fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
Berlin | 21.9.2008 | 14:18 
Aus dem Leben der Lo-Fi Boheme

LisaRank, Sonja, Marc

 
 
Entschleunigung am Ökomarkt
  Christiane Rösinger ist Musikerin ("Lassie Singers", "Britta"), Songschreiberin und Autorin und lebt in Berlin. Sie schreibt eine wöchentliche Kolumne über ihren Alltag.

Berlin ist ja nicht nur die größte Stadt Deutschlands, sondern auch die schnellste und stressigste. Dutzende Bezirke, die sich gegenseitig bekriegen, Auto- Verkehr, Fluglärm, Busse, Straßenbahn, U-Bahn, S-Bahn, Menschenmengen, Fahrradfahrer-Chaos!

Gut, dass es in diesem Wirrwarr noch Orte gibt, an denen der nervöse Großstadtmensch ein bisschen runter kommen, sich erden kann. Einer dieser kostbaren Orte liegt immer Freitag nachmittags am Lausitzer Platz in Kreuzberg. Hier auf dem Ökomarkt hat man nämlich alle Zeit der Welt. Die Luft ist erfüllt vom nussig-sauren Geruch des frisch vergorenen Ziegenkäses und von den bunten Ständen mit den Leinensack- Gewändern und Schafswollpullovern weht ein Gemisch aus Wohlgerüchen - organisches Mottenpulver, Patchouli und Räucherstäbchen.
 
 
Neulich am Ökomarkt...
 
 
  Die Verkäufer an den Ständen sind keine Knechte des Turbokapitalismus, sie bemerken ihre Kunden grundsätzlich erst, wenn sich eine Schlange gebildet hat. Ein einfacher Kaufvorgang dauert mindestens 14 Minuten, denn alles geschieht im Zeitlupentempo. Vor dem Kauf erfolgt die bedächtig-bewusste Auswahl durch die Kundschaft: Ausführlich werden alle Gemüsesorten befühlt, verglichen, sinnlich erfahren. Die Ökoeinkäuferin hat gerne auch ein altkluges Kind mit Fahrradhelm an der Hand, dem sie laut und deutlich die Gaben der Natur nahebringt: "Schau Lieven-Janos, diese leicht gewellten grünen Blätter - das ist Spinat! Ach, die Bio-Karotten sehen ja so schön aus! Wollen wir davon ein Kilo nehmen, ja?"
Daraufhin schreitet der Landmann hinterm Tresen versonnen zur Tat. "Ich ergreife dich, Karotte", scheint der Selbsterzeuger der Pflanze einzuflüstern, "ich nehme dich jetzt aus dem Korb, und lege dich auf die Waagschalen. Ich kenne dich, ich habe dich angepflanzt und wachsen sehen, nun gebe ich dich frei!" Vor dem Bezahlen wird im Gedenken an die Karotte auf beiden Seiten noch einmal inne gehalten. Und ganz nebenbei hat sich der vorher beschleunigte Mensch in der Warteschlange zutiefst beruhigt und selbst entschleunigt.

 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick