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Wien | 10.5.2007 | 16:32 
Flaschendrehen und Tischerlrücken, Schmerzenhören und Seelebrennen, garniert mit einem Hauch von Zimt.

Fuchs, Pfister

 
 
Audioweg Gusen
  Als amerikanische Truppen 1945 das KZ Gusen, unweit von Mauthausen, befreiten, waren dort in den sechs Jahren zuvor 37.000 Menschen ermordet worden. Somit starb etwa ein Drittel aller auf österreichischem Gebiet internierten KZ Opfer im Lagerkomplex Gusen/St.Georgen, die meisten von ihnen Kriegsgefangene und politische Häftlinge aus Polen, Spanien, Italien, Frankreich, der Sowjetunion und anderen europäischen Ländern.

Wer nach Gusen gebracht wurde hatte kaum Aussichten zu überleben, Gusen galt als "Lager ohne Wiederkehr". Wer nicht mehr arbeiten konnte ist gestorben.

Von der SS erschlagen, bei grausamen Arbeitsbedingungen umgekommen, erfroren, verhungert oder ertränkt. In den letzten beiden Kriegsjahren waren dann auch viele Juden, darunter zahlreiche Kinder, unter den Opfern.

"Lieber wäre ich zu Fuß nach Dachau zurückgegangen, als in Gusen zu bleiben!", so ein Überlebender.
 
 
 
Schärfung der Erinnerung
  Und während das knapp fünf Kilometer entfernte Hauptlager Mauthausen in der zweiten Republik zum Zentrum des institutionalisierten Gedenkens wurde, hat man Gusen aus der öffentlichen Gedenkkultur weitgehend ausgeblendet. Heute stehen Einfamilienhäuser und idyllische Vorgärten am Gelände, wo früher Kinder zum Sterben in Plastiksäcken verscharrt wurden.

Nichts erinnert an das Grauen, das sich vor 62 Jahren in diesem malerischen Landstrich an der Donau zugetragen hat. Der in St. Georgen an der Gusen aufgewachsene Christoph Mayer versucht nun mit einem Kunstprojekt den Umgang mit der Erinnerung zu schärfen, - dem "Audioweg Gusen".

Wer den Audioweg Gusen geht, wird von einer Stimme über Kopfhörer durch eine beschauliche Wohn- und Erholungslandschaft geführt, die vordergründig nichts von ihrer Vergangenheit erahnen lässt.

 Christoph Mayer
© Jens Alpermann
 
 
  90 Minuten, also Spielfilmlänge, dauert der Weg durch eine Marktgemeinde, wie sie überall in Österreich stehen könnte. Kinder spielen im warmen Maiwetter, ein Dach wird saniert, ab und zu bellt ein Hund. Dazwischen wandelt man zum Rhythmus der Schritte, die aus dem Ipod kommen.

Durch die Ohren kommen die Stimmen die das ländliche Dorftreiben aus anderen Augen betrachten.

Aus den Augen der Überlebenden.

Der Verfolgten.

Der Anwohner.

Und der Täter.

OFF-Stimme "Bleiben wir an der Kreuzung stehen. Bei der Straßenlaterne mit dem Schild Spielplatzstraße. Rechts von der jetzigen Buchenstrasse lag ein ganz primitives Barackenlager mit dreizehn Holzbaracken, für bis zu 16.000 Häftlinge. Es gab nur eine Waschbaracke, eine Wasserstelle. Die SS übertrug vor allem kriminellen Häftlingen, die bereits in Gusen I ihre Brutalität unter Beweis gestellt hatten, die Verantwortung für die innere Organisation und die Disziplin im Lager. Ohne gesicherte Ernährung galt es als das schrecklichste Lager des Systems Mauthausen."

 Die heutige Gartenstraße säumten zwischen 1940 und 1945 die Baracken des Lagers Gusen I.
© christoph mayer chm
 
 
Gusen?
  Bewohnerin Gusens: "Irgendwie is a a komisches G'fühl oda? Waun ma drüba nochdenkt, es is vor deiner Haustür domois passiert oda do goa, do woan Barackn oda sunst irgendwos. Komisch oder? I man, stellts Euch vor, Ihr kaufts an Grund und grabts a Pool aus und auf einmal kommen da Knochen und Teller und Besteck fiara, wos jo Gang und Gäbe is waun die Nochb ... Jeder baut jetzt an Swimmingpool!"

D.F. (damals SS): "Damals war es für mich selbstverständlich: Du bist jetzt als Wachmann hier eingesetzt und musst hier Posten stehen ... Sehen Sie, das ist ja das furchtbare. Ja. Das man sich überhaupt nicht gefragt hat: Wie kannst Du? Und: Was sind das für Menschen?"

Überlebender Häftling aus Polen, lebt heute in den USA, beim Besuch Gusens "Hier ist es so ruhig. Gusen ist so ruhig. Ist das Gusen hier? Gusen?"

 Die heutige "Gartenstraße" in Gusen, kurz nach der Befreiung der Konzentrationslager Gusen I und II, im Mai 1945
© National Archives and Records Administration (NARA),Washington, D.C.


 
 
Wie kann man hier überhaupt wohnen
  "Wie kann man hier überhaupt wohnen", ist eine der häufigsten Fragen mit denen der Initiator des Projekts Audioweg, Christoph Mayer, konfrontiert wird, und die ihn schon etwas ungehalten macht. Er ist in St. Georgen bei Gusen aufgewachsen.

"Ich glaube nicht, dass es das Richtige wäre diese Orte zu verlassen. Man muss einfach eine Form suchen wo man ein Bewusstsein für diese Vergangenheit hat und gleichzeitig hier leben kann, das ist eine große Herausforderung. Auch die staatlichen Stellen sind gefordert mehr zu tun als irgendwelche Formalismen, wie etwas einfach unter Denkmalschutz zu stellen. Es muss hier Platz für 2 Dinge sein: Die Normalität und die gelebte Auseinandersetzung mit der Geschichte. Diese "Wie kann man hier wohnen?"- Frage ist eine von außen projizierte die dem Ort und den Menschen die hier wohnen aufgedrückt wird."

Und auch der bewusste Umgang mit den Tätern und der Täterrolle im allgemeinen, ist durchaus ein Ziel Christoph Mayers um Vergangenheits Bewältigung künftig beweglicher zu machen und von einer formal-institutionalisierten Ebene ins richtige Leben zu holen.
 
 
 
  "An die Leiden der Opfer zu erinnern ist natürlich wichtig, nur wenn es ausschließlich darum geht wird man die Vorgänge nie verstehen können, weil man immer der ist der gepeitscht wird. Aber auch der Versuch die Perspektive des Täters einzunehmen ist unerlässlich. Jetzt sind über 60 Jahre vergangen und die Bewältigung spielt sich noch immer fast nur eindimensional ab, genau das meine ich mit formalisierten Gedenken, wo der Audioweg eine Alternative sein soll.", so Christoph Mayer.

Der Audioweg Gusen ist bis 30. September täglich ausser Montag von 9.30 bis 17.30 begehbar, letzte Geräteausgabe ist um 15h.

Startpunkt ist beim Besucherzentrum Memorial Gusen, Georgestraße 6, 4222 Langenstein

Mehr zum Audioweg Gusen gibt es heute, 10. Mai, in der Homebase (19-22)
 
fm4 links
  www.audioweg.gusen.org
   
 
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