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Wien | 12.4.2007 | 12:43 
Flaschendrehen und Tischerlrücken, Schmerzenhören und Seelebrennen, garniert mit einem Hauch von Zimt.

Fuchs, Pfister

 
 
"Cassadaga"...
  Die Vorfreude sei die schönste Freude meint die Überlieferung der Alten und tatsächlich spricht nur wenig dagegen.

Wünschen, Kriegen, Haben und Vergessen, so die materialistische Begehrens-Liturgie unserer Zeit.
Auch meine spätwinterliche Begierlichkeit war groß, das neue Album der Bright Eyes - Cassadaga - endlich in die Hände zu bekommen.

Über die Gründe, warum die Musik Conor Oberst's meine Seele rührt wie das Bett aus Seide den todmüden Wanderer, habe ich an damaliger Stelle zur Genüge pathetisiert.

Vor knapp einer Woche war es dann soweit, willkommen in Cassadaga.
Und irgendwas ist tatsächlich anders. Die Ernüchterung, die im Regelfall der Befriedigung auf Schritt und Tritt folgt - sie bleibt aus.
Keine Spur.
 
 
 
Die Bright bei ihrem Berlin Konzert im März. Dank für das Foto geht an Maria Motter.
 
 
  Am ehesten ist mein Gefühl für diese Platte eine bizarre Form von Erschlagenheit im positivsten Sinne.
Erschlagen von der Wucht ihrer Größe, Schönheit und Poesie, das Ding bleibt spannend wie ein Bild, von dem man einen faszinierenden Ausschnitt sieht.

Ein Mysterium, das es zu durchforschen gilt, so wie damals, als man am heiligen Abend nicht schlafen gehen wollte, weil die Lego-Raumstation noch nicht fertig gebaut war.

"Wer mit der Gabe der Melodie beschenkt ist, kann uns alles erzählen, das ihm am Herzen liegt", schreibt der Rolling Stone über Cassadaga und ich weiß nicht, ob es wirklich so einfach ist.
Da sitze ich jetzt also, das Album vor mir.

Und so lächerlich sich das anhört, irgendwie habe ich den kindlichen Wunsch, dem Ding ein Bussi zu geben.
 
 
 
  Mehr kann ich noch nicht sagen, verzeiht, ich denke, ich höre mir das Album einfach nochmals durch, zum mittlerweile 14ten oder 15ten Male.

Und überlasse die Metaebene als gschamster Diener meinen lieben Kolleginnen Eva Umbauer und Robert Rotifer...
 
 
 
Eva Umbauer
  "First I have to ask, will you make a plan to love me. Will you make a plan to love me soon?"
Bright Eyes, "Make A Plan To Love Me"
 
 
 
  Conor Oberst. Conor who? Ich komme oft spät auf Dinge drauf, etwa auf Alben, die zum Zeitpunkt meines Entdeckens schon ein, zwei Jahre alt oder noch älter sein mögen. Also: ICH habe Conor Oberst nicht zuallererst entdeckt, nicht hierzulande, sonstwo in Europa oder in den einsamen Weiten rund um Omaha, Nebraska. War es der Ostermayer? Kollege Fritz Ostermayer im FM4 Sumpf? Egal, ich hab den Namen Conor Oberst zum ersten Mal aus dem Radio gehört, aus Fritzens Mund, da bin ich mir ziemlich sicher. Das ist nun schon ein Weilchen her. Sofort ließ ich mich aber nicht ein auf diesen Herrn Oberst aus der midwestlichen Steppe der Vereinigten Staaten. Ich war sogar skeptisch. Ein altkluger, trauriger Bub mit schwarzen Stirnfransen, traurigen Hundeaugen und noch viel traurigeren Liedern? Hmm, brauche ich das? Shame on me. Shame on me, wusste ich irgendwann dann. Eine "old soul" im jungen Körper, aber nicht "altklug". Fritz täte vielleicht in diesem - meinem - Fall zur Geißelung raten. Dazu bin ich zu feige, aber ich bin nicht zu feige, zu sagen, dass mich der Song "Make a plan to love me" eben sowas von umgehauen hat, im Sessel sitzend. Auf Englisch lässt sich das, eh klar, immer leichter sagen: It threw me. It blew my mind. It brought tears to my eyes, weil ich dermaßen berührt war. Ich bin am Höhepunkt meiner Bright Eyes-Erleuchtung. Ich sagte ja, ich bin immer etwas später dran mit der Popmusik und der weniger populären. Kollege Rotifer meint, es gebe einen "backlash" auf Conor aka Bright Eyes. Ich will das nicht weiter erforschen, ich weigere mich. Ich möchte keine negativen Gedanken in meiner Glückseligkeit, die mir ein Song wie "Make A Plaln To Love Me" bringt. Sad songs, they say so much, meinte Sir Elton John doch mal.

 
 
  "First you wanna ride off to the sun, then you wanna shoot off to the moon."

Am Schlagzeug bei diesem Song übrigens: Maria Taylor, Indie-Rock-Goddess supreme und, äh, "bessere Hälfte" des Herrn Oberst. - Wie hält die das aus? - Maria, eine superbe Schlagzeugerin, eine Southern Belle aus Alabama via Athens, Georgia dem Meister ins rauhe Omaha, Nebraska gefolgt, und wenn die Glamour-Welt gerecht wäre, müssten die beiden mindestens zehn Seiten Homestory in der US-Ausgabe von Vanity Fair haben: Maria und Conor, first couple of indie-rock.Wie das funktioniert mit den beiden? Weil sie ihm ebenbürtig ist.
Aber was macht die in Chicago ansässige Rachael Yamagata auf diesem Song namens "Make A Plan To Love Me"? Die zwischen hoher Liedkunst und glatteren Songs, etwa für "OC California", stilvoll wechselnde Rachael singt das, was man backing vocals nennt. Vielleicht hat Tortoise-Mann John McEntire die Brücke gelegt zu Conor und den Aufnahmen für das neue Abum der Bright Eyes.
Wie auch immer.

 
 
 
  "Life's too short to be a fool. Will you make a plan to love me? Will you make a plan to love me sometime soon?"

Eine "alte" Seele im noch immer so jungen Conor-Körper. Was kommt als nächstes von ihm? Wo wird er in fünf, in zehn, in fünfzehn Jahren sein? Ich weiss es nicht. Let's enjoy the moment, this truly blissful moment.
 
 
 
Robert Rotifer
  Die Boten des Backlash lauern schon lang nicht mehr verstohlen im Hintergrund, sie sitzen hoch auf den dampfenden Misthaufen ihrer schnatterhaften Blogs (ganz im Gegensatz zu unserem selbstverständlich) und lassen uns wissen: Dieser Conor Oberst mache doch nur Musik für alte Menschen, die Trantüte tue auf tiefsinnig und nichts sei dahinter. Spottend wendet sich die Menge vom vermeintlichen Propheten ab und ahnt dabei nicht, dass sie ihm damit eigentlich einen Gefallen tut.

So wie auf seinen Vorgängern steckt nämlich auch auf "Cassadaga" gerade hinter der scheinbaren Larmoyanz in Wahrheit jede Menge Witz und Selbstkritik. Jawohl, es sollte endlich einmal gesagt, werden: Conor Oberst schreibt auch lustige Songs. Solche wie "Soul Singer in a Session Band" zum Beispiel, wo er sich selbst und besagten, von gefälschten Emotionen lebenden Sessionprofi mit einem heulenden Infanten "atop a white baby grand" vergleicht. Ein "baby grand", das ist ein Stützflügel, und das von Oberst heraufbeschworene Sinnbild eines brüllenden kleinkindlichen Lennon der Imagine-Ära ist eigentlich böser als alles, was die blökenden Blogger ihm andichten könnten.

Conor Oberst ist also erstens nicht blöd und zweitens seines Rufs als ewiges Wunderkind ganz offensichtlich selbst längst müde. Wenn er in einer Zeile wie "When I hear beautiful music, it's always from another time" die eigene Besessenheit von der amerikanischen Songtradition offenlegt, dann bietet er uns damit ganz bewusst seine Bauchseite.
Einfältige Gemüter sind eingeladen, ihm ihre Brieföffner reinzurammen, der Rest von uns darf es als Einladung zur Umarmung verstehen.
 
 
 
Danke Eva, danke Robert...
  Und bevor ich es vergesse: Die Bright Eyes spielen demnächst am Nova Rock.
Und vielleicht darf ich dann dem Conor Oberst selbst ein Dankes-Bussi aufdrücken, weil ein Stück Karton abschmusen ist dann irgendwie doch sogar mir zu blöd.
 

 
audio
 
title: Album der Woche: Cassadaga
artist: Bright Eyes
length: 1:16
MP3 (1.218MB) | WMA
   
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