fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Wien | 8.7.2008 | 17:21 
Flaschendrehen und Tischerlrücken, Schmerzenhören und Seelebrennen, garniert mit einem Hauch von Zimt.

Fuchs, Pfister

 
 
If I knew how to fly, I'd fly away
  "I'm lost at 34" kündigt Keith Caputo ein Stück meines persönlich LOA-Klassiker-Albums 'Ugly' an, nicht ohne sich dabei über die ungewollte Tranigkeit dieser Ansage selbst zu amüsieren.

Verloren gefühlt hat sich der zierliche Mann mit der "Stimme", wie ich sie der Einfachkeit halber nennen mag, schon vor 12-13 Jahren, als er dieses Lied aufnahm, 'Lost at 22' also, wie es mathematisch und historisch folgerichtig heißt.

Gestern war ja trotz jahrelanger Zuneigung mein allererstes Life Of Agony Konzert, und es sind gleich mehrere Dinge geschehen, die mich positiv überraschen und faszinieren.
 
 
  Als ich 'Ugly' eben Mitte der Neunziger in einem der glücklichsten Sommer meines Lebens während endloser Autofahrten rund um den Wolfgangsee kennenlernte, war dieses Ding komplettes Neuland für mich. Konnte ich vorher der klassischen NY-Hardcore-Schiene von Biohazard aufwärts nur minutenweise etwas abgewinnen, hat mich "die Stimme" sofort gepackt, gebeutelt, gefesselt.
 
 
 
  Wish I really knew what happened to my mom,
Because my family,
They told me nothing but lies,
They figured if they just told me the truth,
I'd break down and cry,
Feel betrayed and hurt,
Profoundly insecure,
Want to knock ten times on Heaven's door.
 
 
 
Winzig und überlebensgroß
  Das sang Caputo damals in Richtung seiner in den Grundfesten verkorksten Familie: Mutter weg, Vater schwer Heroin abhängig, die ganze Palette, wie sie in ihrer realen Tragik fast schon banal wirkt. Am Cover dieser Platte sitzt ein kleiner Junge, Projektionsfläche und Zirkuspferd, auf einem viel zu großen Ledersessel und scheint Geburtstag zu haben. Eine gute Breitseite Emo, wie man das heute nennen würde, nur, dass man der Geschichte schwer vorwerfen kann, Pose zu sein. Aber vielleicht ist das bei My Chemical Romance ja eh genauso, darum geht's jetzt auch gar nicht.

Jedenfalls waren Life Of Agony und ihr überlebensgroß winziger Frontman für mich ab da nur mehr Fantasiewelt, überzeichnetes Extrem, wohliger Schauer und ein bisschen wie Kiss ohne Schminke, die noch viel früher auf ganz andere Art ähnliche Unwirklichkeit triggerten.

 
 
Zehn Jahre später
  Viel hat sich LOA technisch seither gedreht und angetan, sogar "die Stimme" erreichte gefühlt am dritten und letzten wichtigen Album 'Soul Searching Sun' nicht mehr ganz die ursprüngliche Intensität. Zuviel Indiepop statt Schmerzen, zuviel H-Blocks statt Danzig. Über Caputos Sologeschichten möchte ich jetzt gleich auch komplett den Mantel des Vergessens legen, es war nicht immer leicht, diesen Mann zu mögen.
 
 
 
  Und dann gestern, über ein Jahrzehnt später: Ein Publikum, das offenbar zum Großteil meine Obsession für "die Stimme" teilt, singt Zeile für Zeile mit, quer durch LOAs Gesamtwerk. Vom Hardcore-Credibility-Publikum bis zum Rechtsanwalt mit geheimem Hang zum Leidenhören ist alles nicht nur anwesend sondern auch im euphorischen Konsens.

Die Band, in fast Originalbesetzung, auch mit Alan Roberts, der sogar mit seinem Nebenprojekt den Support machte, merkt das, bündelt es in einem Stimmungsmultiplikator und schießt alles zurück in diese Arena-Halle, die bei den richtigen Gelegenheiten sogar richtig funkeln kann.

Als wäre die Zeit nie vergangen, als hätte mich das Auto vom Wolfgangsee direkt durch ein Wurmloch zur Arena gefahren.

Vergessen sind über zehn Jahre kalter Krautsuppe, auch ohne 'Let's Pretend' war das gestern ein Emo-Gottesdienst, wie man ihn sich als Ritter des Selbstmitleids gerne vorstellt.

Life Of Agony zaubern mit alten, aber guten Sprüchen.

Und die Welt und das Leben sind noch immer böse.

 
 
  In the stillness of the night,
My eyes are closed,
My mouth is wide,
I could see her face,
Her beautiful hair,
I could recognize,
She looks at me cold,
She probably don't know who I am.
 
fm4 links
  www.lifeofagony.com
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick