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Wien | 2.9.2008 | 15:18 
Filmflimmern.

Gerlinde, Matthews, Pamela

 
 
Toiletten und Tabletten
  Aufsteigermärchen oder Geschichten über Menschen, die unter schwierigen Umständen schließlich doch Erfolg haben, zählen in allen möglichen Variationen zu den Dauerbrennern des amerikanischen Kinos. Der 17-jährige Charlie Bartlett (Anton Yelchin), ein Richie Rich mit "Rushmore"-Anleihen will im gleichnamigen Film vom Jon Poll etwas, das an einer High School mehr zählt als Erfolg: Popularität. Dafür begibt er sich auch gerne in die Illegalität. Aus der letzten Privatschule ist er geflogen, weil er Ausweise für Mitschüler gefälscht hat, jetzt schickt ihn die, der Welt mittels Reichtum und Medikamenten entschwebte, Mutter auf eine öffentliche Schule.
 
 
 
Kopf im Klo
  Als er diese betritt mit dunklem Schulblazer, veredelt mit lateinischem Spruch über der Brusttasche und einer Aktentasche ist klar, dass Charlie Bartletts seitenscheitelig-gekampelter Kopf bald in einer Kloschüssel landen wird. Mit solch einer Taufe ist man normalerweise zum ewigen Außenseiter gebrandmarkt, doch Charlie schafft es, sich vom leichten Opfer des Schulbullies zum Held der High School zu wandeln: Als Freud und Freund vom Dienst erklärt er die Toilette zum Therapieraum und hört sich die Probleme seiner Mitschüler an. Weil ein gut gemeinter Rat allein aber nicht reicht, gibt es die passenden Tabletten dazu.

 
 
  Ritalin und ähnliche Psychopharmaka sind das Zeitgeist-Update, das der High School Film in den letzten Jahren erfahren hat; irgendwie muss ja weggedoktort werden, wenn Familie und Schule versagen. Und noch etwas ist neu im Vergleich zu anderen, ähnlichen Filmen: Die Erwachsenen.
 
 
 
Erwachsenenwelt
  Waren bis in die 90er Jahre Erwachsene im High School Film noch miesepetrige Langeweiler, die jede Minute des Tages damit verbrachten, darauf zu achten, dass Autoritätsstrukturen eingehalten wurden (wunderbar vorexerziert in "The Breakfast Club"), haben sie inzwischen längst das Oberwasser verloren. Ähnlich wie in "Thumbsucker" ist auch in Chalie Bartlett Ritalin die Antwort auf das Schulterzucken von Eltern, die nicht mehr weiter wissen und selbst zu Susbstanzen greifen, um den Alltag zu meistern: Charlies Mutter spült die Tabletten mit Chardonnay hinunter und der Schuldirektor pflegt eine On/Off-Beziehung mit dem Alkohol. Robert Downey Jr beschert dem Film einige schöne Momente als überforderter Direktor und Vater, der in seiner Freizeit in einem Bademanten am Pool sitzt und ein Boot mit Fernbedienung steuert. Um zumindest irgendwas in seinem Leben unter Kontrolle zu haben.

 
 
Reue
  Der Film, der zu Beginn noch die Scheinheiligkeit belächelt mit der Schüler von Drogen ferngehalten werden, Psychopharmaka aber nur schnell und gerne auf den Teenager-Speisenplan gesetzt werden, verliert dann ziemlich schnell seinen Biss und wird handzahm. Da wird an allen Ecken und Enden bereut und bedauert und die Fahne der kreative Freizeitgestaltung hochgehalten. Wie in "Rushmore" wird auch in "Charlie Bartlett" zum Ende ein Theaterstück auf die Bühne gebracht: wo Max Fisher die Bühnenversion von "Apocalypse Now" inszeniert, gibts in "Charlie Bartlett" die übliche Einlullbotschaft von wegen, dass einem im Leben alle Wege offen stehen und man machen kann, was man will.

 
 
Sing Out
  Cat Stevens Song "If you want to sing out, sing out", der aus Hal Ashbys "Harold and Maude" stammt, ist in "Charlie Bartlett" der realitätsverweigernde, nostalgische und dramaturgische Schleudersitz raus aus dem Film und rein in den Abspann. Dass ein Film, der mit schwarzem Humor, Seitenhieben auf den heuchlerischen Umgang mit Drogen, den hysterischen Irrsinn, Überwachungskameras als Antwort auf alle Probleme einzusetzen, und schließlich Theater spielen und einen Cat Stevens Song als generationenübergreifende, versöhnende Lösung vorsetzt, ist enttäuschend.

 
 
  Was "Charlie Bartlett" schlußendlich aber wirklich das Bein stellt, ist ein Drehbuch, das nicht so recht weiss, was es will. Mal schlüpft es ins Gewand der Satire, dann schlägt es klassische Teenagerkomödien-Töne an, dann wieder will es als richtiges Drama ernstgenommen werden. Dabei kann man aus den Referenzen sehen, dass man durchaus einige funktionierende Filme aus dem Subgenre "High School Film" sich zu Gemüte geführt hat: Charlie hat die Schläue und Chuzpe eines Ferris Bueller, die sprachliche Überlegenheit eines Max Fisher und in kleinen Ansätzen ist auch das rebellische Potential eines Hard Harry aus "Pump Up The Volume" vorhanden. Und abschreiben ohne ein überzeugendes Resultat hervorzubringen ist ein Armutszeugnis. Am besten, "Charlie Bartlett" du kommst am Samstag zum Nachsitzen rein. Welche High School Filme man nicht versäumen sollte, kann man bei Kollegin Matthews nachlesen.

"Charlie Bartlett" läuft seit 29. August in den österreichischen Kinos

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  charliebartlett-themovie.com

Be True To Your School
Gelungene cineastische Annäherungen an das heikle Thema "American High School", aus der Sicht einer, die selbst mal Teil davon war. (Barbara Matthews)
   
 
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