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London/Canterbury | 18.8.2008 | 15:15 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Capitalism & Cool
  Auf dem langen Weg zurück nach England (wir wollten nicht fliegen, und es war besser so, viel besser) hab ich eine SMS von einem Freund gekriegt. Ob ich den Hamfatter-Review im Guardian gelesen hätte. "Der arme Eoin..."

Mittlerweile hab ich sie gelesen, die Rezension, und es waren nicht die ersten bösartigen Zeilen zu diesem Thema, die mir untergekommen sind, seit dem schicksalshaften Auftritt dieser mir wohlbekannten Band in einer der populärsten Reality-TV-Shows der BBC. Aber vielleicht fang ich besser doch bei der Vorgeschichte an.
 Eoin im Fernsehen
 
 
  Irgendwann vor langer Zeit, es muss so um 2001 oder 2002 herum gewesen sein, spielte ich mit meiner Band einen Gig in Camden. Eine der anderen Bands an diesem Abend waren Hamfatter aus Cambridge. Ihr Sänger und Bassist Eoin (sprich "O-in") O'Mahony hatte eine auffällig gute Stimme, konnte - was nicht so oft vorkommt - gleichzeitig singen und im Groove zupfen, und die Songs waren interessant genug, dass ich ihn nachher um eine Demo-CD bat und prompt ein, zwei Songs davon in meiner Sendung spielte, ich glaube es waren "You're Beautiful" und "Fireworks".
 
 
 
  Wir blieben in Kontakt, und als mein Bassist Stefan von London zurück nach Wien zog, bot Eoin sich großzügig als Ersatz an.

Zwischendurch hatte ich mehr von Hamfatter gehört und gemocht, obwohl die Entscheidung, den sehr sympathischen, aber im Stadionrock sozialisierten Schlagzeuger zum Gitarristen zu machen, den Sound der Band nicht unbedingt in meine Geschmacksrichtung verändert hatte.

Wie sich herausstellte, war Eoin sowas wie ein musikalisches Hypertalent. Einer, der in Cambridge Klavier studiert hatte und selbst die verkorkstesten Harmonien beim ersten Hören begriff.
 
 
 
  Außerdem war er ein bekennender Fan von The Divine Comedy, bloß dass er im Gegensatz zu Neil Hannon seine Arrangements selbst schreiben hätte können, wenn nur das Geld für ein kleines Orchester da gewesen wäre.

Eoin fuhr auf kleine Tourneen mit nach Österreich, war begeistert von den freundlichen Menschen und den Freigetränken, spielte erst Bass, dann Klavier, brachte bald seine eigene Band mit und träumte schon vom Umzug, vielleicht nicht nach Wien (zu groß), möglicherweise nach Graz (gerade richtig).

Ich kann mich noch erinnern, wie er mir nicht glauben wollte, als ich ihm erzählte, dass selbst die größten österreichischen Indie-Bands nicht wirklich von ihrer Musik allein leben können, weil dazu der Markt einfach zu klein ist.
 
 
 
  Später stellte er mir dann ein paar neue Freunde aus Cambridge vor, Hippies mit überlangen Glockenhosen und einer Band namens Free Love & The Good Plant. Sie fuhren mit zum "Blue Moon"-Songwriter-Festival, das Georg Altziebler alias Son of the Velvet Rat in Graz organisiert hatte, und wir wurden nicht wirklich warm miteinander.

Ihr Sänger Jamie Turner, nach außen hin ganz der hemdknopflose Freigeist, sah sich gar außerstande, aushilfsweise ein Shaker-Ei zu schütteln, "cause I don't believe in collaborations, man."

Na ja, musste ja nicht sein.

 Jamie
 
 
  Eoin kam zwischenzeitlich mit seinem Laptop bei mir vorbei, und wir schraubten ein bisschen an seinen neuen Songs herum, dem Versuch eines Chamber-Pop-artigen Solo-Albums, in dem er all die übersprudelnden Arrangement-Ideen in seinem Kopf verwirklichen würde.

Er fuhr auch noch ein paar Mal mit nach Österreich, aber irgendwann wurde da eine Distanz zwischen uns spürbar, die proportional zu seiner Entschlossenheit wuchs, aus seiner eigenen Musik einen Lebensunterhalt zu machen, anstatt als ewiger Klavierlehrer zu enden.

Wir verloren völlig den Kontakt, ohne - zumindest im nüchternen Zustand - ein böses Wort miteinander gesprochen zu haben.

Ich erhielt weiterhin Hamfatters Emails, las von einem neuen Album, das mit einer ordentlichen Subvention vom Arts Council finanziert worden war, schrieb Eoin an und bat ihn, es mir zu schicken.

Erst kriegte ich eine eigenartige Abfuhr ("wir überlassen die PR jetzt lieber Profis und schicken selbst keine Platten mehr aus", antwortete Eoin sinngemäß), dann - nach Intervention eines gemeinsamen Freundes - schließlich doch die CD mit Titel "What Part of Hamfatter Do You Not Understand?".
 
 
 
  Von den eleganten Entwürfen, die ich auf Eoins Laptop gehört hatte, war da nicht mehr viel zu hören. Die Band hatte sich gegenüber den Solo-Tendenzen behauptet, war tighter geworden, und eine gewisse selbstgefällige Rockerei hatte dabei die Oberhand gewonnen, so wie das bei live eingespielten Bands nicht selten vorkommt.

Eine Nummer über das ungarische Sziget-Festival wurde als Single ausgekoppelt und kratzte nach einem Regen von Mails zur Mobilisierung aller Fans eine Woche lang immerhin den äußeren Rand der Top 40. Das war vorigen Sommer.
 
 
 
 
 
  Vor ein paar Wochen kamen dann nach längerem Schweigen wieder ein paar Mailouts an die Fan-Gemeinde. Dass wir in nächster Zeit viel von Hamfatter hören würden. Dann der Hinweis, uns doch die Fernseh-Show "Dragon's Den" anzusehen.

Ich folgte diesem Ratschlag mit gleichermaßen viel Neugier wie Widerwillen, hatte ich doch die letzten Jahre über diesen vielleicht ekelerregendsten Aspekt der britischen Reality-TV-Scheiße erfolgreich aus meinem Leben ausgeblendet.

 Die "Dragons".
 
 
  Neben "The Apprentice" ist "Dragons' Den" eine jener Shows die auf der systematischen Demütigung einfacher Leute durch als Juroren fungierende erfolgreiche Geschäftsleute aufbaut, damit die SeherInnen sich dann in ihrer eigenen Erfolglosigkeit selbst ein bisschen besser fühlen.

Im Fall von "Dragons' Den" betteln Möchtegern-Unternehmer fünf Multimillionäre (die "Dragons") an, Geld in ihre große Geschäftsidee zu investieren. Der Spaß fürs Publikum besteht darin, zu sehen, wie vier Männer und eine Frau ihre BittstellerInnen mit harten Fragen foltern und deren Hirngespinste lächerlich machen.

Und zwischendurch wedeln sie gönnerhaft mit Banknoten und Scheckbüchern und machen Angebote, wenn ihnen eine Idee potenziell profitabel erscheint. Dass es ein klein bisschen wettbewerbsverzerrend ist, diese Idee dabei gleich im Hauptabendprogramm bewerben zu können, wird nicht thematisiert.

 
 
  Hamfatter waren die erste und vermutlich einzige Band, die dieser Show ihre Musik als Investitionsobjekt anbot. Sie kamen ins Studio, enthüllten ihre Instrumente und spielten vor den Millionären eine Minute des Sziget-Songs.

Das klang sehr gut. Mit Bläsern.

Eoin lieferte eine Zusammenfassung der bisherigen Bandgeschichte mit Verweis auf einen "Top-Drei-Hit", den Hamfatter in den Austrian Charts errungen hätten, samt dem relativierenden Nachsatz "oddly enough" ("eigenartigerweise"). Schließlich ist's ja nur Österreich...

Nun ja, genau genommen waren es die Charts eines Grazer Lokalradiosenders, und der Song hieß "Girls in Graz". Gar so "odd" war der Erfolg also nicht gewesen, aber bitte, das sind Details.

 
 
  Dann erklärten Eoin und Jamie, der Hippie, der nun einen Anzug trug und offenbar zu Hamfatters Manager geworden war, dass sie 75.000 Pfund Kapital bräuchten, um ohne Plattenlabel ihr neues Album aufzunehmen, zu pressen, zu bewerben und zu vertreiben.

Im Gegenzug boten sie für diese Investition 20 Prozent aller künftigen Einnahmen aus dem Album und seinen Songs an. Das sei ein revolutionäres Geschäftsmodell, aus dem die Band wesentlich mehr lukrieren würde als von einem klassischen Plattendeal: "Zehnmal mehr als Coldplay".
 
 
 
  Nach anfänglicher Skepsis entwickelte sich im Studio dann tatsächlich sowas wie ein Wettbieten um die Band, und am Ende entschieden sich Hamfatter für das Angebot von Peter Jones (siehe die Homepage samt Aufsteigerbiographie, Familienwappen und Shop, wo es unter anderem das Peter-Jones-Gesellschaftsspiel "Big Business" und sein Buch "Tycoon - the ultimate guide to thinking like and becoming a millionaire" - zu kaufen gibt).

Der Investor erhöhte seinen Anteil auf 30%, rühmte sich dabei aber seiner einflussreichen Kontakte in den Medien. Hamfatter schlugen ein, zeigten sich beglückt und nannten ihn später in Interviews "cool".

 Peter Jones
 
 
  Der Backlash seitens der Musikpresse (siehe etwa oben zitierte Kritik) war unvermeidlich, und die in der Woche nach der Sendung veröffentlichte Single "The Girl I Love" erreichte trotz all der Publicity und drei Millionen Zuseher gerade einmal Platz 71 der Charts (ja, ich hab sie auch gekauft).

Und da ist auch schon das Problem: Ich hab selbst in diesem Text schon elend viel übers Geschäft geschrieben, ohne ein Wort über die Musik zu verlieren, um die's hier doch eigentlich gehen sollte.

Also: "The Girl I Love" ist eine gute, sehr spielbare Nummer mit einem in seinem traditionellen Sentiment ganz süßen, autobiographischen Text darüber, warum es besser ist, der Frau seines Lebens treu zu bleiben, statt sich blind einem Abenteuer hinzugeben (das dezent frauenfeindliche, unvermeidliche Ulk-Video wird dem leider nicht gerecht).
 
 
 
  Aber kann ein Pop-Act wirklich funktionieren, wenn von Anfang an seine hässlichen Eingeweide offen gelegt werden (der Deal, die Promo-Kampagne, die so ganz und gar nicht nach Pop- und Jugendkultur klingende Business-Sprache)?

Oder zerstört das nicht die Magie der Pop-Band bzw. des Popsongs als idealerweise von einem anderen Stern kommende, per Radio oder sonstigem Hörensagen in die Umlaufbahn des Publikums eingedrungene, irgendwie unerklärliche Erscheinung?
 
 
 
  Tim Walker argumentiert in seinem Review eines Gigs in der Proud Gallery in Camden in diese Richtung, indem er Hamfatter mit den Sex Pistols vergleicht, deren Fotos gerade in derselben Galerie ausgestellt werden. Und abgesehen von seinem arroganten Abkanzeln der Band hat er dabei in einem Punkt durchaus recht:

Der schlaue PR-Stunt an sich ist nicht das Problem. Im Gegenteil: Der Great Rock'n'Roll Swindle ist Teil des Mythos und Teil der Essenz der Popmusik. Aber die Band soll sich dabei die Medien und das Business zu Nutze machen, um als Verbündete des Publikums ihr subversives kleines Spielchen im öffentlichen Raum zu treiben.

Eine Band, die sich selbst als dankbares Investitionsobjekt überheblicher Männer im Nadelstreif darstellt, hat dagegen von Anfang an jede rebellische Credibility und jeden Nimbus der Unantastbarkeit ihrer Vision verspielt.

Andererseits: Heißt es nicht immer, Bands sollten im Zeitalter der vermeintlich frei erhältlichen Musik eben "auf andere Weise" Geld machen? Ist es nicht Heuchelei beim Fall Hamfatter gleich aufs hohe Ross der antikommerziellen Integrität zu hopsen, während es gleichzeitig rundum von Bands in unserem unmittelbaren Sichtfeld wimmelt, die mit Investorengeld von außerhalb der traditionellen Musikindustrie hantieren und nebenher als Werbeträger fungieren, ohne es an die große Glocke zu hängen?
 
 
 
  Wäre "The Girl I Love" nicht bloß ein handwerklich sehr ordentlicher Lovesong, sondern, sagen wir, Eoins inspiriertes Äquivalent von "Life On Mars", oder - noch besser - ein zynisches Statement zur Musikindustrie wie der Sex Pistols "E.M.I. Unlimited Edition" gewesen, dann hätte sich Hamfatters Eindringen ins Pop-Universum durchs Klofenster noch zu einem paradoxen Bonus ummünzen lassen.

Da die Single aber weder über irgendwelche stilistischen Stränge schlägt noch eine inhaltliche Verbindung zu den außergewöhnlichen Umständen herstellt, warum die breite Öffentlichkeit sie zu hören kriegt, bleibt der Stunt eine reine Geschäftssache und damit eher unerotisch, wenn man Geld per se nicht sexy findet.

Ich warte einstweilen weiter auf Eoins geniale feingedrechselte Chamber-Pop-Songs von damals aus dem Laptop. Hoffentlich kann er sich bald sein Orchester leisten.
 
 
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