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London/Canterbury | 15.12.2004 | 01:46 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
See My Friends
  Ein alte Volksweisheit sagt, dass Leute, die trauern, eigentlich nur sich selber nachweinen. Und sie hat recht. Genauso wie die passendsten Nachrufe, die man schreiben kann, immer auch von einem selbst handeln. Weil die eigene Wahrnehmung des Verstorbenen am Ende der einzige Weg an der Anmaßung vorbei bleibt. Was ich über Reinhardt Bugl wirklich weiß, ist nur, was ich selbst mit ihm, an ihm, durch ihn erlebt habe.
 Reinhardt Bugl mit Geschäftspartner Kurtl Strommer
 
 
  Ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, wie ich mich irgendwann Mitte der Achtziger zum ersten Mal auf den Weg in die Lindengasse im siebten Wiener Gemeindebezirk machte. Ich war nervös wie vor einer Schularbeit, prüfte meine kurzen Stirnfransen à la Pete Townshend anno 1965 in den Auslagenscheiben, zupfte an den zu kurz gewordenen Ärmeln meines Dreiknopf-Sakkos, fand die richtige Adresse, sah mir die Platten in der Auslage an - ich glaube, "Dance The Beat" von Timeshift und "The Smoke Gets In My Mind" von The Vogue (mit den "Frozen Seas of Io") waren darunter -, fasste mir ein Herz und ging zum ersten Mal hinunter in das Kellergeschäft, wo einem sofort der Geruch abgestandenen Vinyls den Kopf benebelte. Ich hatte mich zuvor schon durch die Regale von Hannibal, Audio Center, Meki oder Carola gefingert und als Fremdkörper unter Schwarzgekleideten das legendäre Why Not in der Otto Bauer Gasse durchstöbert (das Rave Up gab's noch nicht einmal), aber das Ton Um Ton nahm unter den Wiener Plattenläden eine Sonderstellung ein. Dort gingen nur Leute hin, die es mit ihrer Musikleidenschaft bedenklich ernst meinten. Wer naiv nach dem falschen Teil fragte, wurde mit bösen Blicken abserviert.
 
 
 
  Dieter "Dödel" Draxler, der da unten im Gewölbe seinen blassen Teint und seine Ramones-Frisur kultivierte und als das am wenigsten unnahbare Mitglied des Verkaufspersonals hin und wieder mit einem zynischen Kommentar Vinyl für Bares gab, hatte mich irgendwann einmal im U4 angesprochen: "Heast, wie gibt's des? Du schaust aus wie aus Brighton und dei Freindin wie aus San Francisco". An jenem Abend engagierte mich Dieter, der sonst bei der Mod-Band The Losers spielte, aufgrund meiner passenden Bekleidung für seine neue Psychedelic-Band "The Perfumed Garden". Wir coverten "Lucifer Sam", aber vor unserem ersten Gig wurde ich so nervös, dass meine Stimme wegblieb und ich lieber absagte, ehe wir uns furchtbar blamierten. Dafür schummelte ich mich bei dem Anlass zum ersten Mal frech in die Besetzung der Losers, und alles kam ganz anders als geplant.
 
 
 
  Meine Erinnerungen sind verschwommen, die Abläufe verworren, aber was für diese Geschichte eine Rolle spielt, ist ohnehin nur, dass ich mit Dieter jemand im Ton Um Ton sitzen hatte, dem ich ein vertrautes "Hallo" entgegen murmeln konnte, wann immer ich in dieses selbstgenügsame Parallel-Universum stolperte, das ganz ohne Tageslicht auskam. Jemand, der mir den Weg in die Wahrnehmung des großen Patriarchen Reinhardt Bugl ebnete. Bugl hatte den Laden 1980 von Blue Box-Chef Herbie Molin übernommen. Jener Mann mit dem hohen Haaransatz und dem runden, aber eigentümlich attraktiven Gesicht, den gewitzten Augen, den stets süffisant verzogenen Mundwinkeln und dem - gelegentlich zum Vollbart ausgewachsenen - geckenhaften Bartfleckchen unter der Unterlippe war weit mehr als nur ein alter Freak, der seinen verlorenen Sixties nachhing. Er war eine Art väterliche Lehrerfigur. Wenn er es gut mit meinesgleichen meinte, nahm er uns beiseite, gab uns einen guten musikalischen Rat ("Bleib bei deinen Ray Davies-mäßigen Songs") und drückte uns eine Platte in die Hand, die uns auf unserem Lebensweg weiterbringen würde. "Emotions" und "SF Sorrow" von den Pretty Things, "Art Gallery" von den Artwoods, "Five Live" von den Yardbirds, "We Are Ever So Clean" von den Blossom Toes, die Master's Apprentices, die Outsiders, Chris Farlowe & The Thunderbirds, Zoot Money's Big Roll Band, The Action, The Creation und so weiter und weiter und weiter weg von der grimmigen Realität der Pop-Welt der Achtziger. Reinhardts Preise waren nicht die billigsten, "er war ein guter Geschäftsmann", wie Dieter Draxler es formulierte, als ich ihn vor ein paar Stunden telefonisch erreichte. Aber sein eigener, unbestreitbarer Enthusiasmus für Vinyl legitimierte den Aufpreis. "Er hat wahrscheinlich eine der drei besten Plattensammlungen in ganz Europa gehabt", meint Dieter ohne Übertreibung.
 
 
 
  Aber Reinhardt war nicht bloß ein passiver Nostalgiker, er war auch ein Ermöglicher. Die Losers waren bei weitem nicht die einzige österreichische Band, der er mit seinem Ton Um Ton-Label zu ihrem ersten Tonträger verhalf. Neben erwähnten Timeshift und The Vogue bzw. den unzähligen weiteren Projekten ihres Schlagzeugers Ronnie Urini gehörten lokale Größen wie Passepartout, die Linzer Passengers, The Priests, The Razorblade, Ganslinger, Molto Brutto und sogar Host-Kollege Christian Fuchs' Fetish 69 zum beachtlichen Talente-Stall von Ton Um Ton. Als Losers-Sänger Roland Vogl The Ballyhoo gründete, fädelte Bugl der Band einen Deal mit dem deutschen Liebhaber-Label Little Wing of Refugees ein, der in weiterer Folge zu einem hoffnungsvollen Major-Vertrag führte. Allerdings war Reinhardt zu diesem Zeitpunkt nicht mehr so gut auf seine ehemaligen Zöglinge zu sprechen, weil die ihm partout nicht glauben wollten, dass das bevorstehende Revival des Progressive Rock die Musik der Zukunft sein würde. "Er hat damals allen Ernstes gemeint, [Ballyhoo-Gitarrist] Markus sollte als Gitarrenmagier mit einem Cape und einem großen Zauberhut auf die Bühne gehen", erzählt Roli Vogl, der heute das Shelter am Wallensteinplatz co-betreibt. Natürlich taten The Ballyhoo gut daran, solche Ratschläge nicht zu befolgen. Andererseits sollten Air ein paar Jahre später tatsächlich Prog Rock in Capes auf die Bühne bringen. Nirgendwo liegt das Lächerliche und das Grandiose schließlich so eng beisammen wie im Pop.
 
 
 
  Aber ich will Reinhardt Bugl im Nachhinein nicht zum Visionär hochstilisieren. Was er war, war mehr als genug: der identitätsstiftende Angelpunkt einer österreichischen Szene, die sich irgendwo zwischen der Hegemonie des Austropop und den schicken Posen der New Wave-Clique durch die Achtziger strudelte, ein extrem kompetenter Musikliebhaber, der aus dem kleinen Pöchlarn ins große Wien gekommen war, um die Welt zu sehen, und dann selbst einen wesentlichen Teil dieser Welt mitgestaltete.

 Mit Stammkunde und Über-Auskenner Peter "Walli" Ledl
 
 
  Mit den feindlichen Achtzigern endete ironischerweise auch Bugls aktiver Beitrag am Geschehen. Als das Ton Um Ton vor einigen Jahren im Erdgeschoß über dem alten Geschäft seine CD-Abteilung aufmachte, blieb Reinhardt unten im Keller bei seinen Vinyl-Platten sitzen. Manchmal, wenn ich nach Wien kam und ein bisschen Zeit hatte, stieg ich zu ihm ab und hörte mir seine ausgesuchten Weisheiten an. Irgendwann schien in diesem Keller die Zeit stehen geblieben zu sein. Die alten Posters und Bilder von Bands, Plattenverkäufern und Stammkunden hingen immer noch an den Wänden, darunter auch ein fünfzehn Jahre jüngeres Ich - ein komisches Gefühl. Vor nicht allzu langer Zeit zerstörte ein Wasserschaden diese Zeitkapsel. Die Versicherung bezahlte, die Renovierung war erfolgreich, und Reinhardt, der einiges vom originalen Wandbehang gerettet hatte, nahm sich vor, den alten Look wieder her zu stellen. Doch das sollte er ebensowenig erleben wie ein geplantes Festival zum 25-jährigen Jubiläum der Geschäftsübernahme.

 Mit Chris Duller
 
 
  Reinhardt Bugl starb am 13. Dezember 2004 im Alter von 55 Jahren an einem Herzinfarkt, als er von der Arbeit nach Hause kam.
 
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  Ton Um Ton-HP, von der ich mir auch die Fotos geborgt hab:

www.ton-um-ton-records.at
   
 
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