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Wien | 26.7.2008 | 15:02 
Filmflimmern.

Gerlinde, Matthews, Pamela

 
 
Mist statt Mystery
  Irgendwo in einer Kiste bei meinen Eltern zuhause, muss er noch zu finden sein. Der Entwurf für eine "Akte-X"-Episode, in der, wenn ich mich recht erinnere, das Militär medizinische Experimente an Soldaten durchführt, um sie in fischartige Wesen zu verwandeln (mit dem Ziel Amphibienmenschen schaffen). S., L. und ich hatten in langen Nächten der hochverehrten Serie ein Denkmal gesetzt. Bis gestern musste ich immer lachen, wenn mit der selbstersponnene Plot eingefallen ist. Gestern aber, hab ich "X-Files: I Want to believe" gesehen und jungejunge, das ist erst recht zum Lachen.
 
 
 
Nostalgie
  Zu Beginn gibt es ein paar Happen Nostalgie für Akte-X-Liebhaber mit gutem Gedächtnis: In Mulders Arbeitszimmer hängt das "I want to believe"-Poster, eine Schale mit Sonnenblumenkernen steht auf dem Schreibtisch und an der Tür klebt das Kinderfoto von Samantha Mulder. Ja, sogar der Font, der im linken Leinwandeck geografische Eckdaten und manchmal die Uhrzeit bekannt gibt, ist der gleiche wie im Serienformat.

Und Mulder selbst? Nun, der macht das, was Männer in amerikanischen Filmen so tun, wenn dem Publikum klar gemacht werden soll, dass die Resignation einen kleinen Sieg mit nach Hause genommen hat: Er trägt Vollbart. Natürlich nur zu dem Zweck, um ihn später - mit neu gefundenem Investigationselan abzurasieren. Die Bartmetapher ist - und da verrate ich jetzt nicht zuviel - genauso unoriginell wie der Rest des Films, da ist kein Funken von der Originalität, der Experimentierfreude und dem Mut der Serie zu spüren, die mich damals jeden Dienstag vor dem Fernseher kleben liess. Von Paranoia, Verschwörungstheorien und Misstrauen war die Atmosphäre gesättigt, in der Mulder und Scully ihrer Arbeit nachgingen. Und das alles andere als superheldenartig. Vor allem Mulder, der stets müde schien, die Augen nie ganz aufbekam und vom Rest des FBI auch noch mit dem Spitznamen "Spooky" bedacht wurde, war eine Antithese zu üblichen Agentenfiguren, die Erfolgserlebnis an Erfolgserlebnis in ihrem CV sammelten. Mulder nämlich verlor jeden Kampf, den er je auszufechten hatte.

 
 
Fox und Dana
  Die kleine, rothaarige Dana Scully stellte neue Weichen für weibliche Serienfiguren: Sie fungierte als Stimme der Vernunft, die in vor Biologismen nur so strotzenden TV-Serien meist den Männern zugedacht wird. Mit Details zum Privatleben hielten sich die Macher der Serie so lange zurück, bis man nach jedem Detail gierte: Endlich mal die Wohnung von Scully sehen, endlich mal die Eltern kennenlernen - von der Spannung zwischen Scully und Mulder ganz zu schweigen. Da konnte eine Umarmung zu einem "Wir haben immer noch Paris"-Moment werden.
Immer wieder wurde das übliche Serienformat aufgebrochen, sogar Diskussionen aus Fan-Foren fanden ihren Weg in die Serie, wenn es da seitenlange Diskussionen darüber gab, warum immer Mulder am Steuer des Autos saß, so fragte schließlich in "Syzygy" Scully mal nach, warum sie nie fahren durfte. Wenn Duchovnys Spiel immer wieder "expressionless" genannt wurde und nicht alle Scullys Haarfarbe zustimmten, dann fand das den Weg in die Serie in der großartigen Episode "Jose Chung's From Outer Space". Ein Film nach Serien-Ende hätte Narrenfreiheit bedeuten können, weil es ja keinen Weg zurück ins TV-Format geben muss. Doch der Mut, mit dem Fomat zu spielen ist verdunstet, denn "X-Files: I want to believe" ist Mystery-Meterware.

 
 
Rauchender Priester
  "X-Files: I want to believe" setzt sechs Jahre nach Ende der Serie an: Scully (Gillian Anderson) hat dem FBI den Rücken gekehrt und arbeitet als Ärztin. Dass sie immer noch die Kette mit dem kleinen Kreuz um den Hals trägt kann noch als schönes Detail für aufmerksame Zuseher gewertet werden, der Verdacht, dass hier bald schwere christlich angehauchte Geschütze aufgefahren werden, verdichtet sich, als wir lernen, dass sich Scully um ein schwerkrankes Kind kümmert, das den Namen Christian trägt. Bevor man noch "Oh Gott" murmeln kann, taucht dann auch noch ein Priester mit Visionen auf, der dem FBI bei der Suche nach verschwundenen Frauen hilft. Billy Connolly gibt einen völlig lachhaften Father Joe, dessen Haarpracht Thomas Gottschalk in letzter Konsequenz vor Augen führt, wie er in einigen Jahren wohl aussehen wird. Der Glaube, ein roter Faden der Serie, wird in zahlreichen Dialogen aufgegriffen, um dann in in affirmativen Stehsätzen abgehandelt zu werden.

 
 
Monster of the week
  Visuell ohne jegliche Inspiration oder Überraschung und mit einem Drehbuch, das zwischen fad und hanebüchen schwankt, wirkt der zweite Akte-X-Film als wäre er aus Versehen auf der großen Leinwand gelandet. Stand von vornherein fest, dass der Film die große Mythologie rund um Aliens und Regierungsverschwörung außen vor lassen würde und sich an den "Monster of the Week"-Episoden orientieren würde, so hatte ich dennoch Hoffnung. Denn da gab es jede Menge Spitzenmonster. Der Film aber wärmt ein Frankensteinmotiv auf und köchelt mit dem Klischee der bösen, brutalen Russen einen Einheitsbrei, der meilenweit unter dem Niveau der Serie liegt. Das könnte ich sogar eventuell noch verzeihen. Dass aber Regisseur Chris Carter und Co-Drehbuchautor Frank Spotznitz so lieblos mit ihren geschaffenen Figuren umgehen, ist unverständlich.

 
 
  Scully ist zur Passivität verdammt und wird mittels einer unfassbar dämilchen Szene, in der sie vor einem schweren Eingriff mal ein bisschen "stem cell research" googelt" auch noch ihrer fachlichen Kompetenz beraubt. Anstatt sich auf die Stärke der Kombination der beiden zu besinnen, sind Mulder und Scully kaum gemeinsam bei Ermittlungen zu sehen. Schätzungsweise ein Viertel des Films geht ohnehin mit Szenen drauf, in denen jemand wahlweise in ein Auto einsteigt, mit dem Auto fährt oder aus dem Auto aussteigt. Ein dröhnender, basslastiger Soundtrack täuscht Spannung vor, wo keine ist. Was mir dann aber den letzten Nerv raubt, ist ein Drehbucheinfall, der mit einem Drucker zu tun hat und eine Szene, in der Mulder ein wenig unüberlegt agiert. Nicht "by the book"-Spielen schön und gut, mein lieber Fox, aber EIN SCHRAUBENSCHLÜSSEL?

Ich muss jetzt mindestens dreimal hinterereinander Folgen wie "Jose Chung's From Outer Space" oder "Clyde Bruckmans Final Repose" oder "D.P.O" oder "Post Modern Prometheus" anschauen, um mein X-Files-Gleichgewicht wieder herzustellen.

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