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London/Canterbury | 6.11.2008 | 15:56 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Wer redet da von Pietät?
  Als einer, der im Ausland lebt, bin ich ja nicht dazu berufen, mich darüber zu äußern, was in Österreich vor sich geht. Oder vielleicht doch.

Weil man in der Außenansicht bisweilen manches anders, gelegentlich auch klarer sieht.
 
 
 
  Gestern hab ich mich auf den Websites der österreichischen Presse umgeschaut, um nachzulesen, was die aus österreichischer Perspektive so über die US-Wahlen schreiben.

Da fiel mir (im Standard) eine Geschichte rund um die Absage eines geplanten Auftritts von Grissemann und Stermann an der Universität Klagenfurt ins Auge.
 
 
 
  Ich las von den Hintergründen, die dazu geführt haben.

Davon, dass die Sendung "Willkommen Österreich" vom 23. Oktober auf satirische Weise die außergewöhnlichen öffentlichen Trauerbekundungen zum Tod Jörg Haiders behandelt hatte.

Vom schriftlichen Protest des Kärntner Landeshauptmanns Gerhard Dörfler eine Woche darauf, der Stermann und Grissemanns Auftritt als "skandalös" und "geschmack- und pietätlos" bezeichnete und meinte, dass Kärnten darin "durch den Schmutz gezogen" worden sei.

Von einer Unterschriftenaktion gegen den ORF, die das Kärntner BZÖ lanciert hat, der Ankündigung einer Popularbeschwerde, der Forderung des Landeshauptmann-Stellvertreters nach "Pietätsgrenzen für Kunst" bzw. der FPÖ nach einem ORF-Verbot für Grissemann und Stermann, sowie einer Intervention beim Rektor der Klagenfurter Uni, ihren dortigen Auftritt zu untersagen.
 
 
 
  Ich las auch von Morddrohungen gegen meine beiden Kollegen und Freunde und schließlich von ihrer Absage des Klagenfurter Gastspiels, nachdem der Veranstalter Ingo Krassnitzer am 29. Oktober festgestellt hatte, dass sein Auto ins Schlittern kam, weil vier von fünf Muttern an einem der Räder gelockert worden waren.
 
 
 
  Was mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ, war der kolportierte Kommentar des Kärntner Landeshauptmanns: "Vielleicht hat er gerade Winterreifen gewechselt."
 
 
 
 
 
  Rekapitulieren wir:

Da befand sich einer, gegen den anonyme Drohungen ausgesprochen wurden, durch die Einwirkung eines unbekannten Täters in realer Lebensgefahr.

Und ein Politiker suggeriert daraufhin eine mögliche Eigenschuld des Opfers, anstatt - wie es für jemand in seiner verantwortlichen Position eigentlich selbstverständlich sein sollte - die offenbar gefährlich überschwappenden Wogen des von seiner eigenen Kampagne vertretenen Volkszorns zu glätten.

Da werden unverblümt Auftrittsverbote wegen mutmaßlicher Verstöße gegen den guten Geschmack gefordert, mit politischem Druck auf den öffentlichen Rundfunk und eine von öffentlichen Geldern abhängige Universität.
 
 
 
  Von außen betrachtet scheint es schon erstaunlich, wie folgenlos in einem vorgeblich freien demokratischen Land derartige Angriffe auf künstlerische Freiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung mit einem "Ist halt so"-Schulterzucken hingenommen werden.
 
 
 
  Ich stelle fest, dass ich die Sendung von Stermann und Grissemann selbst nicht gesehen habe.

Und auf eine gewisse Weise ist das sogar gut so, weil es auch klarstellt, dass es mir hier nicht um die Sendung, sondern ganz spezifisch um die aus britischer Sicht völlig unvorstellbare Reaktion darauf geht.
 
 
 
  Die posthume Verehrung Haiders wurde mehrfach mit dem Kult um Lady Diana verglichen. Ich war 1997 zur Zeit ihres Todes bereits in Großbritannien und kann mich noch gut an das Diktat der Trauer erinnern.

Die Verordnung von Pietät unter anonymen Morddrohungen bzw. unter der Forderung eines Auftrittsverbots gegen Satiriker durch regierende Politiker ist mir aber selbst aus jener Zeit der Massenhysterie nicht in Erinnerung.

Und schärfere Satiriker als die britischen müssen erst einmal erfunden werden.

Was ist da los in Österreich?
 
 
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