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London/Canterbury | 17.10.2008 | 15:54 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
"Meltdown expected, the wheat is growing thin..."
  Wie ich hier schon mehr als einmal festgestellt habe: Eine der endlos faszinierenden Eigenschaften von London und dem ganzen Land drum herum ist seine launische Seele, die schiere Unaufhaltsamkeit, mit der sich kollektive Gemütszustände verbreiten und über alle Dächer legen wie ein Morgennebel im November.

Welches andere Land kennt in seiner jüngeren Geschichte schon einen "Winter of Discontent"?

Andere Nationen sind vielleicht imstande, Revolutionen vom Zaun zu brechen, aber einen "Winter des Missbehagens"*? Geht's noch irgendwie britischer?
 
 
 
  Zur Erklärung: Jener viel zitierte Winter of Discontent vor genau 30 Jahren äußerte sich in einer Welle von Streiks, einem lähmenden Kräftemessen zwischen Labour-Regierung und Gewerkschaften und dem faktischen Zusammenbruch des öffentlichen Lebens bzw. der Müllabfuhr.
 
 
 
Leicester Square mit Müllbergen im Winter '78
 
 
  Der apokalyptischen Stimmung jener Zeit entsprang einerseits der Text zu London Calling, andererseits der Wahlsieg der konservativen Maggie Thatcher und die daraus resultierende, radikale politische und gesellschaftliche Transformation Großbritanniens im Sinn eines aggressiven Neokonservatismus.
 
 
 
  Die aktuelle Spirale der depressiven Panik - die Großbritannien bereits zu einem solchen Grad erfasst hat, dass gestern schon das kurzfristige Ausfallen zweier Banken-Websites einer Nachrichtenmeldung im Radio zur Beruhigung besorgter KundInnen bedurfte - trägt zwar völlig gegensätzliche Züge, geht in ihrem kausalen Ursprung aber direkt auf die Ereignisse des Winters '78/'79 zurück.
 
 
 
  Denn das desaströse Scheitern der Labour-Regierung in jenem schicksalsschweren Winter Ende der Siebziger war der Grund, warum Thatchers monetaristische Reformen und ihr Mantra der Deregulierung und Privatisierung seither, trotz der daraus folgenden hohen Arbeitslosenzahlen, zerbrochenen Communities und schmerzhaften Rezessionsphasen, als historische Notwendigkeit gewertet wurden - selbst seitens der in den Neunzigern von Tony Blair, Gordon Brown und Peter Mandelson in den Neunzigern auf neoliberale Linie gebrachten Labour Party.
 
 
 
  Sicher, es sollte erst bis zur Mitte der Achtziger Jahre dauern, ehe die Streiks der Minenarbeiter von der berittenen Polizei buchstäblich zerschlagen wurden, während eine neue Generation junger Aufsteiger in roten Hosenträgern auf dem deregulierten Finanzmarkt fette Profite machte und die biederen alten Erbsenzähler aus dem Bowler-Hut-Zeitalter aus dem Weg räumte. Aber die unmittelbare Wurzel von all dem liegt im "Winter of Discontent" verborgen.

Die Krise des britischen Finanzmarkts, die wir jetzt erleben, zieht nun unter das Erbe Thatchers genauso einen Schlussstrich wie der Winter 1978/79 unter den Wohlfahrtsstaat der britischen Nachkriegszeit - egal, wer nächstes Jahr die Wahlen gewinnt.

Und damals wie heute hängt der Rest Europas im Endeffekt mit drin, auch das phlegmatische Österreich, das sich immer vormacht, dass eh alles beim Alten bleiben wird.

 Minenarbeiterstreik 84/85
 
 
Hoffnung von drüben? Werbeplakat für The Times in der Londoner Underground.
 
 
  Vorgestern bin ich in der Underground auf dem Weg vom Rough Trade East ins West End mitten in die City Rush Hour reingekommen und hab dort den geballten Angstschweiß eines weiteren Börsensturztages gerochen.

Näher kommt einer wie ich mit dem Londoner Finanzsektor ja kaum in Berührung (was immer diese Leute an den Händen haben, Blut ist es jedenfalls nicht).

Dabei erfahre ich jeden Tag Neues über diese Welt und ihre verborgenen Tücken, auch "derivatives" genannt, und erwarte jeden Moment, dass als nächstes das Kartenhaus der Credit Default Swaps in sich zusammenfällt, um mit noch ein paar hundert Milliarden Steuergeld wieder aufgebaut zu werden.
 
 
 
  All das sollte für unsereiner, solange wir nicht vor dem Pensionantritt stehen, Aktien oder fette Sparkonten besitzen, eigentlich noch nicht spürbar sein, hat man uns immer wieder erzählt. Schließlich würde es eine Weile dauern, bis die Weigerung der Banken, einander was zu borgen, sich als Rezession in der sogenannten "real economy" äußert.

Wenn dem so ist, die britischen Arbeitslosenzahlen aber schon seit Sommer in die Höhe schießen (voraussichtlich auf zwei Millionen bis Ende des Jahres), was zur Hölle kommt dann alles noch nach?
 
 
 
  Offenbar einiges, sonst würde Gordon Brown, nicht gerade berühmt für seine bescheidene Zurückhaltung, uns nicht versprechen, dass er dieser Krise mit "demselben Mut und derselben Entschlusskraft wie Roosevelt und Churchill" begegnen würde.
 
 
 
 
 
  In diesem kriegerischen Geist handelte der Premier wohl auch, als er isländisches Kapital in Großbritannien unter Gebrauch von Anti-Terror-Gesetzen einfrieren ließ, um damit umgekehrt die Rückgabe britischer Einlagen auf isländischen Konten zu erpressen.

Das Vereinte Königreich hat, weit über die von Hans Wu hier jüngst angesprochenen Privatkonten britischer SparerInnen hinaus, nämlich noch ganz andere Vermögen im Hohen Norden versenkt.
 
 
 
  116 Britische Gemeindeverwaltungen (siehe hier die vollständige Liste) haben insgesamt 858 Millionen Pfund in isländische Konten eingezahlt, deren Zinserträge nicht zuletzt deshalb so hoch waren, weil die isländische Wirtschaft zu jener Zeit bereits mit Leitzinsen von 15% gegen die Inflation anruderte.

Allein Kent County Council, das von mir monatlich ein ordentliches Häufchen Pfünder nachgeworfen kriegt, hat auf diese Weise gleich 50 Millionen an Steuergeld verloren.
 
 
 
  Als ich letztens meinen Kübel von der Werkstatt abholte, ließ uns der für die Finanzen des Councils zuständige Beamte gerade im Radio wissen, dass das im großen Zusammenhang doch gar nicht so viel ausmache. Meinem Automechaniker fiel dazu allerhand ausgesucht Angelsächsisches ein, wie es im Kundenverkehr normalerweise nicht so vorkommt.
 
 
 
  Wie all die betroffenen Councils beteuern, hätten sie nur auf die Weisheiten der von der Regierung empfohlenen Finanzberater vertraut, die den isländischen Banken die besten Noten ausgestellt hatten.

Dabei erwarte ich mir gerade von einem richtig verzopften Tory Councillor in Kent doch wenigstens, dass er seine vorgebügelte Ausgabe des Daily Telegraph auch wirklich liest, während er beim Frühstück den Rest der Kernfamilie ignoriert. Bereits im Februar (!) wäre er da unter der Überschrift Is Iceland Headed for Meltdown? auf folgende Sätze gestoßen:
 
 
 
  "But there are increasing fears that Iceland's entrepreneurs will soon be brought back to earth with a bump. The financial system that has bankrolled Iceland's rapid growth is under suspicion. Based on prices quoted in the credit markets, international investors reckon Kaupthing, Iceland's biggest bank, is about seven times more likely to default than the typical European bank."

Mit folgendem Resümee:

"Now that cheap credit has disappeared from the financial markets, the rapid growth of Iceland's banks is suddenly heading for a very deep freeze."
 
 
 
  Wie letztens schon angemerkt: Es ging eben eher darum, was man lesen und hören wollte. Sogar das National Audit Office (quasi der britische Rechnungshof) hat 10 Millionen Pfund seines Budgets in Island angebaut.
 
 
 
  Irgendwie treffend jedenfalls, dass aus "London Calling" inzwischen der Theme-Tune für die jetzt schon von groben Finanzierungssorgen heimgesuchten Londoner Olympischen Spiele 2012 geworden ist.
 
 
 
  Und Johnny Rotten ist nicht einmal in der Lage über diesen Sell-Out zu spotten, schließlich hat er selbst genug Butter am Kopf.
 
 
 
  ad *) Die Phrase "Winter of Discontent" wurde vom damaligen Chefredakteur des Boulevard-Blatts The Sun - übrigens eher sinnwidrig - von einer Zeile aus Shakespeares Richard III. abgewandelt: "Now is the winter of our discontent..."
 
 
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