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London/Canterbury | 27.10.2008 | 12:31 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Music that little Anglo-Germans can dance to
  Es war letzten Sonntag in Nordlondon, unweit des Arsenal-Stadions. Nick McCarthy von Franz Ferdinand, immer schon mehr Rosenheimer als Glasgow-treu, wohnt jetzt dort mit seiner Frau Manuela. Eigentlich hätte er mir die neuen Songs seiner Band, die sie im Domino-Büro wie einen alten Freund "The Franz" nennen, ja schon vor zwei Monaten vorspielen sollen.
 
 
 
  Aber dann war er ständig irgendwo auf Mini-Tour oder im Studio mit seinem anderen Projekt Box Codax oder doch wieder oben in Glasgow, wo Schlagzeuger Paul und seine Liebste in der Zwischenzeit ihr zweites Kind kriegten bzw. wo Franz Ferdinand in einem alten Theater ihr Studio eingerichtet haben - sozusagen auf neutralem Boden, weil es sich bei den Aufnahmen zum letzten Album im Haus von Alex Kapranos in Ayrshire dann doch ein bisschen zu sehr angefühlt hatte, "als wär man bei den Eltern von einem Freund" (Zitat Nick, vielleicht nicht ganz im Wortlaut).
 
 
 
Da hat wohl einer bei Paul Smith eingekauft (siehe gestreiftes Indiz im Hintergrund)...
 
 
  In anderen Worten: So richtig zum Wohnen kommt Nick eigentlich gar nicht. Genau genommen war jener Sonntagnachmittag sogar die letzte Möglichkeit vor Dezember, ihn in seinen eigenen vier Wänden zu erwischen. Auf dem Plattenteller drehte sich was Klassisches (hab vergessen was), an den Second Hand-Möbeln lehnten Second Hand-Gitarren, alles sehr gemütlich.
 
 
 
  Dann nahm Nick sein silbernes Laptop zur Hand, pickte aus seinen Dateien die jüngsten Fassungen der neuen Songs heraus und startete den ersten Song. Der Kampf seiner antiken Boxen aus der Prä-Disco-Ära mit den von der Retro-Ästhetik des Franz Ferdinand-Frühwerks weit entfernten Frequenzen von Beats und Bassline bot sich gleich als gute Metapher für die Veränderungen im Kosmos der Band an.
 
 
 
  Die längste Zeit über hatten die Fränze sich in ihren Interviews von den Beschränkungen des nostalgischen Indie-Rock-Vokabulars losgesagt. Ihr neues Album "Tonight" setzt diese progressive Rhetorik nun in eine zutiefst tanzbare musikalische Realität um. Gut, tanzbar waren sie schon immer, aber zu dieser Platte lässt es sich nicht zappeln, sondern schwingen, das ist neu.

Und trotzdem ist da noch genug Rock dran, um die bei unserem Besuch anwesenden anglogermanischen Freunde meiner Kinder zum wilden Luftgitarrespiel zu animieren.
 
 
 
  So angefeuert war das kindliche Element der Gesellschaft durch der Fränze neue Songs, dass wir sie alle runter in den Park schicken mussten, um uns den Rest der künftigen Platte in Ruhe anzuhören. Und zwar in der Küche, diesmal auf kleinen, aber neuen Boxen. Schön mitzuerleben, dass die Kontraste zwischen Lautsprechern beim Probehören auch einen Nick McCarthy ganz nervös und paranoid machen können.
 
 
 
  Auf meine Fragen nach Zuordnung der rockigeren Riffs antwortete Nick fast immer mit einem anerkennenden "Alex". Er selbst hat auf "Tonight" vor allem sein eigentliches Stamminstrument, die Tasten, bedient und sich auf den vielen Vintage-Keyboards ausgetobt, die Produzent Dan Carey angeschleppt hatte (Ursprünglich hatten Franz Ferdinand ihre Aufnahmen beim Girls Aloud-Produzenten Xenomania begonnen, aber in diesem Fall klang die Pro-Pop-Theorie dann doch besser als die Praxis, und die Kollaboration wurde wieder fallen gelassen).
 
 
 
  Übrigens, wo wir gerade dabei sind: Nicks Freude darüber, wie freundlich "Lucid Dreams" bei FM4 aufgenommen wurde, ist eine merklich verschämte, schließlich war der Song noch lange nicht vollständig ausgereift, als er in dieser Fassung für einen Game-Soundtrack abgezweigt wurde. An diesem Nachmittag hören wir zwei Versionen davon, die erste ein Derivat der aus dem Rundfunk bekannten Fassung, die andere ein elektronisches Remake mit ausgedehnter abstrahierter Coda als episches Ende des Party-Segments von "Tonight".
 
 
 
  Die Abfolge der Songs, erklärt Nick, soll nämlich den Verlauf einer durchlebten Nacht widerspiegeln. Während die vorige Platte vom Gefühl her eine alkoholisierte gewesen sei, hätte "Tonight" andere Substanzen in der Blutbahn. Rein metaphorisch gesprochen natürlich.
 
 
 
  Klangbildlich gesehen nimmt sich das überwiegend wie der gutgelaunte Bastard einer mittelschweren Rockband und eines Disco-Acts aus. Der Anknüpfungspunkt zu den alten Franz Ferdinand sind einerseits Alex' unverkennbare, hier zumeist ausgiebig gedoppelte Stimme, andererseits eine ungebrochene Vorliebe zu Four-on-the-Floor-Grooves mit knackigen Plektrumbasslines. Paul Thomson hat seine unfassbar präzisen Beats erstmals nicht frei, sondern synchron und komplementär zur Drum Machine eingespielt, und vielleicht ist es das, was den Sound von "Tonight" so weit von einer konventionellen Band-Dynamik entfernt.
 
 
 
  Knapp ausgedrückt: Franz Ferdinand klingen immer noch wie sie selbst, aber sicher nicht wie eine der vielen Post-Franz Ferdinand-Bands. Und schlauerweise sind sie auf eine Route abgebogen, der keine jener Bands folgen können wird.
 
 
 
  Ganz am Ende hörten wir als Kontrast dazu ein wunderschönes, rein akustisches Stück, eingespielt von Nick und Alex in der Mitte des Zuschauerraums auf den Sitzen des stillgelegten Theaters in Glasgow. Sie seien sich nicht sicher, ob das zum Rest des Albums passt, meinte Nick.
 
 
 
  "Unbedingt", sagte ich. "Das muss auf die Platte!" Nick verschwand im Wohnzimmer, von wo aus er Alex ein Mail schickte. Und ich konnte mir einreden, dass ich vielleicht einen kleinen Einfluss bei der Rettung eines beinahe verworfenen kleinen Juwels gehabt hätte.
 
 
 
  "Tonight" von Franz Ferdinand wird im Jänner 2009 erscheinen.
 
 
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