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London/Canterbury | 21.9.2008 | 02:32 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Norman Whitfield, 1940-2008
  "Norman Whitfield and Barrett Strong / Are here to make right everything that's wrong", sang Billy Bragg 1986 in seinem Song "Levi Stubbs' Tears".

Und er übertrieb nicht.

Sein Lied, geschrieben über eine Frau, die von ihrem Mann misshandelt wird und Trost in der Musik sucht, ist eine kodierte Liebeserklärung an die Songs, die Leben retten können - Songs wie jene, auf die sich das Soul-Label Tamla Motown in seiner goldenen Phase der Sechziger bis frühen Siebziger spezialisierte.

Neben Holland/Dozier/Holland, Smokey Robinson, Stevie Wonder und Marvin Gaye war Norman Whitfield, in Verbindung mit Texter Barrett Strong, einer der verlässlichen Autoren von Motowns Herzenshymnen. Ich sage nur "I Heard It Through The Grapevine".
 
 
Barrett Strong und Norman Whitfield beim Songschreiben
 
 
  Aber der 1940 geborene Whitfield wollte sich nicht mit seinem Status als Hitfabrikant zufrieden geben. Gegen Ende der Sechziger, als Motown in Gefahr geriet, sich mit seiner puren Pop-Konfektion vom Lebensgefühl einer von Vietnamkrieg, Studentenrevolten, Bürgerrechtsbewegung und Drogenerfahrungen aufgerüttelten Jugend zu entfremden, begann Whitfield sich als Autor und Produzent zu emanzipieren.

Inspiriert von Sly & The Family Stone bzw. Funkadelic, formulierte er als Autor und Produzent seinen Entwurf des Psychedelic Soul: Raus mit den lyrischen Akkordfolgen, rein mit den funky Hihats und Wahwah-Gitarren, siehe "Cloud Nine", "Psychedelic Shack" oder "Ball of Confusion (That's What The World Is Today)" von den Temptations bzw. später "Smiling Faces Sometimes" oder "Papa Was A Rolling Stone", sowohl von den Temptations als auch von The Undisputed Truth.
 
 
 
  Als der politisch notorisch vorsichtige Motown-Chef Berry Gordy sich 1970 weigerte, den von Whitfield/Strong verfassten Anti-Vietnamkriegssong "War" als Single aus dem "Psychedelic Shack"-Album der Temptations auszukoppeln, nahm Whitfield die Nummer mit dem - bis heute von der Popgeschichte gern unterschätzten, 2003 verstorbenen - Edwin Starr noch einmal auf.

"War", mit seinem brutal ausgestoßenen Kriegsschrei, der rhetorischen Frage "What is it good for?" und der logischen Antwort "Absolutely nothing!" war wohl nicht der Protestsong mit feinsten Klinge, aber vielleicht war die auch gar nicht mehr verlangt zu jener Zeit, als bereits zigtausende junge (darunter überdurchschnittlich viele Afro-)Amerikaner für die Machtpolitik ihrer Regierung gestorben waren - ganz zu schweigen von den vietnamesischen Opfern.

 Edwin Starrs Single 'War', produziert von Norman Whitfield
 
 
  "War" war ein Nummer-1-Hit und wird seither bei jedem passenden Anlass neu entstaubt, sei es 1982 von The Jam während des Falkland-Kriegs oder von Bruce Springsteen 1985 als Protest gegen Amerikas Lateinamerika-Politik bzw. nochmals 2003 rund um den Irak-Krieg.

Whitfield gründete Mitte der Siebziger sein eigenes Label und landete unter anderem mit Rose Royce den überfunkigen Hit "Car Wash", aber die Art, in der er Soul-Grooves zur politischen Waffe machte, bleibt vielleicht sein herausragendstes Verdienst.

Ohne deshalb nostalgisch zu werden: Das war eben auch eine Zeit, in der Popkultur sich eine Hoffnung spendende, Zorn fokussierende, rundum richtungsweisende Rolle anmaßte ("make right everything that's wrong"), die ihr heute schlicht nicht mehr zuzutrauen ist.

Norman Whitfield ist am 16. September gestorben. Nach Isaac Hayes' Ableben im August hat der Soul mit ihm eine weitere bestimmende Figur verloren.


Im Rahmen der A Little Soul-Rubrik von Sunny Side Up mit John Megill spielt FM4 heute zwischen 10-13 Uhr Produktionen bzw. Songs von Norman Whitfield.
 
 
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