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London/Canterbury | 7.5.2006 | 23:01 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Who said love was dead?
  Stranded at low tide
Where the river bends
Wouldn't you know it
That's how life ends
Lucky at cards
That's an old lie
Lucky in love
That's how life ends


("The Wrong Road", aus "Liberty Belle and the Black Diamond Express", 1985)
 Bild: Peter Wafzig
 
 
  Das schrieb Grant McLennan, und jetzt wo er tot ist, klingen diese Zeilen noch trauriger und melancholischer als sonst. Aber vielleicht hätte er seinen eigenen Tod anders, ja - selbst wenn das Wort noch so unpassend klingt - positiver gesehen...
 
 
 
  Vor einem Jahr und zwei Monaten stolperte ich ins Columbia Hotel am Hyde Park, eine versiffte Musikerabsteige, die so aussieht (und auch so riecht) als wäre dort in den letzten zwanzig Jahren die Zeit stehengeblieben. Ich lief orientierungslos durch die Gänge, als sich die Lifttür öffnete und mir ein glatzköpfiger Mann mittleren Alters entgegen kam, der mich ansah, als wüsste er genau, wonach ich suchte.

"Sorry", sagte ich, "Do you know... I'm here for a Go-Betweens interview." Und dann sah ich seine Augen, jenen charakteristischen, leicht auseinander schielenden Blick und begriff.
"I'm Grant", sagte er, "I'm in the Go-Betweens."
 
 
 
  The last light left in a dead man's eyes is like a starlight hole in a black velvet sky

("Down Here", aus Grant McLennans Solo-Album "In Your Bright Ray", 1997)

 Eines der wenigen Bilder, wo McLennan vor Forster steht.
 
 
  "I know, I know", stotterte ich, und er lächelte ein wohlmeinendes Lächeln zurück, das die ganze Peinlichkeit der Situation auffing. "Gehen wir Robert suchen", sagte er.
 
 
 
  Deep down I'm lonely
And I miss my friend
So when I hear you saying
That we stood no chance
I'll dive for your memory
We stood that chance


("Dive For your Memory", aus 16 "Lovers Lane", 1988, geschrieben von Robert Forster)

 
 
  Als McLennan, Robert Forster und ich uns dann endlich auf der vergilbten Couch niedergelassen hatten und über ihr jüngstes Album "Oceans Apart" sprachen, sprang Forster mittendrin auf, um zwischendurch irgendwas mit dem Plattenfirmenmenschen zu besprechen. Die Nervosität stieg wieder in mir hoch (nie will ich so abgebrüht werden, dass ich nicht mehr nervös würde, wenn ich eine Band wie die Go-Betweens interviewe).

Ich fingerte unsicher an meinem Recorder herum, und Grant McLennan sah mir noch einmal mit diesem tiefen, gutmütigen Blick in die Augen. "Don't worry", sagte er, "It's going fine. This is going well."
 
 
 
  Was für ein netter Mensch, dachte ich. Was für ein feinfühliger Kerl.
Die Go-Betweens waren immer eine Band, die in einem nachlässig dahingeschrummelten Song ohne viel vokale Emphase oder dynamische Sprünge die tiefsten Emotionen transportieren konnte. In der Lennon-oder-McCartney, Verzeihung, Forster-oder-McLennan-Frage, welchen der beiden gleichwertigen Songwriter ich favorisierte, hatte ich instinktiv immer zum witzigen, charismatischen, sprudelnd herzlichen Forster tendiert, und vom Anteil an druckreifen Sagern her lag er am Ende des Interviews auch weit vorn. Aber der persönliche Eindruck der beiden machte mir erst klar, wie viel davon, was die Wärme der Musik der Go-Betweens ausmachte, direkt aus dem unauffälligen Wesen des Anti-Popstars Grant McLennan strahlte.
 
 
 
  1977 im Jahre des Punk formierten sich die Go-Betweens im popkulturellen Brachland Australien, nachdem McLennan Robert Forster in einer Studentenvorstellung der Rocky Horror Show an der Universität von Brisbane in Windeln spielen gesehen hatte.

Während der Rest der Welt die Stooges wiederentdeckte, hörten die beiden Bob Dylan und Phil Ochs und sahen sich Filme der französischen Nouvelle Vague an. Zusammen mit Schlagzeugerin Lindy Morrison nahmen sie 1981 in Melbourne ihr Debüt-Album "Send Me A Lullaby" auf. Die britische Kritik war derart begeistert, dass Rough Trade-Chef Geoff Travis die Go-Betweens einlud, in England ihr zweites Album "Before Hollywood" aufzunehmen, auf dem neben Forsters Meisterstück "Two Steps, Step Out" mit der Kindheitserinnerung "Cattle and Cane" und "That Way" gleich zwei der wichtigsten McLennan-Songs landen sollten.

Die Art, in der sich das linkisch gespielte Gitarrenriff am Beginn letzteren Songs in einen wolkenleichten Backing Track weiterspinnt, ist übrigens ein perfektes Beispiel für die magische Mischung aus charmantem Dilettantismus und purer Eleganz in der Musik der Go-Betweens.
 
 
 
  Die Achtziger hindurch reihten sich die LPs ihrer klassischen Phase in beinahe jährlichem Rhythmus wie Perlen an den Zwirn. "Spring Hill Fair", "Liberty Belle and the Black Diamond Express", "Tallulah", "16 Lovers Lane". Andere, geisterverwandte Bands wie REM oder die Smiths wurden zur gleichen Zeit kommerziell weit erfolgreicher, aber die Australier behielten während einer (mit Solo-Platten und Live-Tourneen zugebrachten) 12jährigen Veröffentlichungspause den Bonus der unbefleckten Biographie, und als sie 2000 mit "The Friends of Rachel Worth" zurückkehrten, fiel ihnen die Pop-Welt mit der geballten Wucht ihres aufgestauten schlechten Gewissens in die Arme.

Der gesamte Katalog der Go-Betweens wurde seither neu aufgelegt, und ihre beiden letzten Alben "Bright Yellow Bright Orange" und "Oceans Apart" erhielten rundum hymnische Kritiken, ja selbst das routinierte Soundbite von ausgesuchten U2-Mitgliedern als adelnder Segen jedes prominenten Pop-Nachrufs kassierte Grant McLennan schon zu Lebzeiten, als Bono und The Edge "Cattle und Cane" als einen ihrer drei Lieblingssongs aller Zeiten nannten.

Das in praktisch jeder Story über die Band bemühte Klischee der Go-Betweens als unbelohnte, unterbewertete Kultband nervte McLennan bereits sichtlich, als ich ihn und Forster letztes Jahr interviewte. Und während Forster mit einem Sandwich in der Hand zum Tisch zurück kam, sagte Grant McLennan mir ein paar Sätze ins Mikro, die sich im Kontext dieses Nachrufs doch irgendwie tröstlich ausmachen:
 
 
 
  "Ich finde, Erfolg bedeutet, dass man die Arbeit machen kann, die man machen will. Seit Robert und ich die Band gründeten, hatten wir nie einen normalen Job. Wir waren nie darauf angewiesen, im Gegensatz zu vielen anderen Musikern, die ich kenne. Wir verkauften zwar nicht Millionen von Platten, aber wir konnten unseren Traum am Leben halten. Mittlerweile geht mir diese ständige Wiederholung des Jammerns darüber, was wir alles hätten sein können oder sein sollen, selbst schon auf die Nerven. Das ist alles irrelevant. Ich sehe die Dinge nicht so. Ich kann jeden Tag aufwachen, wann ich will. Wenn ich arbeiten will, kann ich das tun, wenn nicht, lese ich ein Buch. Das klingt jetzt sehr faul, aber für mich ist das mein Erfolg."
 
 
 
  Vergangenen Sonntagmorgen wachte Grant McLennan nicht mehr auf. Er war friedlich im Schlaf gestorben.

Auf der Website der Go-Betweens wurde ein kurzer Nachruf veröffentlicht.
 
 
 
  But there's no reason to cry
No, there's no reason to cry

Got to find a reason
Got to find a reason
Got to find a reason


("No Reason to Cry" aus "Oceans Apart", 2005)
 
 
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