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Wien | 6.7.2007 | 11:50 
Flaschendrehen und Tischerlrücken, Schmerzenhören und Seelebrennen, garniert mit einem Hauch von Zimt.

Fuchs, Pfister

 
 
Metallica im Herzen Wiens
  Mein Herkunfts- und Lieblings-Grätzel von Wien hat einige Vorzüge, die schön langsam eine immer breitere Öffentlichkeit registriert. Die gehfähige Entfernung von der inneren Stadt, dem tatsächlichen Zentrum, gekoppelt mit der Lage an der größten Grün- und Erholungsfläche der Stadt, also dem Wiener Prater, sei jetzt mal exemplarisch angeführt.

Genau dort hat gestern ein Metallica Konzert stattgefunden, am Rotundenplatz, also jener Platz, der an die Kaiserallee anschließt und früher hauptsächlich als Parkplatz für Funfactory/LibroMusicHall-Besucher benutzt wurde. Mittlerweile ist dort allerdings kein Stein mehr auf dem anderen, die EURO 2008 und die U2 werfen ihre Schatten, sogar meine alte Volkschule musste einer U-Bahn Station weichen. Und während der Großraum "South Of Praterstern" noch die längste Zeit, sogar bei manchen Kollegen, gefühlt irgendwo zwischen Sopron und Karpaten lag, hatten die Tausendschaften an "Metallicalista" kaum Probleme, das Gelände zu finden.
 
 
"Und jetzt amal gscheit ..."
  "SEEK AND DESTROY!" schreit ein leicht bierbefeuerter Mitdreißiger, der 20 Meter hinter mir Richtung Eingang marschiert. Schief schauen und schmale Lippen machen tut deshalb aber niemand, im Gegenteil, es sorgt allgemein für Erheiterung, dass trotz seines Flehens nach "Jetzt amal gescheit!" nur müde "seek and destroys" zurückkommen. Trotzdem gibt der Mann nicht auf.

Man hat mir im Vorfeld erzählt, dass nur etwa die Hälfte der Karten verkauft worden sind. Da der ungarische 150kg Herr mit dem Motörhead-Bandana aber bereits halb in meinem Bier sitzt und ich höllisch aufpassen muss, nicht meine Zigarette in der Bank-Betriebsausflugsgruppe hinter mir auszudämpfen, halt ich das mal schnell für ein Märchen. Eingepfercht in ein überwiegend männliches und trotzdem friedliches Auditorium steht man dann da und wippt von einem Fuß auf den anderen: das potenzielle Bewegungs-Maximum.

Die Idee, ein zweites Getränk zu holen, wird ebenso wie der prophylaktische WC-Besuch als "wishful thinking" abgelegt. Ich denke kurz an Placebo und die Querelen am Frequency 03, daran, dass Metallica-Fans in dem Zusammenhang oft als der Sud einer imaginären "rockistischen, homophoben Dödl-Masse" diffamiert wurden, und muss ein bissl gequält lächeln ob eine solch strikten Radikalität.
 
 
 
Foto: EPA/Helmut Fohringer
 
 
Salami statt Eierschwammerl
  Und dann geht's los. Auf einer massiv abgespeckten Bühne kommt zuerst mal der Succubus der Online-Musiktauscher, Lars Ulrich, und drischt auf ein für Metal-Verhältnisse klar unterproportioniertes Schlagzeug ein. Kurz danach: Auftritt Robert Trujillo, das Monster mit der Bassgitarre - eine Seele von einem Menschen und eine Azteken-Gottheit am Instrument - und Kirk "seit's nicht alle so gemein" Hammett, ohne dem Metallica im übrigen ein kaltes Würschtl im Wald wäre. Dann James "The Animal" Hetfield: schwarze Hose schwarzes T-Shirt, längstes Kopfhaar im Kinnbereich. Er magnetisiert vom erstern "Uh" an. Da ist Ulrich bereits halb nackt und schweißgebadet.

Hetfield wirkt extrem konzentriert, geladen und trotzdem aufgeräumt, sein Blick auf der großen Videowall sieht aus als könnte er den vorbeiziehenden Wolken befehlen zu regnen, wenn er Bock drauf hätte. Hat er aber zum Glück nicht. Manchmal, wenn das Licht richtig auf sein markantes Gesicht fällt, könnte man als ängstlicher Mensch durchaus nervös werden. Und während "Sanitarium" angestimmt wird, ist urplötzlich klar, woher heute Abend der Most gebracht wird.

Metallica steht für vieles, aber keinesfalls für anbiedernde Neuerfindung. Es gibt auch nichts neu zu erfinden, wenn man seit rund 20 Jahren Platten wie "Master Of Puppets" oder "And Justice For All" im Gepäck hat. Das sind Meilensteine der Rockgeschichte und niemand spielt sie so perfekt wie ihre Schöpfer. Aus dem schlechtesten Lied einer dieser Platten könnte eine aufgedirndelte Newrock NME Band ihr erstes Hitalbum machen. Also, nix mit Symphonie Orchester aber auch nix mehr mit "Soloverbot", ähnlich wie schon beim legendären "Master Of Puppets"-Jubiläumsauftritt letztes Jahr am Novarock wird hier geliefert, was bestellt war. Wer eine Salami Pizza ordert, will schließlich keine Eierschwammerl. Wobei diese Salami mit Sicherheit aus dem Lungebraten der heiligen Rockkuh stammt.
 
 
 
Foto: EPA/Helmut Fohringer
 
 
Guitar Heroes live on
  Ansonsten spielen sich Metallica gutgelaunt und vielleicht eine klitzekleine Spur zu wasserdicht durch ihr Programm durch. Ich vermisse ein wenig den Zauber der erwähnten Novarock-Show. Nur, wenn man immer alles mit früher vergleicht, könnte es sein, dass man das heute verpasst.
Und heute, also gestern, zeigt eine recht vielfältige Setlist, die erfreulich viele Klassiker etwa aus "Kill Em All"-Zeiten enthält. Die ganz neuen Songs fehlen ein wenig, Metallica ist wohl eine der wenigen Bands wo das kaum jemand aufregt. Gegen Konzertende serviert man ein unpackbares Bass-Solo von Trujillo und schließlich dann auch den einen oder andern Mainstream-Leckerbissen vom schwarzen Album, seit dem sie sich so viele Privatjets leisten können. Bei "One" und "Enter Sandman" wird Pyrotechnik in den Nachthimmel gefeuert und ein sichtlich bewegtes Publikum in einen kühlen und windigen Abend entlassen.

A propos Wind: Der war vielleicht ein wenig der Spielverderber gestern Abend, die Soundqualität hing oft stark davon ab, ob jetzt mit 9 oder 10 Beaufort geblasen wurde.

Auch spannend: Die völlige Selbsterklärung, wie 2007 noch in jeder Nummer ein ausuferndes und dennoch songdienliches Gitarrensolo vorkommen darf. Wenn Hammet die Saiten bendet, krieg ich Gänsehaut vor Freude. Don't say Guitar Heroes are gone.
 
 
 
Foto: EPA/Helmut Fohringer
 
 
Und schießlich
  Der Titel "Detektive der Woche" geht eindeutig an die sehr jungen Kids (auch 15-17-jährige Mädls im Metallica-Shirt, womit die anfängliche Publikumsthese auch gleich widerlegt wäre), die rechtzeitig gecheckt haben, dass man am Eingang vor der Absperrung einen tollen Blick auf die Bühne hat und quasi ihr erstes Metallica-Konzert für lau bekamen. Sowas gibt's wohl auch nur im Prater ...

Konträr ist der "Ungustl der Woche" wohl jener Typ, der aus der "Schirm-Sammelstelle" für die abgenommenen Knirpse gleich mal die erstbesten drei rausgenommen hat. Entweder hatte er so viele Schirme mit und die auf Anhieb erkannt oder er ist schlicht ein asozialer Depp.

Fazit: Die Salami-Pizza war köstlich, aber vielleicht ist es heute doch wieder Zeit für einen Salat.
 
 
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