fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
London/Canterbury | 24.11.2008 | 16:22 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Pietät ist bigger than Pop
  Entschuldigung, dass ich jetzt schon wieder eine zeitlang nichts geschrieben habe, aber ich kenn mich ja nicht ganz aus mit so Leuten, die so ganz ohne Unterbrechung jeden Tag bloggen können (sorry, Martin Blumenau).

Haben die denn nie Phasen, wo sie um fünf in der früh immer noch an der Arbeit vorm Computer sitzen und Sterne vor den Augen sehen? Oder wo sie im easyhotel in Luton den Abend damit verbringen, Handtücher in die Klimaanlagendüsen zu stopfen, aus denen unablässig ein eiskalter Wind in die Durchreisebehausung bläst?

In solchen Perioden meiner Existenz sollte jedenfalls besser niemand lesen, was ich zu bloggen hätte, wäre die Zeit da oder die Laptop-Batterie stark genug.

Aber bitte, hier sind wir ja wieder.
 
 
 
  Gestern (Sonntag) abend hab ich folgende den Lauf der Welt bezüglich vollkommen unerhebliche Meldung gelesen: In einem Artikel zum 40-jährigen Jubiläum des Weißen Albums der Beatles vergibt der Osservatore Romano, die quasi-offizielle Zeitung des Vatikan, John Lennon für sein berühmt-berüchtigtes Zitat aus dem Jahre 1966, die Beatles seien "größer als Jesus" (schon unrichtig, siehe unten, aber so wird es überliefert).

 Beatles-Verbrennung 1966 im Bible Belt
 
 
  Wir erinnern uns: Als Reaktion auf ebendieses Zitat wurden in den USA von entrüsteten Christen massenhaft Beatles-Platten auf Scheiterhaufen verbrannt, und die Entscheidung der Band, nicht mehr auf Tournee zu gehen, gestaltete sich plötzlich als eine Art Überlebensfrage.
 
 
 
 
 
  Der Osservatore Romano schreibt nun (ich vertraue hier den englischen ÜbersetzerInnen), die Bemerkung sei bloß "Angabe" gewesen, "die Aufschneiderei eines jungen englischen Arbeiterklassemusikers, der im Zeitalter Elvis Presleys aufwuchs und unerwarteten Erfolg genossen hatte."
 
 
 
  Wie es sich trifft, hab ich den Artikel von Maureen Cleave aus dem Evening Standard, 1966, in dem Lennons umstrittene Aussage ursprünglich erschien, gerade bei der Hand (siehe die empfehlenswerte Artikelsammlung The Faber Book of Pop, herausgegeben 1995 von Hanif Kureishi und Jon Savage).

In Cleaves distanziert aber wunderbar präzise und aufmerksam geschriebenem Artikel kommt Lennon als spirituell unerfüllter, materiell überfüllter, ideell ausgehöhlter, in einem kleinen Pseudo-Tudor-Palast voller teurem Müll dahinvegetierender, eitler Fatzke rüber. Hier die Passage, die so hohe Wellen schlagen sollte:

 
 
  "Experience has sown few seeds of doubt in him: not that his mind is closed, but it's closed round whatever he believes at the time. 'Christianity will go,' he said. 'It will vanish and shrink. I needn't argue about that; I'm right and I will be proved right. We're more popular than Jesus now; I don't know which will go first - rock'n'roll or Christianity. Jesus was all right but his disciples were thick and ordinary. It's them twisting it that ruins it for me.' He is reading extensively about religion."
 
 
 
  Am Ende des Artikels findet sich noch ein anderes Zitat: "You see, there's something else I'm going to do, something I must do - only I don't know what it is. That's why I go round painting and taping and drawing and writing and that, because it may be one of them. All I know is, this isn't it for me."
 
 
 
  Das ist der Punkt in der Story, wo sich weist, dass aus Lennon kein zweiter Elvis werden wird, der sich für den Rest seines Lebens in den Kaufrausch flüchtet. Der Punkt, aus dem das "more popular than Jesus"-Zitat seinen weiteren, sinnstiftenden Kontext bezieht.

Weil Lennon weiß, dass das "popular"-sein allein noch lange nicht "it" ist - und für den ganzen Rest seiner Karriere allerhand künstlerisch schwankend gute Schlussfolgerungen daraus ziehen wird.

Von "Baby you're a rich man" über "Imagine no possessions" bzw. "Imagine no religion" ("Imagine") bis zu "I don't believe in Jesus [...] I don't believe in Beatles, I just believe in me" ("God"), um nur ein paar seiner gerade in ihrer vorgeblichen Demut dem Interviewzitat an Selbstverliebtheit zumindest ebenbürtigen Werke zu zitieren.
 
 
 
  Was der Osservatore Romano in seiner Vergebung für Lennons Ketzerei sagt, ist also gleichzeitig anmaßend und falsch:

Lennon war erstens einmal kein Kind der Working Class (er war von allen Beatles der am Solidesten in der Middle Class sozialisierte). Und selbst wenn er das gewesen wäre, gehört schon ziemlich viel Arroganz dazu, den Autor zu diesem Zeitpunkt bereits veröffentlichter, schmerzhaft selbstanalytischer Songs wie "In My Life" oder "Help!" als unreifes Großmaul zu karikieren.
 
 
 
  Zweitens aber war sein Zitat alles andere als Angabe, sondern vielmehr eine legitime Beobachtung der Stimmung seiner Zeit. Die sich im weiteren Verlauf der Geschichte allerdings als völlig unrichtig herausstellen sollte.
 
 
 
  Tatsache ist, dass sowohl Rock'n'Roll als auch das Christentum immer noch unter uns weilen. Aber kein Schwein käme heute auf die Idee, ein zum gesellschaftlich und politisch weitgehend unerheblichen Werbemittel entwertetes Konsumgut wie die Popmusik als ernsthafte Konkurrenz zur in den letzten acht bis zehn Jahren wieder enorm angewachsenen globalpolitischen Relevanz von Religionsangelegenheiten zu betrachten (wir können davon ausgehen, dass John Lennon mit seinem Sager Religiosität im Allgemeinen meinte).

Genauso wenig hätte sich wiederum damals, zwei Jahre vor der Ermordung Martin Luther Kings, irgendwer gedacht, dass sich religiöse Bigotterie am Ende so viel besser halten würde als Rassismus.

Schließlich war es im US-Präsidentschaftswahlkampf eine der wirkungsvollsten Taktiken von Barack Obamas Gegnern, ihn als heimlichen Moslem darzustellen. Selbst kritische Berichte zu dieser verlogenen Strategie beschäftigten sich (zumindest in meiner subjektiven Wahrnehmung aus britischer Perspektive) nie mit der Frage, warum ihn das, wenn es wahr wäre, eigentlich für so viele automatisch unwählbar gemacht hätte (soviel nur zu einer der wenig erwähnten Kehrseiten der derzeitigen "only in America"-Euphorie).
 
 
 
  Bei mir zu Hause gab es heute jedenfalls eine längere Küchentischdebatte darüber, ob der in der Blase seiner Berühmtheit lebende Lennon sich damals schon was vormachte oder im Recht war, wenn er die spirituelle bzw. soziale Bedeutung der eigenen Band als größte Gallionsfiguren des Pop so hoch bzw. die Säkularisierung rundum als derart irreversibel einschätzte.
 
 
 
  Offensichtlich klang seine Aussage zu jener Zeit plausibel genug, um in einer unter anderem auf religiöser Macht fußenden alten Weltordnung Bedrohungsängste auszulösen, die ein gutes Stück tiefer gingen als heute noch stattfindende marginale Scharmützel rund um die moralische Vertretbarkeit irgendwelcher Grindcore- oder Hip Hop-Texte.
 
 
 
  Und das ist umgekehrt gesehen wiederum genau der Punkt, wo sich in mir ein hohles Gefühl der Ernüchterung breitmacht. Weil das Einlenken einer in popkulturellen Fragen doch eher weniger scheiß-heißen Papst-Postille nicht als späte Anerkennung der Beatles, sondern im Gegenteil als grundsätzliche Anerkennung der dekorativen Folgenlosigkeit von Popkultur aus heutiger Sicht zu werten ist.
 
 
 
  Nachdem ich diese zugegebenermaßen schon seit einiger Zeit fällige Einsicht zur Vermeidung des Abgleitens in Depression und Sinnfrage bis heute nicht ganz akzeptiert und mir einen wertekonservativen, beharrlichen Restglauben an die transformierende Kraft des Pop bewahrt habe, bin ich hiermit in der Überkommenheit meiner soziokulturellen Weltsicht offiziell hinter den Osservatore Romano zurückgefallen.

Weit hab ich's gebracht.
 
 
 
  Sogar die Dusche im easyhotel ist übrigens orange.
 
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick