fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
London/Canterbury | 7.10.2008 | 13:30 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Who gives a FAC?
  Ob ich denn mit der Morning Show über diese "Musikmillionäregewerkschaft" sprechen wollte, hat Kollege Rainer Springenschmid gestern leger angefragt.
 
 
 
  Mir ist schon klar, wie er zu seinem Zynismus kommt. Wie soll das auch einer verstehen, wenn eine Band wie Radiohead uns erklärt, dass wir ihre Musik gern gratis haben können. Dass es uns freisteht dafür zu zahlen, so viel oder so wenig wir wollen. Weil "free" im Sinne von "gratis" auch immer gleich nach Freiheit klingt.

 
 
 
 
  Und dann gehen dieselben Typen als Teil einer neu gegründeten Interessensgemeinschaft, der Featured Artists Coalition, gemeinsam mit anderen fetten Fischen wie David Gilmour, Robbie Williams, The Verve oder Iron Maiden, aber auch Neuzugängen zur Liga der Abräumer wie Kate Nash, den Klaxons oder den Kaiser Chiefs her und wollen plötzlich ihre Pfründe sichern.

 
 
  Ich verstehe das Misstrauen, das eine solche Aktion hervorruft, umso besser, als Radioheads vorgebliche Freigiebigkeit letztes Jahr eines der unehrlichsten Doppelspiele war, die selbst dieses der Heuchelei ohnehin nicht fremde Business je gesehen hat.

Allerdings nicht, weil Radiohead mit dieser Geste - über den Umweg des Verkaufs von Box-Sets, jeder Menge Gratis-PR und der Aussparung des sogenannten Middle Man mehr (wie viel mehr wollen sie interessanterweise nicht sagen) verdient haben als mit jedem anderen ihrer Alben.

Das war schließlich der Zweck der Übung.

 Aus dem Promo-Video der Featured Artists Coalition: Ed O'Brien, Kate Nash, Badly Drawn Boy

 
 
  Die Duplizität lag vielmehr darin, so zu tun, als stünden KünstlerInnen, die nicht über denselben Startvorsprung einer etablierten internationalen Präsenz verfügen, dieselben Einnahmequellen offen.
 
 
 
  In dieser am vergangenen Wochenende präsentierten Koalition, in der sich Radiohead übrigens im Verein mit auf soziale Gerechtigkeit gepolten Old School-Gemütern wie Billy Bragg, Gang of Four und Stephen Duffy wiederfinden, geht es dagegen keineswegs bloß um die Sache jener, deren Brot ohnehin schon fett genug gebuttert ist.

Die potenziell größten Nutznießer dieser Vereinigung sind gerade jene Bands, deren Namen nicht "groß" genug sind, um auf der Homepage der Featured Artists Coalition genannt zu werden.
 
 
 
  Es ist nämlich so:

Die sekundäre Vermarktung über Filmsoundtracks, Gratis-CDs auf Magazinen, Gratis-Downloads als Promo, Spiel-Soundtracks (siehe insbesondere Guitar Hero und Rock Band) oder in der Werbung war immer schon der wilde Westen des Musikgeschäfts.

Ich kenn zum Beispiel einen, der für ein paar Sekunden in einem relativ wichtigen Alternativ-Film über Jahre gute Tantiemen kassierte und einen anderen, der für die Verwendung seines Songs in zentralen Szenen eines Hollywood-Blockbusters mit einem Trostpreis von heißen 2000 Pfund abgefertigt wurde.
 
 
 
  Das Argument war in diesen Fällen immer, dass selbst schundige Deals sich durch erhöhte Verkaufszahlen rechnen.

Mittlerweile ist die Suppe der Einkünfte aber bereits derart dünn geworden, dass die Schenklaune längst verflogen ist. In einem Markt, wo keiner mehr Platten kauft und der Verkauf von Downloads diesen Verlust bei weitem nicht wettmachen kann, ist genau jenes sekundäre Geschäft ins Zentrum der wirtschaftlichen Erwägungen gerückt.
 
 
 
  Und wenn einer beispielsweise mit dem Kauf eines Mobiltelefons ein paar hundert Gratis-Downloads erwirbt, heißt das noch lange nicht, dass die Plattenfirmen oder deren Rechtsnachfolger, die einen Deal mit dem Telefonnetzwerk haben, auch die KünstlerInnen entsprechend entlohnen werden.
 
 
 
  Schwammige Vokabel wie "make available" oder die Weitergabe von Musik an KonsumentInnen als "Rezensionskopien" führen an Abrechnungen vorbei, die Rechte der InterpretInnen, die bisher - mit regionalen Abweichungen - an Radioeinsätzen oder Tonträgerverkäufen mitverdient haben, gehen oft komplett verloren, und im Zuge des massenhaften Verkaufs ehemaliger Plattenfirmen an laufend wechselnde neue Besitzer fallen die Rechte von KünstlerInnen, deren Verträge sich noch auf die alte Firma und traditionelle Tonträger beziehen, einfach unter den Tisch.
 
 
 
  Aus all diesen Gründen wäre es also vorschnell, die Featured Artists Coalition bloß als einen Verein von Dinosauriern zu sehen, die sich nach dem Crash des Finanzmarkts ihre Pensionen auf andere Weise sichern wollen. Selbst wenn Wet Wet Wet mit von der Partie sind.
 
 
 
  Im Gegenteil: Nur diese Namen sind jene, die ein neues Regelwerk verhandeln können, das jenen jungen Bands nützen wird, die nicht die nötige Macht zum Neinsagen haben.
 
 
 
  Als ich letztens mit den netten jungen Herren von Noah and The Whale über ihren für eine Top Ten-Band mit massiven Werbeeinsätzen erschütternd mageren Monatslohn von 600 Pfund pro Nase - bei weitem zu wenig, um davon in London leben zu können - sprach, meinten die, das sei eine gute Sache. Weil dann die Bands nicht der Beute sondern der Kunst wegen Musik machen.
 
 
 
  Aber wer das sagt, nimmt in Kauf, dass sich in Zukunft nur mehr gut gepolsterte Kids leisten können, Popstars zu werden. Was das für die Musik bedeutet, die wir alle hören, ist noch gar nicht abzusehen.
 
 
 
  Letzen Freitag hab ich mit einem hier sicherheitshalber einmal ungenannt bleibenden Solo-Künstler einen Gig gespielt, der bei einem der größten, an einen Major-Konzern gekoppelten britischen Pseudo-Indies unter Vertrag steht und gerade sein Debüt-Album veröffentlicht hat. Er kam allein mit seinem Gitarrenkoffer per Zug angereist.
 
 
 
  Als er bei dem Label unterschrieb und von den Eltern weg nach London ziehen musste, wurde ihm klar, dass er nun wohl einen Job nehmen müsste, um seine Pop-Karriere zu finanzieren - österreichische Zustände im Mutterland des Pop.
 
 
 
  Wo denkst du hin, sagte das Label, wir brauchen dich auf Abruf bereit für Festivals und Tourneen. Erst als er seine prekäre Lage erklärte, streckten sie ihm noch ein bisschen was vor, damit er sich ein Zimmer in einem Vorort leisten konnte.

Es machte ihm jedenfalls nichts aus, mit dem Zug nach Kent zu fahren. In der Provinz, sagte er, kriegst du wenigstens noch für Gigs bezahlt.
 
 
 
  Das meine ich also, wenn ich hier von dünner Luft spreche. Und wenn die Musikmillionäre nun zwischen ihren Deals mit Live Nation und Mobilnetzbetreibern Zeit finden, ihr solidarisches Gewissen zu entdecken und eine Gewerkschaft gründen, dann kann das als erster Schritt in die richtige Richtung doch so schlecht nicht sein.
 
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick