters" und zeigt kurz den Stolz des großen Bruders, bevor er dann - selber ganz still - im Wohnzimmer seinem glücklich scheinenden Bruder und ebenjener Biance gegenübersitzt, die eine lovedoll ist und von Lars im Internet bestellt wurde.

 Bianca und Lars
 
 
Do the Forrest Gump: Eigenbrötler Lars allein auf der Bank
 
 
Märchen
  "Bianca is in town for a reason", diagnostiziert die Hausärztin/Psychologin und meint, das beste sei, alle würden Bianca ebenso behandeln wie Lars sie behandelt - als sei sie ein echter Mensch. Die "Des Kaisers neue Kleider"-Methode kommt zum Einsatz, nur dass Bianca im Gegensatz zum Märchenkaiser und ihres Herstellungszweckes nie nackt ist. Kein einziges Mal tappt der Film mit der skurrilen Ausgangsposition in die Fallen des billigen Witzes, Regisseur Craig Gillespie konnte sogar der Versuchung widerstehen, die Sexpuppe-in Alltagssituationen-Bilder (Bianca beim Essen, beim Arzt, beim Friseur) genau dosiert einzusetzen und nicht als running gag bis zum Gehtnichtmehr überzustrapazieren.

Denn Komödie ist "Lars and the real girl" keine, auch wenn uns der Trailer das glauben machen soll. Vielmehr ist es ein Märchen mit realistisch entwickelten Figuren, das genauso wie Michel Gondrys "Be Kind Rewind" den Gemeinschaftsgedanken beschwört, bis man sich mit den Frank Capra Vergleichen nicht mehr zurückhalten kann.

 Patricia Clarkson
 
 
Tauwetter
  Die Gemeinschaft der kleinen Stadt macht ein kleines Wunder möglich, Lars taut auf, schon bald muss er seine Babydecke nicht mehr zwingend um den Hals tragen und wenn schließlich der Schnee schmilzt und ihm ein Tropfen Eiszapfen-Schmelzwasser ins Gesicht tropft, dann nimmt man dem Film die eher plumpe Metapher nicht einmal übel. Wie so oft muss die männliche Figur eine Wandlung durchmachen; in der Komödie und dem Drama sind oft Frauen der Katalysator für diese Wandlungen, die in einer Art Reifungsprozess münden.

Im Fall von Lars ist Bianca diejenige, die eine Änderung auslöst und somit ist es natürlich Lars selbst, der sie bestellt hat und der für sie spricht und handelt, der sich auf einen schmerzhaften Weg macht, raus aus dem selbstgezimmerten Schneckenhaus. Und wenn er einmal mit Bianca streitet im Auto inmitten einer verlassenen Winterlandschaft dann erreicht die Szene sogar mindestens 2 Punkte auf der nach oben offenen Todd Solondz-Skala des Unangenehmen.

 
 
  Eine respektable Leistung des Films ist es, dass auch die Zuseher Bianca bereits nach der dritten Begegnung nicht mehr als lebloses Spielzeug sehen und sich - genau wie der Rest der Kleinstadt auf das Spiel einlassen. Drehbuchautorin Nancy Oliver, die auch Scripts für "Six Feet Under" geschrieben hat, wollte den aktuellen Filmen etwas entgegensetzen, die in ihren Augen "dark, edgy, sarcastic and sometimes mean-spirited" waren. Nun, ich liebe "dark, edgy" und "sarcastic", dass "Lars and the real girl" zu Beginn nicht zu einer schmalztriefenden Gutmenschen-Vision verkommt, ist ihrem Skript zu verdanken und der großartigen Besetzung rund um Ryan Gosling. Der immer souveräne Paul Schneider ("All the real girls") macht das beste aus seiner all american good guy Rolle, Emily Mortimer packt ihren down to earth Charme aus und Patricia Clarkson macht das, was sie macht sowieso immer so unauffällig grandios, dass man leicht auf sie vergisst.

 Emily Mortimer
 
 
Normalität
  Es ist nur schade, dass der Film nicht nutzt, was er so schön aufbaut: Nachdem die ganze Stadt mitmacht bei dem Spiel um Bianca, verlangt das Script schließlich doch die Rückkehr zur Normalität. Wäre der Film tatsächlich aus Skandenavien und würde nicht nur mit jeder Faser und Sekunde an eine jener schwedischen Außenseiterkomödien erinnern, vielleicht wär dann Platz gewesen für ein Ende abseits des Herstellung dessen, was gesellschaftlich als Normalzustand gilt.

Eine schöne Metapher hat der Film aber noch parat, denn wer Lars' Zuneigung zur Puppe Bianca belächelt, der soll sich mal an der eigenen Nase fassen und schauen zu welchen, meist popkulturellen Kunstprodukten (und somit auch nicht lebendigen Erzeugnissen) man in der Lage ist, beinah Verehrung und auf jeden Fall Begeisterung zu entwicklen. Als ich gestern um halb zwei in der ersten Nacht des Urlaubs mit glühenden Augen mit H., M. und H., darüber diskutierte, wie die Lost-Insel unter einer Sawyer-Herrschaft aussehen würde, da musste ich an Bianca denken. Es funktioniert, wenn alle mitspielen.

 Paul Schneider
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  larsandtherealgirl-themovie.com
   
 
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