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Wien | 20.11.2008 | 17:17 
Flaschendrehen und Tischerlrücken, Schmerzenhören und Seelebrennen, garniert mit einem Hauch von Zimt.

Fuchs, Pfister

 
 
Chinese Democracy
  "We judge a book by its cover and read what we want between selected lines"
(Axl Rose)
 
 
 
  Im Frühsommer 2006 spielten Guns'N'Roses, bzw. Axl Roses Söldner, die nun den Nachlass verwalten, am Nova Rock im Burgenland.

Damals machte ich mir, auch hier im Forum, viele Feinde mit der Behauptung, es handelte sich vielmehr um eine als GnR verkleidete Kasperltruppe.

Der Entrüstung vieler (vor allem aber Neo-) GnR-Fans versuchte ich mit einer Klarstellung zu begegnen, die nach wie vor Gültigkeit hat. Was da vor zwei Jahren geboten wurde, war verglichen mit dem wofür Axl, Izzy, Slash, Duff und Drummer zu Zeiten von AFD standen, ein Darmwind der mehrfach überwuzelten Rockgeschichte.

Nicht weit weg von den Sex Pistols, zwei Jahre später. Wenn Helden von einst plötzlich versuchen mehrere Jahrzehnte zu ignorieren, dann geht das nicht nur oft schief, es beschädigt im schlimmsten Fall sogar bereits Geleistetes. Wenigstens in der breiten Wahrnehmung.
Kollege Blumenau hat mal das schöne Bild der Dylan-Jünger gezeichnet, die noch immer um einen verloschenen Vulkan kampieren und nicht bemerken, dass die doch fallweise aufsteigenden Rauchwolken von den eigenen Lagerfeuern stammen.

Jetzt bin ich selbstverständlich weit davon entfernt hier qualitative Parallelen zu ziehen, die rezeptive Systematik ist aber dieselbe.

Und nun also dieses Album.

 
 
CHINESE DEMOCRACY
  Nachdem einer der beiden Musikverwalter der lachsfarbenen Zeitung bereits allerlei Befindlichkeiten transportierte und damit eine Posting-Flut der Richtung "und, wie ist die Platte jetzt?" auslöste, möchte ich jetzt die Quadratur des Kreises wagen und "neutral" dieses Machwerk betrachten.
Auch wenn das unmöglich ist, aber ich denke die GnR Grundsatzdiskussion verliert langsam ihren Kampf gegen die Schwerkraft.

In 17 Jahren hat sich die populäre Rockmusik nicht nur mehrfach gehäutet und weiterentwickelt, sie hat sich teilweise sogar mehrfach im Kreis bewegt.
So wie Axl Rose unzählige Musiker durch seine Reihen wandern ließ, wollte er über weite Strecken auch stets neue Einflüsse und Sounds in seine Songs einfließen lassen. Unter Beachtung der vorher angesprochenen Wechselhaftigkeit ist das über so lange Zeit natürlich eine Art never ending mission.
Die großen Songs, allen voran Stairways to Heaven, sind immer in einem Fluss, spontan und schnell entstanden, erzählte einst LedZep Gitarrist Jimmy Page.
Die Umkehr dieses Effekts dürfte Axl Rose wohl die größten Schwierigkeiten bereitet haben.
So merkt man der Platte, trotz mehrfachem Rund-Mastern, schon noch an, wie viele Gewürze sich hier zu einem Grundton - süß-sauer - verkochen.

 Axl jetzt.
 
 
  Da wollte Axl einst dem Crossover fröhnen, versuchte ernsthaft zu rappen, huldigte später dem Industrial Rock, und entschloss sich schlussendlich, befeuert durch die Erfolgsgeschichte von Bands wie Wolfmother, zum alten aber guten Balls Of Steel - RockNRoll.

Das gelingt sogar über weite Strecken, auch wenn Axl's Stimme die Jahrzehnte des hochfrequenten Urschreiens nicht unbeschadet überstand.

Die größte Schwäche des Albums liegt wohl darin, dass man die ausufernde Konstruktion recht heftig durchriecht.
Im direkten Vergleich zu den Anfängen steht hier ein mathematisch zerlegtes Monster, aufgenommen und produziert von einem Dutzend Produzenten in noch mehr Studios, gegen die Zeit wo man in Piratenmanier Bühnen enterte und Aerosmith coverte.

Gut, auch alte Klassiker wie das famose Rocket Queen sind nicht gerade 3minütige I-IV-V Kracher, sondern durchaus komplex. Bei den neuen Songs werde ich allerdings den Eindruck nicht los, dass die Perfektion der Produktion auch über dem kreativen Impact liegt.

 Axl damals.
 
 
  Eines kann man Axl nicht absprechen, bemüht hat er sich.
Bemüht, an alte Zeiten anzuschließen, bemüht als einzig aktiver Verbleibender der einst wildesten und gefährlichsten Toxic-Rock Bands des Planeten diesen alten Geist wieder zu beleben.

Und würde die maßlose Ausschweifung nicht zum Kern-Evangelium verklärt werden, hätten manche der Songs durchaus Charme.

Leider eignet sich Axl ebenso wenig als Trent Reznor wie vielleicht Lemmy als Frontman von Tool. Axl Rose will noch immer nach Whiskey und Schlangenleder riechen, bekommt aber die HipHop-Affinitäten und anderes von ebenso bereits abgelaufenen Bands wie Korn nicht aus dem Kopf.

Was dabei entsteht ist teilweise interessant und sogar musikalisch wertvoll, in schlechten Momenten aber auch zum Himmelschreien inhomogen und nervig. Und auch die Geschichte wird gejagt, so erinnert etwa "Street Of Dreams" stark an die Use Your Illusion Phase mit den Balladen wie November Rain, während manche Stücke, wie etwa der Opener Chinese Democracy, eher an das Füllmaterial der Doppelalben anschließen.

Die beinharte Bedingungslosigkeit des Debüts sucht man allerdings vergeblich. Das es ausgerechnet die Balladen sind, die am ehesten an große Zeiten anknüpfen, ist auch deshalb nicht verwunderlich, da Axl schon immer für diese GnR Spielart hauptverantwortlich zeichnete. Seine Schwächen in anderen kompositorischen Bereichen, immerhin schreibt Axl am Klavier, konnten früher andere, vor allem Izzy Stradlin, kompensieren.
Hier kann Chinese Democracy natürlich nicht mit.

 Die Band damals. (Von der aktuellen gibts leider kaum Fotos)
 
 
  Was bleibt sind notes und credits über viele Seiten, kein Wunder wenn pro Song an die 50 Menschen am Werk waren. Und 14 neue Songs, von denen man hofft, dass der eine oder andere Platz im Vermächtnis einer der umstrittensten und psychotischsten Rockbands der neuen Geschichte bleibt.

Vielleicht ist die Zeit der Rezeption von Chinese Democracy für Axl gnädiger als die 17 Jahre zuvor. Immerhin bringen alle anderen (Slash, Izzy, Duff) seither vergleichsweise noch weniger zusammen. Vor Velvet Revolver muss sich diese Platte jedenfalls nicht verstecken. Ob es unbedingt hat sein müssen, möchte ich an dieser Stelle allerdings auch noch nicht beantworten.
 
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  www.myspace.com/gunsnroses
   
 
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