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London/Canterbury | 26.8.2008 | 10:47 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Die erste Generation ASBO
  Ich weiß ja nicht, wann er es in die österreichischen Programmkinos schaffen wird, aber vorgestern hab ich den neuen Film von Shane Meadows, dem Regisseur des Skinhead-Dramas This is England gesehen:

Somers Town, die Geschichte zweier Teenager, die im gleichnamigen, von Sozialbauten dominierten Teil Nordlondons ihre Tage auf der Straße zubringen. Der eine der Sohn eines polnischen Bauarbeiters, der andere ein Ausreißer aus den Midlands (gespielt wieder vom großartigen Thomas Turgoose).
 
 
 
 
  Die Kritik liebt die in Schwarzweiß gehaltene bittersüße Komödie völlig zurecht. Sogar das rechte Revolverblatt News of the World bezeichnete den Film als "herzerwärmend".

Die Ironie liegt auf der Hand: Im echten Leben wären Kids wie beiden Helden von "Somers Town" genau jene Sorte Jugendliche, nach deren harter Abstrafung der Boulevard so gern und gnadenlos ruft.

Sie hängen auf der Straße herum, sie klauen Wäsche aus der Wäscherei, sie betrinken sich auf dem Spielplatz, sie lachen laut, und sie machen Lärm.
 
 
 
  Im echten Leben kann sowas schlimme Folgen haben, zum Beispiel einen aufgrund einer anonymen Anzeige aus der Nachbarschaft verhängten Anti-Social Behaviour Order, kurz ASBO (siehe diese ältere Geschichte), der zu einer langen Gefängnisstrafe führen kann.
 
 
 
 
 
  Ein Beispiel: Ein paar Jugendliche hängen vor einem Geschäft herum, der Geschäftsbesitzer ruft die Polizei, die Jugendlichen kriegen einen ASBO und brüsten sich damit vor all ihren Freunden.

Sie gehören jetzt zum prestigeträchtigen Orden der "ASBO Kids", das bringt Respekt im Straßenleben.

ASBOs wurden Ende der Neunziger von der Blair-Regierung erfunden, um die Bestrafung asozialen Verhaltens zu beschleunigen. Es geht schnell, weil es keinen gerichtlichen Prozess gibt. Der ASBO wird behördlich verhängt und Schluss, keine Verhandlung, keine Verteidigung.

 Grammatik ist nicht die Stärke des Camden Council.
 
 
  Angenommen, die Bedingungen dieses ASBO sehen im Fall unserer fiktiven Jugendlichen vor, dass sie ab sofort nicht mehr vor dem bewussten Geschäft abhängen dürfen.

Natürlich tun sie das weiterhin, weil's nichts anderes in der Gegend zu tun gibt. Sie befinden sich damit in wiederholtem Bruch des ASBO, und landen deshalb - nicht wegen ihres ursprünglichen Vergehens - vor Gericht und in weiterer Folge im Gefängnis.
 
 
 
Alle Bilder hier sind Stills aus 'Somers Town' von Shane Meadows.
 
 
  Am selben Tag, an dem ich mir von den zwei Boys in Shane Meadows' Film das Herz wärmen ließ, wurde eine Studie des King's College in London veröffentlicht, derzufolge in den ersten acht Jahren seit Einführung der ASBOs rund 1100 bis 1200 Kinder und Jugendliche wegen Missachtung eines ASBO zu Haftstrafen verurteilt wurden.

Knapp die Hälfte davon ist vier Monate lang eingesessen, manche noch viel länger. Die durchschnittliche Haftdauer liegt bei schockierenden 6,4 Monaten. 30 Prozent der Kinder, die ASBOs ausfassen, haben psychische Störungen oder schwere Lernschwierigkeiten.
 
 
 
  Chris Huhne, der Sprecher der Liberaldemokraten für innere Angelegenheiten, bezeichnet diese "ansteigende Kriminalisierung junger Menschen" als "völlig inakzeptabel" und fordert ein Ende der Haftstrafen für ASBO Kids, zumal drei von vier Kindern, die einmal im Gefängnis waren, später wegen schwererer Delikte zurückkommen.

Die vorhersehbare Antwort der Regierung hat nicht lange auf sich warten lassen. Kommt gar nicht in Frage, meint der zuständige Labour-Staatssekretär Jim Knight, so ein Abweichen von der harten Linie würde den Jugendlichen "die falsche Botschaft vermitteln, dass sie mit Verbrechen davonkommen."

 
 
  Herzerwärmend. Der Preis für diesen blinden Populismus wird jetzt schon bezahlt: Seit 2002 ist die Zahl gerichtlich geahndeter Straftaten Unter-18-Jähriger in Großbritannien um 27% gestiegen.
 
 
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