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London/Canterbury | 1.5.2008 | 18:23 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Phill Space Is Back
  Gestern hab ich hier eine Geschichte veröffentlicht und nachher wieder von der Frontpage zurückgezogen. Es war meine eigene Entscheidung, und ich glaub, sie war nicht falsch. Die Geschichte allerdings auch nicht.

Aber in der Zwischenzeit hatte ich etwas von der Diskussion mitgekriegt, wie sie gerade in Österreich läuft. Und ich bekam so meine Bedenken, dass diese Story im falschen Kontext als Teil des klassischen österreichischen Verhaltensmusters erscheint, sich von der ganzen Welt missverstanden zu fühlen und daraus eine wehleidige Bestätigung zu beziehen, dass bei uns doch eigentlich alles in Ordnung sei.
 
 
 
  Dann allerdings wurde ich Zeuge des BBC-Newsnight-Interviews des von mir an sich sehr geschätzten Robin Denselow mit Natascha Kampusch, in dem sie sinngemäß die Unterdrückung von Frauen in Österreich und damit das Verbrechen des Josef F. als Konsequenz des Nationalsozialismus bezeichnete.

Eine These, die Robin weder illustrieren noch hinterfragen wollte, bot die Nennung des endlos faszinierenden N-Worts für sich doch schon den nötigen Kitzel inklusive suggerierten Tiefgangs.

Und plötzlich wurde mir klar, was mich an all den wenig bedachten Nazi-Perversionsfantasien, die da so offensichtlich bedient werden, wirklich störte: nämlich die Instrumentalisierung der in ihrem ganzen Schrecken doch so furchtbar herleitbaren, keineswegs als Wolke aus heiterem Himmel über das Land gefallenen, industriellen Ermordung von Millionen Menschen als handliches Kürzel für "das Böse" bzw. das "Dunkle" im Österreichischen, als das es die frei assoziierenden Reporter - wie jener typische Phill Space* in Gestalt des Korrespondenten der Times heute in der Radio-Sendung The World At One - dauernd bezeichnen.

Immer schön vage bleiben, damit nur keiner draufkommt, dass sich das Sinnbild hint und vorn nicht ausgeht.
 
 
 
  Erwähnter Reporter der Times, der sich hörbar über die Impertinenz der österreichischen Behörden ärgerte, den 1. Mai als Feiertag zu begehen, ortete darin übrigens auch gleich eine "culture of secrecy", die ihn direkt zum Schluss brachte, dass hier ganz offensichtlich genau wie im Fall Dutroux Politik und Polizei impliziert wären. Schließlich sei er damals in Belgien gewesen.

Diese messerscharfe, mit großem Selbstbewusstsein vorgetragene Analyse eines armen Kollegen, der gewiss noch heute Nachmittag aus dem Nichts eine ganz- bis doppelseitige Geschichte fabrizieren musste und daher, weil er keine andere Wahl hat, dieses Nichts als Verdunklung interpretiert, hat mich jetzt dazu bewogen, diese Geschichte doch noch einmal zu bringen (Danke auch an Kollege Chris Cummins, unseren eigenen Engländer in Amstetten -wenngleich aus privaten Gründen - für das bestärkende Email).

Also:
 
 
 
Phill Space, Our Man in Amstetten
  Die BBC hat wieder angerufen. Die wussten ja nicht, dass ich aus dem letzten Mal meine Lehre gezogen hatte. Die nette Dame brauchte gar nicht erst zu sagen, was sie wollte. Sie fragte mich nur nach meinem Namen, und ich antwortete: "I have absolutely no connection with this case." Da musste sie lachen und sich schnell verabschieden.

Dann kam das Email von der Botschaft mit der datenschutzbedingten Nachfrage, ob es okay sei, meinen Namen an britische Medien weiterzugeben, die offenbar nach österreichischen Journalisten für ein paar schnelle Zitate suchten. Na sicher nicht (Aber gut, dass sie gefragt haben).

 
 
  Am Abend zuvor hatte ich Eric Frey vom Standard im Radio souverän die Stimmung in Österreich beschreiben gehört, zwischendurch wurden die Schlagzeilen der eminenten Tageszeitung Österreich zitiert und deren Reporterin interviewt, und nebenher hab ich noch die eine oder andere Analyse aufgeschnappt, die der für alle Redaktionen in allen Ressorts arbeitende Spezialist Phill Space* in den letzten paar Tagen so verfasst hat.
 
 
 
  Ich glaube ja auch, dass das alles irgendwie sowohl mit Freud als auch mit Hitlers Geburtsort zu tun hat und nein, abgesehen von dem Fund vergrabener Gebeine von Mordopfern letztens in einem Garten in Margate hat man in diesem Land hier noch nie von sowas gehört, Fred West schon vergessen, und der Folterkeller im Kinderheim in Jersey liegt sowieso schon auf halbem Weg zum moralisch korrupten Kontinent.

(Einwurf nach nochmaligem Durchlesen dieses von mir selbst geschriebenen Absatzes mit komischem Gefühl im Bauch: Nein, Pointen schinden mit solchen Verbrechen geht sich - auch mit Sarkasmus - nicht aus. War nicht genau das mein Punkt? Eben)

 
 
  Zugegeben, der Independent hat heute in einem Leitartikel die ganzen klischeetriefenden Schnellschussdiagnosen der Psychose eines Alpenlands recht schlüssig relativiert.
 
 
 
  Außerdem hab ich wenig Lust, hier als beleidigter Patriot im Gegenzug mit meinen eigenen Mutmaßungen über die morbide Faszination der Briten mit dem Fall F. und ähnlichen Verbrechen zurückzuschießen.

Die Eigendynamik, mit der Geschichten wie diese - so schlimm sie für die tatsächlich selbst Betroffenen sind - sich in Presse, Rundfunk und Netz jenseits irgendwelcher mit Erkenntnisgewinn begründbarer Dimensionen multiplizieren, hat weniger damit zu tun, was die Leute angeblich lesen wollen, oder mit rationalen redaktionellen Entscheidungen, als mit den umwälzenden Entwicklungen in der Finanzierung und Organisation unserer Massenmedien.

 
 
  Zu diesem Schluss komme ich jedenfalls nach der Hälfte der Lektüre des auch für einen Branchengeschädigten absolut schockierenden Buchs Flat Earth News von Guardian-Journalist Nick Davies, der mit empirischem Eifer den katastrophalen Niedergang einer britischen Presse analysiert, die unter dem Druck profitgieriger Eigentümer mit immer weniger Ressourcen immer höheren Output immer schlechterer Qualität produziert.

Ist natürlich nur bei den Briten so. Genauso, wie in Österreich alle pervers sind.

 
 
  Der unnachahmliche Charlie Brooker hat dasselbe Thema in Bezug auf Rolling News-Kanäle neulich in einer seiner meistens brillanten Fernsehkolumnen auf den Punkt gebracht.
 
 
 
  Jetzt bin ich nur gespannt, ob der Evening Standard es in seinem Rachefeldzug gegen den roten Ken schafft, morgen bei den Londoner Bürgermeisterwahlen den blauen Boris in den Sattel zu hieven.
 
 
 
*
  Sein Name ist Programm.
 
 
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