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London/Canterbury | 4.9.2008 | 20:44 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Gone Native
  Es war letzten Samstag, bei einer Hochzeitsparty von Freunden, da lief ich sehenden Auges in die klassische Immigrantenfalle: Nörgeln über die Wahlheimat - eine destruktive, selbstgerechte Versuchung, der ich die letzten, bald 12 Jahre über aktiv widerstanden hatte. Weil's einfach zu einfach ist, und ich immerhin den Luxus der potenziellen Rückfahrkarte genieße, der den armen Eingeborenen nicht offen steht.
Es sei denn, sie wandern selbst aus.

Aber wo waren wir gleich? Bei einer Hochzeitparty mit Band, die unironisch und gesanglich akkurat Beach Boys-Klassiker und andere Retro-Freuden vorbrachte. Irgendwann ließ ich mich dann mit einer Handvoll Nüssen und Tortillas neben einem Bekannten nieder.

Er wollte wissen, wie's denn meiner Radiosendung geht. Er hätte ja einmal die Website dieses Senders aufgesucht. Aber dann sei ihm aufgefallen, dass das ja "all in Austrian" sei. Und dass er da sowieso nichts verstehe.
 
 
  Er sagte das mit dem üblichen wohlwollenden Verständnis des aufgeklärten Engländers gegenüber all jenen, die unter der bedauerlichen Behinderung der Nichtenglischsprachigkeit leiden - immer gepaart mit kokett bekannter Scham über die eigene Unkenntnis anderer Zungen.

Kokett insofern, als das Nichtbeherrschen anderer Sprachen doch auch ein bisschen Bodenständigkeit signalisiert bzw. umgekehrt BeherrscherInnen von Fremdsprachen tendenziell eher der Aufschneiderei bezichtigt werden. Siehe das berühmte Zitat von Miss Piggy: "Pretentious? Moi?"

Also: Sophisticated, diese Europäer. Sprechen alle in Fremdsprachen. Aber auch ein bissel dumm. Sprechen komisch Englisch (Sorry, liebe englischsprachige FM4-MitarbeiterInnen, falls ihr das lest: Ihr denkt natürlich nicht so, ist ja klar!).

 
 
  Er könne ja nicht verstehen, sagte mein Bekannter dann, dass all diese anderen Länder nun schon seit Jahrzehnten unter dem Einfluss britischer Popmusik stünden und doch immer noch nicht fähig seien, selbst welche herzustellen.

Zugegeben, ähnliches hab ich selbst auch schon von mir gegeben. Aber von ihm wollt ich's jetzt gar nicht hören. Genauso wie man über die eigenen Eltern nur selber lästern darf.

Ich fragte ihn also, aus welcher tieferen Kenntnis der Materie er diese Diagnose destilliert hätte. Schließlich zieht der/die DurchschnittsbritIn mangels anderer Bewertungsgrundlagen meiner Erfahrung nach immer noch den Eurovisions-Song-Contest als Gradmesser für den Entwicklungsstand kontinentaler Popkultur heran.

Mein Bekannter stülpte die Unterlippe vor und befeuchtete sie danach mit einem weiteren Schluck Ale der Marke London Pride. Überlegte sich wahrscheinlich, ob er mich beleidigt hatte.

 
 
 
 
  Ich ließ ihn wissen, dass die kontinentale Popkultur sich heutzutage weitgehend selbst versorgt, auch wenn nur die anglophonsten Ausläufer davon je in die britische Wahrnehmung vordringen.

"Weil eben Popmusik am Ende doch nur auf Englisch funktioniert", hielt mein Bekannter entgegen. Ich fragte ihn, wie er das denn beurteilen könne, wo er doch in einer anderen Sprache außer der Englischen nie das Gefühl erlebt hat, von einem Song direkt angesprochen zu werden wie, sagen wir, ein Belgier von Jacques Brels Marieke, wo ich schon als totaler Nicht-Flame immer so viel flennen muss.

Ja eben, ja mehr noch: Die wahre Magie der Popmusik liegt wohl darin, dass sie wirkt, selbst wenn man die Worte nicht versteht. Nur dass sich gerade die anglo-amerikanische Wahrnehmung mit ihrer pathologischen Ablehnung nicht-englischsprachiger Musik diesem magischen, von allen Kontinental-Pop-HörerInnen weidlich genossenen Aspekt des Pop beharrlich verschließt. Zu ihrem eigenen Schaden.

 
 
  Was mein erneut lippenstülpender Bekannter nicht wusste, war, dass die aus verstreuten Freunden zusammengewürfelte Party-Band mit ihrer völlig unangestrengt vierstimmig vorgebrachten Interpretation von "Happy Together" von den Turtles im Hintergrund gerade die Schwächen meiner Thesen offen legte.

Nirgendwo sonst auf der Welt ist Pop schließlich so sehr Volksmusik, nirgendwo sonst wird er so locker und stimmig hingeworfen (Ich habe österreichische Hochzeitsbands gehört).

Natürlich bedeutet dieses Internalisiert-Haben des Popsongs einen unermesslichen Vorsprung. Und einen Nachteil zugleich, weil es gleichzeitig die formale Wendigkeit einschränkt und in ein klassisches kulturelles Missverständnis mündet: Dass die BritInnen ihre eigene Popmusik immer als die einsame evolutionäre Speerspitze dieser Kunst sehen, während der Rest der Welt sie als etwas altmodische aber liebenswerte Schrulle verehrt (oder verachtet, machen wir uns nichts vor).

Aber das ganze Gespräch war sowieso voller Bier und wertlos, weil wir gar nicht von britischer Popmusik redeten (nicht von Friendly Fires, nicht von Noah & The Whale, nicht von The Week That Was), sondern bloß von ihrem Stereotyp.

 
 
  Und doch:

Vor ein paar Tagen fand ich mich mitten in der Nacht vor dem Fernseher wieder. Da lief auf BBC Four die Reihe "Pop Britannia", eine mit reichlich atemberaubendem pop-historischem Archivmaterial untermauerte, von prominenten Talking Heads erzählte britische Popgeschichte, wie ich sie früher gierig in mich aufgesogen hätte. Diesmal dagegen ertappte ich mich beim Abdrehen.

Die Vorstellung, mir noch einmal vom selbstverliebten George Martin erzählen zu lassen, wie super seine Boys damals drauf waren, machte mich einfach zu müde.

Da wusste ich auf einmal, dass ich bei der Hochzeitsparty gar kein nörgelnder Immigrant gewesen war, sondern genau so ein von all den althergebrachten Beschwörungen ihrer Herrlichkeit satt gegessener, trotzdem unverbesserlicher Liebhaber der britischen Popmusik, wie er mir einst in den Neunzigern in Gestalt all jener britischen Bands gegenüber gesessen war, die gar nicht aufhören konnten, sich vom Britpop zu distanzieren, obwohl sie selbst genauso klangen.

Das ist er also, der Endpunkt meiner Assimilation. I've gone native. Ich darf ab jetzt offiziell mitnörgeln. All in Austrian.

Scheißwetter heute übrigens. Didn't have much of a summer, did we?

 
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