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London/Canterbury | 14.7.2008 | 23:45 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
The Boy Wonder under the Hood
  Es geht ein Gackern durch die britische Presse.
Die kleinbürgerliche Sonntagszeitung Mail On Sunday hat in einer Enthüllungsstory dem mysteriösen Meister der englischen Straßenmalerei die Kapuze vom Kopf gezogen.

Jawohl, sie haben Banksy geoutet.

Er heißt angeblich Robin Gunningham, ist 34, ging auf eine Privatschule, und seine Eltern gehören zur wohlhabenden Middle Class.

Was die großteils ebenfalls aus Privatschülern zusammengesetzte Journaille wie gesagt ordentlich zum Wiehern bringt: Zerbrochen die sozialromantische Vorstellung von Banksy als unzähmbarer Straßenratte, die mit einem Einkaufswagen voller Spraydosen in Lumpen durch London zieht. Er ist also ein Fake! Ein netter Junge aus gutem Haus! Die Credibility dahin!
 
 
 
 
 
  Warum eigentlich?

Banksys öffentliche Kunst hat nie ein konkretes Statement über die Herkunft ihres Schöpfers abgegeben.

Graffiti ist als Genre zwar nicht in gutbetuchten Vierteln, sondern in der urbanen Verwahrlosung zu Hause, aber wer London kennt, weiß dass letztere auch in durchaus teuren Gegenden nie weit entfernt ist.

Dazu kommt noch, dass Banksy sich ja nicht der Graffiti-Ästhetik bedient, sondern im Sinne der sogenannten Street Art gediegen figurativ und sehr traditionell mit Schablonen arbeitet.
 
 
 
  Seine Motive haben wiederum zwar politische Botschaften, aber keine, die der Lackdose eines authentisch im Gemeindebau aufgewachsenen Sprayers irgendwie glaubwürdiger entsprungen wären.

Banksy ist gegen den Krieg, gegen die Konsumgesellschaft, gegen Folter in Guantanamo, gegen den Polizeistaat. Und er sucht - eigentlich ziemlich traditionelle - Schönheit im urbanen Dreck.
 
 
 
 
 
  Vor allem ist er aber deklariert antikommerziell - immer das Erkennungszeichen von jemand, der das Geld nicht wirklich braucht - und ein erklärter Feind des zeitgenössischen Kunstbetriebs:

"The thing I hate the most about advertising is that it attracts all the bright, creative and ambitious young people, leaving us mainly with the slow and self-obsessed to become our artists. Modern art is a disaster area. Never in the field of human history has so much been used by so many to say so little."
 
 
 
  So wie das da steht, fragt man sich eigentlich, was Banksy denn anders sein sollte als ein Middle Class Boy. Die dabei verwendete Sprache, inklusive abgewandeltem Churchill-Zitat ("Never in the field of human conflict have so many owed so much to so few"), ist jedenfalls nicht gerade die des Hip Hop.

Womit wir wieder bei einem meiner Steckenpferde wären, und zwar wie die britische Popkultur sich in ihrem umgekehrten Snobismus immer für den Einfluss der schrecklich unglamourösen Middle Class geniert und unaufhörlich ihr selbstbetrügerisches, heuchlerisches Tanzritual rund um das Thema veranstaltet.

Dass denen das nicht fad wird.
 
 
 
Bildungsbürgerliche Straßenkunst?
 
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