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London/Canterbury | 10.7.2008 | 19:28 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Your fruit is slightly bruised
  Es ist wohl ein natürliches Symptom des Alterns von Popmusik als Form, dass sich die Beschäftigung mit ihr zunehmend nach den Erzählungen des Papas vom Krieg anhört. Und wer sich heute noch daran stößt, wird morgen schon selbst anderen seine Schrullen darüber aufdrängen, wie aufregender alles dazumal nicht gewesen sei.

Beim Overchill des Trip Hop der frühen bis späten Neunziger ist das irgendwie anders. Zu viel Gedächtnisverlust wegen zu viel Gras, zu viel Beschämung für das Versinken ins Sofa, während am weltpolitischen Himmel unbemerkt schon der Donner grollte, zu wenig Sinngewinn aus der britischen Entwortung des amerikanischen Hip Hop-Idioms, zu wenig Lustgewinn nach der Entwertung der hübschen Samples durch die endlosen Reruns danach auf endlosen 12-Inches in geschmackvollem Umschlag.

Massive Attack haben sich als Reaktion darauf so tief in die eigene Dekonstruktion verstiegen, dass die Einigung auf neues Material schon dem Ausbaldowern eines EU-Vertrags gleicht. Und Portishead mussten auf "Third" - erfolgreich, allerdings - grobe Gewalt anwenden, um eine erneute Landung auf dem Cocktail-Tischchen zu meiden.

Einem wie Tricky drohte nie derlei Selbstzerfleischung, schon eher die Selbstgefälligkeit. Fans mögen mir vergeben, aber ich bin wohl nicht der einzige, dem von seinem letzten Album "Vulnerable" höchstens die Cover-Versionen von The Cure's "Lovecats" und XTC's "Dear God" in Erinnerung geblieben sind.
 
 
 
 
  "Knowle West Boy" ist Tricky fünf Jahre danach, und eins dieser fünf verbrachte er damit, eine frühere Fassung, die er selbst als "zu formelhaft" empfand, vollkommen zu verwerfen und alles neu anzugehen. Nicht Selbstzerfleischung, aber konstruktive Selbstkritik also. Und die hat sich ausgezahlt.

Natürlich hat das Album, gerade wenn's ums Rocken geht, Momente, wo Trickys Abhängigkeit von Studiomusikern die Originalität seines Ausdrucks sabotiert (siehe die Gitarrengeschäft-Genudel-Riffs in "C'mon Baby" bzw. die wie ein Nintendo-Soundtrack zippelnde Verbösung des Kylie-Songs "Slow"). Aber der Anteil an ohne viel Gimmicks gehfähigen Songs ist diesmal befriedigend hoch, und das liegt nicht zuletzt an der textlichen Dichte seines vom Stoff her bisher konkretesten Albums.

Im Opener "Puppy Toy" kehrt Tricky an den Schauplatz seiner Jugend zurück und setzt sich ins Pub. "It's always my round", sagt er und zahlt für alle - schließlich weiß jeder hier, dass er es draußen in der weiten Welt geschafft hat - während die Frauenstimme im Hintergrund ihn neckt, lockt und schließlich mit einem herzhaften "Piss off!" wieder auf die Reise schickt.

Als ich Tricky in London zum Interview traf, war er voll der romantischen Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend in Knowle West, einer verwahrlosten Gemeindebausiedlung in Bristol, die damals vor 20 bis 40 Jahren ein "white Ghetto" war. Rassismus habe er dort keinen zu spüren gekriegt, erzählte Tricky, obwohl seine eigene Familie alle Hautfarben des Regenbogens hatte, während alle anderen rundum weiß waren.

Im Gegenteil, einer seiner besten Freunde sei ein weißer Skinhead gewesen. Er und Tricky, der Rude Boy in tonic trousers, gingen gemeinsam in den Teddy Boy-Club nebenan, um sich mit den Teds zu prügeln. Happy days...
 
 
 
Straße in Knowle West, Quelle Wikipedia
 
 
  Zu jeder Tag- und Nachtzeit hab er als Kind mit seinem Fahrrad durch Knowle West fahren können, da habe es keine Kinderschänder gegeben, weil alle einander kannten. Verbrechen schon, aber "nur" Raub und Drogen, keine Vergewaltigungen, denn "da hättest du es sonst mit ihrem Vater oder Onkel zu tun gekriegt."

Vielleicht bin ich ein Waschlappen als Interviewer, vielleicht war es auch einfach das überzeugende Blitzen in seinen Augen, mit dem Tricky mir die patriarchalische Logik des Lebens in Knowle West auseinandersetzte, aber ich hakte da nicht ein.

Ich fragte erst nach, als ausgerechnet er, selbst ein Pionier der eigenständigen britischen Zunge im Rap, seine kleineren Brüder bezichtigte, wie "Ghetto black kids" zu denken und ausschließlich in schwarze Hip Hop-Clubs zu gehen, anstatt sich mit den weißen Kids zu mischen.

Niemand habe den Hip Hop fanatischer geliebt als er, sagte Tricky, aber die Sex Pistols seien ihm genauso wichtig gewesen. Heute dagegen sei die selbsttätige Rassentrennung unter den Jugendlichen wesentlich schärfer als zu seiner Zeit.
 
 
 
  Als einer, der selbst in Kentish Town in Nordlondon jahrelang Ähnliches beobachtete, fiel es mir schwer ihm zu widersprechen. Noch dazu, wo in Großbritannien rassistische Gewalttaten unter Jugendlichen laufend zunehmen.

Eines der positivsten Attribute an der Trip Hop-Szene damals war ihre Verkörperung der Utopie einer farbenblinden Pop-Kultur, aber dieser einen Verheißung folgte wenig Konsequenz, siehe die hier schon öfter thematisierten Untertöne um Jay-Z's Auftritt in Glastonbury.

Eigenartig waren nur die Gründe, die Tricky für dieses Phänomen angab. Der Einfluss des amerikanischen Hip Hop, der einen Kult des Reichtums anstelle der Rebellion gesetzt habe. Der Import einer segregierten Popkultur durch "too much of an American vibe", die uns "durch Filme und Musik aufgedrückt" würde. "In der Oxford Street in London siehst du Leute mit Bronx-T-Shirts herumlaufen", sagte Tricky. Er habe selbst in der Bronx gelebt und würde nie sowas tragen.

Und dann sind da noch die neuen Einwanderer in Knowle West aus Somalia und Europa, die Tricky und seinem Onkel ein Dorn im Auge sind, "weil wir keine Veränderung wollen". Das klinge fast rassistisch, räumte Tricky ein, "but it ain't." Sicher nicht? Zumindest aber ein wenig xenophob? "Es ist einfach nicht mehr der gleiche Ort", erklärte er, "It doesn't feel like Knowle West now."

Tricky ist kein Politiker, das ist gut so. Und es war klar, dass er während des Interviews bloß versuchte, in seinen Beobachtungen und Gefühlen einen Sinn zu finden. Interessanterweise schafft er genau das in seinen Songs fast spielend, ohne sich dabei in krude Schlussfolgerungen zu versteigen.
 

 
audio
 
title: Prime Cuts: Knowle West Boy
artist: Tricky
length: 1:11
MP3 (1.139MB) | WMA
   
 
 
  Zum Beispiel in "School Gates", der wahren Geschichte der Schwangerschaft seiner Freundin, als sie beide 16 waren und sie von der Schule direkt ins Muttersein, und er, der Gelegenheitsdieb, direkt ins Gefängnis schlitterte. Oder in "Joseph", dem Selbstporträt des alleingelassenen, vor allen und allem fliehenden zornigen jungen Mannes, dessen Mutter sich umgebracht und ihm "the gift of song" hinterlassen hat.

"Knowle West Boy", sagt Tricky sei, "a thing of history, a kind of remembrance. This was my culture, this is how I grew up", und als solch ein klingendes Memento mit gleichen Teilen Nostalgie und Bitterkeit ist dieses Album - abenteuerlicher Vergleich des Tages - sowas wie ähm... die "Village Green Preservation Society" des Post-Trip Hop.
 
 
 
Tricky Live
  Am Donnerstag, 16. Oktober, senden wir im Rahmen das FM4 Homebase (19-22 Uhr) Teile des Tricky-Konzertes vom diesjährigen FM4 Frequency Festival.
 
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