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Wien | 14.10.2008 | 12:05 
Filmflimmern.

Gerlinde, Matthews, Pamela

 
 
Wo die Neurosen blühen
  Kaum jemand kann so entrückt wie Valeria Bruni-Tedeschi schauen, als würde gerade der Wahnsinn seine langen Arme nach ihr ausstrecken. Die großen Augen meist wässrig und weit geöffnet schaut sie ins Leere und dann aber lacht sie. So als wär der lange Arm eben nur ein bisschen bei ihr angekommen und hätte sie gekitztelt. Einige Male bricht sie in ihrer zweiten Regiearbeit "Actrices" in dieses Lachen aus, hält sich dann die Hand vor den Mund und kichert und prustet während sie zB dem Schauspielkollegen erklären versucht, sie würde besser spielen, wenn seine Füße wieder stinken würden.
 
 
 
Ein altes Kind
  Marcelline, die gefeierte Theaterschauspielerin ist nervlich und mit ihrer Weisheit ein wenig am Ende, der 40. Geburtstag steht vor der Tür, die Gynäkologin weist auf das laute Ticken der biologischen Uhr hin, die Mutter bezeichnet sie als altes Kind, der Regisseur des Stücks will "Bewegung statt Psychologie" auf der Bühne nur Marcelline selbst weiss nicht ganz genau, was sie will. Ein Kind ja, allein, es fehlt der Mann und weder ein ehemaliger Liebhaber noch ein spontan angesprochener Pfarrer wollen als Kindsvater einspringen.

Doch "Actrices" wird nicht zum Plädoyer für Mutterschaft, als Spiegelbild zu Marcelline fungiert Regieassistentin Nathalie (Noémi Lvovsky), die sich statt für die Schauspielerei für die Familie entschieden hat und nun drauf und dran ist, Kind und Mann zu verlassen, weil sie für den Regisseur schwärmt. Den leicht cholerischen Regisseur des Turgenjew-Stückes "Ein Monat auf dem Lande" gibt Tausendsassa Mathieu Amalric, den jungen Hupfer im Theater-Ensemble gibt - dezent, murmelnd und nägelkauend - Louis Garrel, in einer für ihn seltenen Rolle des immer Angezogenen.

 
 
 
 
Selbstzweifel
  Mit einem dicken Faden der eigenen Autobiografie strickt Bruni-Tedeschi Szenen einer tragikomischen Stadtneurotikerin, bei der sich schließlich Realität und Traum bzw. echtes Leben und Theaterstück nicht mehr so leicht auseinanderdividieren lassen - so wie man auch Filmfigur Marcelline und Valeria Bruni-Tedeschi nicht genau trennen kann. Die eigene Mutter spielt im Film die Mutter, am Théâtre des Amandiers, in dem in "Actrices" geprobt wird, hat Bruni-Tedeschi bereits gearbeitet, wie Marcelline ist sie erfolgreich, 40 Jahre alt und kinderlos. Es geht auch um ihre Selbstzweifel, privat wie beruflich, trotzdem bezeichnet Bruni-Tedeschi selbst "Actrices" als weniger narzisstisch als ihr Regiedebüt "Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr".

Stand damals die Beschäftigung mit ihrer Herkunft, der Bourgeoisie, im Vordergrund, wurde das Private und die Vaterfigur abgearbeitet, so widmet sie sich in "Actrices" ihrer Arbeitswelt, dem Theater und der Mutterfigur. Immer wieder betont sie in Interviews, dass ihre Filme auch ein Emanzipationsprozess vom Elternhaus sind. Privilegien sind in ihren Filmen vor allem eine Belastung, in "Eher geht ein Kamel..." führt sie das schlechte Gewissen ob ihres Reichtums schließlich in den Beichtstuhl, in "Actrices" betet sie die Junfrau Maria um ein Kind und Liebe an und bietet im Gegenzug den Verzicht auf Ruhm und Ehre.

 
 
Mit den Toten reden
  Überhaupt fällt Marcelline die Kommunikation mit fiktiven Figuren leichter als mit ihren Mitmenschen: Während Gespräche in ihrem Alltag schon mal damit enden, dass ihr eine Torte ins Gesicht klatscht, sie in ihr leicht hysterisches Lachen ausbricht oder sie während ihr eine zögerliche Liebeserklärung gemacht wird, die Flucht ergreift, unterhält sie sich blendend mit ihrer Figur aus "Ein Monat am Lande", plaudert mit dem verstorbenen Vater am Sofa oder einem längst gestorbenen Liebhaber, der im Baum vor ihrem Fenster sitzt.
"Actrices" verpackt die Schwere einer Lebenskrise in Leichtigkeit, macht ihre Figuren zu unfreiwilligen Komödianten, verneigt sich vor der Kunst und ihrem Einfluss auf das Leben, um ihr gleich danach einen Tritt in den Hintern zu verpassen. Es zeigt Menschen, die sich nicht sicher sind, den richtigen Weg eingeschlagen haben und noch unsicherer darüber, ob man das korrigieren kann. Das hat man alles schon mal irgendwie gesehen, aber noch nicht mit Valeria Bruni-Tedeschi.




 
 
Allez-Hopp
  Wenn Bruni-Tedeschi im Interview sagt, sie habe keine Ahnung von Inszenierungen, dann ist das natürlich nicht ganz richtig, zwar ist "Actrices" visuell und inszenatorisch gesehen alles andere als aufsehenerregend oder gar innovativ, doch die manchmal auffällig schöne Bildkomposition lässt sich nicht wegleugnen. "Actrices" ist ein Setzkasten an Szenen, denen der große Rahmen oder Bogen fehlt, doch das ist spätestens dann verziehen, wenn das große Drama eines Sprunges von der Brücke in den Fluss dadurch gebrochen wird, dass die Springende eine Spitzenschwimmerin ist.

"Actrices" läuft seit 10. Oktober in den österreichischen Kinos

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  In der Mitte ihres Lebens
Valeria Bruni-Tedeschi im Interview mit Petra Erdmann.

actrices-der-film.de
   
 
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