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Wien | 11.10.2007 | 18:20 
Flaschendrehen und Tischerlrücken, Schmerzenhören und Seelebrennen, garniert mit einem Hauch von Zimt.

Fuchs, Pfister

 
 
Prime Cuts: Beirut - "The Flying Club Cup"
 
"Well it's been a long time, long time now
since I've seen you smile"
(Nantes)


Vor etwas über einem Jahr erschien eine Platte, für die das Wort "außergewöhnlich" maximal eine platte Annäherung ist. Als würde Conor Oberst mit Shantel auf einem Heuwagen von Neusiedl nach Belgrad tuckern.
"Beirut", das wurde relativ schnell deutlich, unterscheiden sich gleich um mehrere Galaxien von den Indie-Artgenossen Amerikas dieser Zeit.

"Gulag Orkestar", so der Name dieser Platte, erfüllte alle Erwartungen, die sich in so einen Titel auch nur irgendwie projezieren lassen. Da wettern ganze Akkordeon-Sätze gegen Bläser und Streich-Arrangements um die Vorherrschaft im Olymp der südosteuropäischen Melacholie.
Ukulelen winden und heulen sich durch Wellen aus Todeswalzer und Polka, es wird geheult, geschmalzt und gejammert, dass sich alle Klischee-Balken vor Herrlichkeit biegen.

Die Songnamen tragen so alteuropäische Namen wie Bratislava, Rheinland oder Prenzlauer Berg. Hinter Beirut, so die unglaubliche Bei-Information, steckt im Übrigen nur ein Typ. Und der ist, als Gulag Orkestar erscheint, gerade mal 20 Jahre alt und kriegt in keiner einzigen Bar seiner Heimatstadt New York ein Bier serviert.
Dieser Bursche, Zach Condon, aufgewachsen irgendwo im Nirgendwo des US-Mittelwestens, versetzt die Musikwelt in Bewunderung und Staunen.
 
 
  Wenn ein halbes Kind beschließt, von New York aus die Musik des europäischen Südostens neu zu beleuchten und zu entdecken, und damit eine dermaßen schöne Platte zaubert, so reicht der Zufall als Erklärung kaum aus.

Tatsächlich ist es so, dass Zach Condon bereits im Alter von 16 Jahren die High School schmeißt und ein paar Kurzversuche an einem öffentlichen College im Bundesstaat New Mexico wagt. Doch daraus wird nichts, Zach ist einfach nicht zum Studenten geboren. "Ich hasse diesen Lebensstil", meint er dazu Jahre später.

Also jobbt er sich durchs Leben, spart ein paar Dollar und fährt mit der verdienten Kohle mit seinem älteren Bruder für ein paar Monate in die alte Welt. Seine erste Station ist Paris. Dort kommt er zum ersten Mal mit der authentischen Musik des Balkans in Berührung, und der Sound lässt ihn nie wieder los.

Diese Musik war damals, etwa 2002, in Frankreich und vor allem in Paris sehr populär. Die Kids, die das aktuelle "Moon Safari" von Air im Schrank hatten, hatten daneben zumeist auch das Boban Markovic Orkestar stehen. Die Berührung mit dieser tradierten Art von Musik, die aber (für einen Ami) dennoch ganz frisch und ohne Großeltern-Bezug daherkommt, hat Zach damals schlicht umgehauen. Als er danach in die USA zurückkehrte, hielt er Weltmusik für keinen Scherz mehr.


 
 
  Ein weiterer, für ihn wohl ebenso wichtiger Zündungspunkt und Katalysator seiner Leidenschaft war der Mitt-90er Film "Underground" von Emir Kusturica, der im Erscheinungsjahr die goldene Palme von Cannes gewann.
Der Soundtrack dieser Politgroteske, die in den Kriegswirren im Jugoslawien des zweiten Weltkriegs spielt, kommt vom Boban Markovic Orkestar.

Als Zach diese Platte nirgends in den Vereinigten Staaten auftreiben kann, beschließt er, schnell wieder nach Europa zu reisen, um den Geist dieser Musik vor Ort zu inhalieren.
Damit sollte Zach Condon's beinahe besessene Leidenschaft für die Klänge des Balkans, aber auch für alte französische Chansons und Filme fürs Erste mal erklärbar sein.


 
 
  Das Chansonaffine, Französische ist es auch, das die vorrangige Geschmacksnote des nun erscheinenden zweiten Beirut-Albums "The Flying Club Cup" vorgibt.

Waren die schweren Bläser und schleppenden Rythmen des Erstlings noch sehr unbehauen und massiv, kommen die frankophilen Streicherarrangements und Akkordeon-Passagen am neuen Album eine Spur leichtfüßiger und unbeschwerter daher. Savoir Vivre aus Brooklyn, New York, eben.

Für den massiven Streichereinsatz zeichnet übrigens ein gewisser Owen Pallet verantwortlich, seinerseits der Mensch hinter Final Fantasy, New Yorker queer Ikone und gern gesehener Studiogast von Größen wie Arcade Fire, Stars oder Bloc Party.


 
audio
 
title: Prime Cuts: The Flying Club Cup
artist: Beirut
length: 1:00
MP3 (972KB) | WMA
   
 
 
  Im großen und ganzen, also unter Wegschaltung aller antrainierten Rational- und Geschmacksfilter des Hirns, funktionieren die neuen Stücke von Beirut, die im übrigen diesmal passende Namen wie "Nantes", "Cherbourg" oder "La Banlieu" tragen, genau so wie die Vorgänger.

Direkt.

Sie docken direkt am limbischen System unseres Hirnstammes an, besetzen alle Rezeptoren und euphorisieren das komplette Zentralnervensystem.

Eine wichtige Figur für die neue Beirut Platte ist übrigens auch der franko-belgische Chansonnier Jacques Brel, auf ihn und sein Lebenswerk beruft sich Zach Beirut in nahezu jedem Statement zum neuen Album.

Die neue Beirut Platte "The flying club cup" anzuhören ist mit Sicherheit zumindest eine gewonnene Lebensstunde.

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