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Wien | 18.7.2008 | 13:19 
Filmflimmern.

Gerlinde, Matthews, Pamela

 
 
Salut salaud
  Ok, spielen wir "Jeopardy": "1) Episodenfilme, die uns zum tausendsten Mal erzählen, wie spitze Paris ist und selbst vor Pflastersteinromantik, Eiffelturmsonnenuntergängen und Beschwörung der französischen Lebenslust nicht zurückschrecken und 2) Filme, in denen dem Protagonisten eine schwere Krankheit diagnostiziert wird."

Richtig, die gesuchte Frage an mich lautete, welche Filme ich auf meiner Vermeidensliste habe. Insofern, chapeau Cédric Klapisch, ihnen ist ein filmischer Doppeljackpot in Bezug auf meine Aversionen gelugen. In Klapischs "So ist Paris" steht Pierre (Romain Duris), dem eine schwere Herzerkrankung diagnostiziert wurde, auf seinem Balkon und beobachtet die Leute und das Leben in der französischen Hauptstadt.
 
 
 
  Paris ist stadtgewordenens Kindchenschema, man kann sich dem "Och"-Seufzer ohnehin nicht entziehen, wenn man schon mal dagewesen ist, nur gibt es doch wirklich keinen Grund, dass uns mindestens jährlich ein Film genau darauf hinweist. Die Gässchen! Montmartre! Die Straßencafés! Ja eh. Viel interessanter ist es ja wie immer, sich des Nicht-Offensichtlichen zu bedienen. So wie im Kino die bedrohliche Situation in der dunklen Gasse nur halb so spannend ist wie die auf einem belebten, öffentlichen Platz, so ist auch Paris im Film für mich um ein Vielfaches interessanter, wenn nicht im Minutentakt ein barettragender Beau im Streifenleiberl sein Baguette spazierenträgt. Deswegen hier, meine fünf liebsten Filme, in denen Paris nicht das Sonntagsgewandel angezogen hat.
 
 
 
Sie küssten und sie schlugen ihn (1959)
  Was wünscht man ihm nettere Eltern, dem kleinen Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud), dem Alter Ego Francois Truffauts, dessen Kindheit hier erzählt wird. Weder Elternhaus noch Schule bieten ansatzweise Geborgenheit für Antoine, doch Paris fängt ihn auf, und das obwohl es alles andere als bemüht ins schönste Licht gerückt wird.
Mit der Nonchalance von Verkehrspolizisten halten die Knirpse hier Autos beim Straßenüberqueren auf, kennen Hauseingänge wie ihre Westentasche und machen den öffentlichen Raum zu ihrem. Ein Schlafplatz ist schnell gefunden und das Gesicht kann man sich auch im Brunnen waschen. Den besten Zufluchtsort bieten die Pariser Kinos, da stibitzen dann auch Antoine und sein Freund Rene (das bestangezogene Kind der Filmgeschichte) ein Bild aus einem Ingmar Bergman Film.

 
 
 
 
Charade (1963)
  In Stanley Donens "Charade" ist Paris zwar eingefangen wie im Reiseprospekt, der Reiz besteht aber dahin, dass zwei Königskinder der Romanze, Audrey Hepburn und Cary Grant, sich nicht der Romantik hingeben können, weil Zeter, Mord und Mordio hinter jeder Ecke lauern. Nach dem mysteriösen Tod ihres Mannes findet sich Reggie Lampert (Hepburn) bedroht und verfolgt von einem finsteren Triumvirat, unter ihnen George Kennedy und James Coburn. Und beim Seitenscheitel-Charmebolzen, der alle 15 Minuten seinen Namen wechselt (Cary Grant) ist sie nie sicher, ob er auf ihrer oder der Gegenseite ist.

Das Hotel, in dem die beiden hausen, ist zwar entzückend, doch liegt öfter mal eine Leiche in der Badewanne. Die Architektur ist bezaubernd, doch muss man damit rechnen, dass hinter der nächsten Säule wieder ein ballernder Bösewicht steht.
Wie in "Sie küssten und sie schlugen ihn" gibt es auch hier eine schöne "Kinder kreischen im Kasperltheater"-Szene. Die Musik kommt von Henry Mancini, Hepburns fantastische Herbstgarderobe von Hubert von Givenchy - c'est magnifique.

 
 
 
 
Diva (1981)
  Postbote Jules (Frédéric Andréi) ist ein großer Verehrer der Operndiva Cynthia Hawkins (Wilhelmenia Fernandez), die sich weigert, Aufnahmen von ihrem Gesang machen zu lassen (in your face, Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit), was Jules nicht davon abhält bei einem Konzert heimlich mitzuschneiden. Während das alleine Jules heute wahrscheinlich bereits in die Bredouille bringen würde, kommt es in "Diva" noch schlimmer: Ein zweites Tape beinhaltet wichtige Informationen zu einem Drogenring und durch einen Zufall ist Jules in Besitz dieses Tapes. Zwei Musikpiraten aus Taiwan jagen nun dem Bootleg hinterher und andere finstere Gestalten (u.a. Dominic Pinon, bei dem ich - weil sich das "Delicatessen"-Plakat so in meinen Kopf eingebrannt hat, immer wieder beruhigt bin, ihn doch mit Körper anzutreffen) wollen Jules an den Kragen und das Tape zurück.

Statt Pariser Altbau gibt es neonerleuchtete Garagen, runtergekommene Fabrikshallen, düstere Tiefgaragen. Und wenn man im Strafencafé sitzt und in Ruhe eine Gitane rauchen will, kann man sicher sein, dass man Zeuge einer Entführung wird. Die Farbsättigungs-Regler auf Turbo Boost gestellt, schenkte Regisseur Jean-Jacques Beineix der Welt einen Thriller, der mit jeder Faser Pop schreit und das, obwohl musikalisch die Oper dominiert. "Diva" verkörperte 1981 visuelle Erstbesteigungen von Gestaltungsgipfeln und wurde berühmt für seine extravagante Verfolgungsjagd durch die Gänge der Pariser Metro.

Hier zu sehen: Wilhelmenia Wiggins Fernandez singt "La Wally" am Beginn von "Diva"

 
 
 
 
Frantic (1988)
  Die kommen so schnell nicht mehr nach Europa. Dr. Richard Walker (Harrisson Ford) und seine Frau Sondra sind wegen eines Arztkongresses in Paris, als Sondra plötzlich verschwindet - in einer fantastisch unaufregenden Sequenz. Sie wurde entführt, beharrt Richard, peut-être meinen die Flics. Da ist nichts mit französischer Romantik, Richard verschlägt es in hanebüchene Spelunken mit den schlimmsten ästhetischen Spielarten der 80er Jahre, wo man ihm schließlich Koks unter die Nase hält, als er sich nach einer weißen Frau erkundigt. Weit und breit kein französischer Charme, sondern nur Polizisten, die griesgrämig Protokolle eintippen. Schließlich wächst Richard, wie jeder filmische Protagonist, an seiner Aufgabe, ist er am Anfang des Films schon wegen eines platten Reifens aus dem Konzept geworfen, klettert er schließlich über Dächer, stellt sich Pariser Unterweltlern auch schon mal nackt gegenüber. Mit einem Teddybär als Feigenblatt.

An seiner Seite ist Emmanuelle Seigner in ihrer ersten Filmrolle zu sehen und als aufregender Gegenentwurf zu Mrs. Walker.
Soundtracktechnisch ist es auch alles andere als "La vie en rose", fantastisch zieht sich Grace Jones' "Seen that Face before", wie ein hypnotischer Schlange-Kaa-Gesang durch Roman Polanskis "Frantic".

 
 
 
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