fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
London/Canterbury | 3.7.2008 | 16:11 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
The Boy in Blue speaks out!
  Jetzt schreib ich schon über acht Jahre für diese Website, aber manchmal bin ich immer noch überrascht über die selbsttätige Dynamik, die das Forum unter den Geschichten hier entwickeln kann.

Da zieht ein Engländer ein DDR-Fußball-Trikot an, und kaum hast du dich's versehen, wird einem schon stellvertretend der Unmut der "ganzen Hinterbliebenen, der Leute, die in den Gulags erfroren sind, oder die an der Grenze erschossen wurden" (O-Ton cikko) übermittelt bzw. kühne Vergleiche mit dem öffentlichen Tragen von Nazi-Uniformen und sogar fiktiven "Pinochet-Leiberln" (Zitat makronaut) angestellt.
 
 
 
  Die moralische Empörung scheint endlos steigerbar und verirrt sich in einen seinerseits eigentlich ziemlich geschmacklosen Wettlauf der Gräuelvergleiche Marke "Das ist so, als würde...(an dieser Stelle beliebige Geschmacklosigkeit einsetzen)".

Was diese Gleichnisse belegen sollen, weiß zwar keiner, aber der Kreis der Mitbeleidigten wird damit gleich erweitert.
 
 
 
 
 
  Dabei erinnert mich die ganze damit verbundene Diskussion über mutmaßliche verharmlosende Ostalgie an eine Zeit in den Achtziger Jahren, als der Ostblock sich noch "real existierender Sozialismus" nannte.

Es bleibt wohl einer der ganz wenigen bisher nicht wiederbelebten Mode-Trends jener verwirrten Epoche, aber so um '85 herum waren ein, zwei Saisonen lang CCCP-Sweater und Hammer und Sichel-Motive überall der letzte Schrei.
 
 
 
 
 
  Einer der Vorreiter dieser Welle war der Rekord-Läufer Steve Ovett, der ein von einem sowjetischen Konkurrenten nach einem gemeinsamen Lauf getauschtes T-Shirt als Glücksbringer zu tragen pflegte. Soweit ich mich erinnern kann, kam damals niemand auf die Idee, dem Briten deshalb Verharmlosung der Gulags zu unterstellen.

 Der Brite Steve Ovett in seinem Sowjet-Trikot.
 
 
James Mc Avoy im '85er-Studenten-Look samt Sowjet-Badges in "Starter for Ten
 
 
  Junge Leute, die mit der organisierten Linken überhaupt nichts zu tun hatten (die aber natürlich auch, von braven SozialdemokratInnen bis zu radikalen PoseurInnen), fanden es eine Zeit lang gleichfalls schick, sowjetische Blech-Badges zu tragen. Besonders beliebt, weil besonders skurril: Lenin als Baby in Gold auf rotem Stern.
 
 
 
  Wer wollte, konnte das als Zeichen des guten Willens gegenüber der von Ronald Reagan als "Reich des Bösen" dämonisierten anderen Seite interpretieren (zur gleichen Zeit sang ja auch der damals gerade sehr präsente Sting davon, dass auch die Russen ihre Kinder lieben).

Im Grunde war all der Sowjet-Chic aber ungefähr so politisch gehaltvoll wie ein Royal Air Force-Target auf einem Mod-Parka oder die Bundesrepublik-Fahne auf den Nato-Jacken von Jugendlichen, die gegen Pershing-Raketen demonstrierten.
 
 
 
  Vor zwei Jahren kam in England übrigens ein in jener Zeit angelegter, ziemlich großartiger Film mit James McAvoy namens "Starter For Ten" raus, in dem er einen Studenten der Bristol University spielt und als typisches Kleidungsstück eine mit sowjetischen Badges übersäte Matrosenjacke trägt.
 
 
 
  Wenn solche Accessoires damals zu großer moralischer Bestürzung geführt haben sollten, muss es mir entgangen sein. Im Gegenteil: Der Vormarsch der CCCP-Sweater von der Straßenmode in die Boutiquen und dann in die Diskontmärkte schien zu belegen, dass hier ein System so eindeutig gescheitert war, dass seine Symbole ihren politischen Wert völlig verloren hatten.
 
 
 
  Als der nicht gerade als militanter Kommunist bekannte Sir Paul McCartney 1988 zum Zeichen der Versöhnung und gegenseitigen Glasnost seine Rock'n'Roll-Platte ausschließlich für den UdSSR-Markt produzierte, wurde er dort jedenfalls zu einer Art Volksheld einer willkommenen Verwestlichung. Mit rotem Stern am Cover.

 McCartney's "Russian Album"
 
 
  Ich selbst trug damals übrigens zwar jede Menge politische, aber definitiv keine Sowjet-Badges, weil für mich - gerade ob meiner zweifellos linken, ausgeprägt antistalinistischen Sozialisation - deren Bedeutung sehr wohl eine spezifische war, mit der ich mich nicht identifizieren konnte.
 
 
 
  Als Mitteleuropäer mit im Holocaust ermordeter Verwandtschaft kann ich außerdem grundsätzlich die Empörung über Symbole gut verstehen, selbst wenn die Mode oder die Popkultur sie für sich adaptiert haben.

Bis heute empfinde ich selbst im Punk-Kontext weder Sid Vicious' groteskes Hakenkreuz-T-Shirt noch Siouxsie Sioux's Armschleife als zulässige Schock-Taktik. Und auch Joe Strummers "Brigade Rosse"(sic!)-Hemd war sicher nicht seine beste Idee.
 
 
 
  Trotzdem kenne ich sowohl den essentiellen Zusammenhang als auch den ganz genauso essentiellen Unterschied zwischen Popkultur und Politik.
 
 
 
  Will heißen: Ein Hakenkreuz auf einem von Jamie Reid designten T-Shirt ist nicht das Gleiche wie eins auf einer ausländerfeindlichen Demo. Obwohl ich beides selbst nie tragen würde.
 
 
 
  Und, damit wir wieder beim Thema sind: Ein Fußball-Trikot ist keine Militäruniform.

Aber damit nehme ich schon die Worte von Richard vorweg, dem ich den allgemeinen Gehalt der Postings unter meiner von seinem Bild gezierten letzten Story übermittelt hab.
 
 
 
  Im Folgenden erklärt Richard, wie er auf die Idee kam, zum EM-Finale mit einem DDR-Trikot zu erscheinen (nachdem es beim letzten Mal in den Postings zu einer Vermengung zwischen mir und ihm kam, das ist jetzt sein Statement, nicht meins):
 
 
 
  "First and foremost, it's a lovely shirt. That's why I bought it. But a discussion of the aesthetic versus the political in a moment.

On the specific events, I did ask two different members of staff at the German Embassy whether it would be okay to wear it.

As I'm not a German myself, and don't have an experience of people's feelings towards the DDR, I asked if it would be offensive, in poor taste to wear it? They said it would be fine.

And it was a football shirt.
Not a Stasi uniform.

As an Englishman, it's of course out of the question that I could wear a West Germany or a Germany top. But the East German football team is now incorporated within the unified German team. So I thought wearing a DDR top was a way of supporting Germany, while putting a little ironic distance on it. Or do I have it wrong that the East German team is incorporated in the Germany team?

On aesthetics and politics and football: I've also got a 1960s Spurs top, a 1970s Roma top, a 1970s Torino top, a 1960s Dynamo Kiev top, a 1970s Czechoslovakia top, and a 1950s Hungary top. I don't know what people would say about me wearing a Czechoslovakia top.

I don't know whether Czech or Slovakian football fans would have happy memories of their 1976 Euro win over Germany, and whether they'd be pleased to see it or not.

Of course I'm distant from these places and their history. And there are certainly limits to pushing the 'I just think it looks nice' argument. Bryan Ferry was wrong to say how stylish the Nazis were. Though partly what was wrong with what Ferry said was that there was something intrinsic in the style that he was talking about - the uniforms, the massed ranks, the Speer-designed and Riefenstahl-shot arches of searchlights - that was fascistic and perverse."

 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick