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London/Canterbury | 26.9.2008 | 23:33 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
The Big Mess
  Selbst blutige Laien konnten es kommen sehen - "im nächsten Sommer, wenn die Finanzkrise erst richtig beißen wird", schrieb zum Beispiel einer derer blutigsten letzten Dezember.

Ich glaub ja gern all jenen Börsenmaklern und Politikern, die jeden Tag in den Nachrichten händeringend erklären, dass ausgerechnet sie es nicht kommen sahen. Sonst hätten sie sich wohl rechtzeitig abgesetzt.

Aber wenn sie es nicht kommen sahen, dann wohl nur, weil sie es nicht kommen sehen wollten.
 
 
 
 
  So ist das eben mit Glaubensfragen, und dass es sich um eine solche handelt, wurde spätestens gestern klar, als die englischen Bischöfe sich in einer theologischen Auseinandersetzung mit der Finanzbranche wiederfanden.

Marx, schrieb der Erzbischof von Canterbury, seines Zeichens Oberhaupt der anglikanischen Kirche, neulich ausgerechnet im konservativen Organ The Spectator, habe in einem schon recht gehabt: Der ungebremste Kapitalismus gebäre seine eigene Mythologie.

Des Erzbischofs Kollege, der Bischof von York, sprach wiederum von Märkten, die nach den Regeln von Alice im Wunderland agieren, und bezeichnete jene Hedge-Fund-Betreiber, die auf den Fall des größten Hypothekeninstituts HBOS spekuliert hatten, als "Bankräuber" - ein Vorwurf, den die pikierte Association of Private Client Investment Managers and Stockbrokers als bedauerliches Missverständnis von sich wies.
 
 
 
 
 
  Im letzten Olivier Assayas-Film "L'Heure d'Eté" kommt ein Ökonom vor, der ein fiktives Buch über genau dieses Thema geschrieben hat: die Marktwirtschaft als irrationale Religion, mitsamt dem Glauben an höhere Kräfte, höheres Recht und göttliche Wunder. In einer intellektuellen Radio-Diskussionsrunde wird er für seine kruden Analogien nur milde belächelt.

Die Szene scheint jetzt schon unplausibel. Seit etwa anderthalb Wochen wären diese Thesen durchaus mainstream-tauglich. Da hinterfragen biedere BBC-Moderatoren offen das kapitalistische System, und das Wort Verstaatlichung klingt plötzlich nach einem sicheren Hafen vor den Launen der blutgierigen Finanzhaie.
 
 
 
 
 
  Manchmal muss man sich schon ganz wild hinterm Ohr kratzen vor lauter Verwunderung über Diskussionen, die plötzlich wieder aufkommen, nachdem sie gut zwanzig Jahre völlig verboten oder verlacht waren.

Vergangenen Mittwoch hatte der Guardian eine Runde alter Linker, von Daniel Cohn-Bendit bis Ken Loach, zur Glaubenskrise des Systems befragt. "Es ist schön zu sehen, dass der Kapitalismus seine wohlverdiente Strafe erhält", sagte da Jarvis Cocker. Derselbe Jarvis Cocker, der eine Aufführung von "Der gute Mensch von Szechuan" im Londoner Young Vic noch vor ein paar Monaten als unnötig bezeichnet hatte, weil wir "doch ohnehin in einer postindustriellen Gesellschaft leben", wo solche Problemstellungen kein Thema mehr seien.
 
 
 
  Klar, wir hatten ja gehört, dass es gar keine Ideologien mehr gäbe. Was selbstverständlich immer dann behauptet wird, wenn es nicht keine, sondern vielmehr EINE alles dominierende Ideologie, wie in diesem Fall eben die der sich selbst regulierenden freien Marktwirtschaft gibt.

Deren treuer Jünger Gordon Brown, der jetzt die erratischen Märkte für das Schlamassel verantwortlich macht, rühmte sich selbst die letzten elf Jahre lang für deren von lästiger Regulierung ungehinderter Blüte, entließ die Bank of England in die Unabhängigkeit, verkündete die Aufhebung der Schwerkraft und die immerwährende Stabilität.
 
 
 
 
 
  Als ich heute (Freitag) Vormittag im West End aus dem Zug stieg, jubilierten die am Vorabend geschriebenen Zeitungen noch vom Durchbruch in Amerika, dem Deal, der die amerikanische, und damit auch die britische Wirtschaft retten würde.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits im Radio gehört, dass aus all dem doch nichts geworden war. Dass Hank Paulson (Republikaner) vor Nancy Pelosi (Demokratin) auf den Knien gerutscht war, während die Armageddon-Hardcore-Fraktion unter Paulsons Fraktionskollegen die sogenannte Sozialisierung der Bankenschulden als bösen "Sozialismus" enttarnt hatte.

 
 
  Als ich am Nachmittag wieder in den Zug stieg, wusste die Abendzeitung bereits von 500 gekündigten Bankern bei HSBC zu berichten. Tausende werden ihnen folgen, das steht bereits fest, und nein, hier gibt es keinen Grund und schon gar keine Lust zur Schadenfreude.
 
 
 
 
 
  Nicht nur, weil auch die britische Regierung sich schon bereitmacht, zig Milliarden Pfund, die anderswo bitter fehlen werden, in die Märkte zu pumpen, um das lustige Schuldenkarrussell wieder zum Laufen zu bringen. Sondern weil selbst diesem Hoffen auf den Deal dieser eigenartige Geruch der Euphorie einer Selbstmordsekte anhaftet, die mit Zyankali-Kapseln in den feuchten Händen das baldige Kommen des rettenden UFOs zur Abholung ihrer sterblichen Hüllen beschwört.
 
 
 
  Die Ökonomen hier sagen, so eine schlimme Krise hätte man seit den Dreißigern nicht gesehen. Was wenn sie untertreiben?
 
 
 
  Denn selbst wenn in Großbritannien die Borgerei wieder in Gang kommen sollte, wohin wenn nicht in dieselben fatalen Sackgassen einer auf Pump basierenden Verbrauchergesellschaft sollte das Flüssige eigentlich fließen?

Schließlich weiß dieses Land dank seiner in der Blair-Ära freudig dezimierten, schrecklich altmodischen "manufacturing base" außer Schulden kaum mehr was zu produzieren.

Und wenn die Golfstaaten, China und Russland, von denen die hoch verschuldete amerikanische Staatskasse sich dem Vernehmen nach ihre 700 Milliarden Dollar (immerhin das Tausendfache des geschätzten Privat-Vermögens des Ex-Goldman Sachs-CEO Paulson) borgen will, dereinst ihren weltpolitischen Lohn dafür einfordern, werden sie dann auch noch die Briten genug brauchen, um ihren Finanzmarkt weiter durchzufüttern? Wenn nein, wie tief kann eine heiße Kartoffel eigentlich fallen?
 
 
 
  Auf seiner großartigen, jüngsten Platte singt Randy Newman:

"The end of an Empire is messy at best
And this Empire is ending
Like all the rest"

Das britische Empire gibt es ja schon länger nimmer. So richtig messy wird's aber erst.
 
 
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