fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
London/Canterbury | 30.11.2008 | 03:28 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Last Christmas
  Ich weiß ja nicht, wie das in Österreich so ist, aber bei unsereiner in Großbritannien besteht kein Zweifel über die vorrangigste Patriotenpflicht: Einkaufen natürlich.
 
 
 
 
 
  Hätte nicht längst ein jeder dahergelaufene, zynisch moralisierende Alltagskolumnist schon dieselbe aufgelegte Pointe angebracht, würd ich ja sagen, dass es schon was Moribundes hat, wenn einer Gesellschaft, die sich gerade mit geborgtem Geld an den Rand des finanziellen Zusammenbruchs geprasst hat, kein anderer Ausweg einfällt, als krampfhaft noch ein bisschen mehr zu prassen.

Eh.

Aber was sollten die Leute auch anderes tun?
 
 
 
  Als neutraler Beobachter (gezwungenermaßen, schließlich verdiente ich die damals schwachen Euros) konnte ich während der Boomzeit der mittleren Neunziger- bis mittleren Nullerjahre beobachten, wie der Erwerb von Konsumgütern sich zusehends zum sozialen Selbstzweck entwickelte.
 
 
 
  Wo immer in dieser Shopkeeper's Nation irgendwas Neues gebaut, ein Viertel wiederbelebt, ein Bahnhof renoviert wurde, standen Shops als Finanzierungsvehikel im Zentrum der Planung, bis endlich jeder vorstellbare Winkel des öffentlichen Raums mit den zwangsläufig austauschbaren Filialen einer Reihe von Kettenläden vollgestopft war.

Deren Logos beherrschten die Stadtbilder nun derart flächendeckend, dass in seiner tausendfachen Wiederholung bald eine Art vereinheitlichter, kollektiver britischer Ortskern, auch 'Cloned High Street' genannt, entstanden war.

 
 
  Seit dem shoppenden Fußvolk das gepumpte Flüssige ausgeht, ist dieses hypertrophe Biotop nun aber am Kippen. Die Leute gehen zwar immer noch in die Einkaufsstraßen, weil ihnen nichts Anderes einfällt, wandern dort aber nur mehr ziellos herum wie die Zombies.
 
 
 
  Infolgedessen geht immer mehr vermeintlichen Fixsternen der britischen High Street das Licht aus. Angeblich sind mindestens zehn der bekanntesten Household Names der britischen High Street bereits akut gefährdet.

Die prominenteste Pleite bisher ist die der Woolworths-Kette. Jener eigentlich aus Amerika importierte Laden, der billiges Kinderspielzeug, Ton- und Bildträger und allerhand Krimskrams verkauft, gehört zu jenen ausländischen Marken, die den Briten so nah sind, dass sie sie für ihre eigenen halten - ähnlich wie zum Beispiel Heinz Baked Beans.
 
 
 
 
 
  An "Woolie's" knüpfen sich Millionen sentimentaler Kindheitserinnerungen, darunter auch meine eigene. 1984 zum Beispiel, zwei Jahre nach dem die britische Woolworth-Kette sich von der amerikanischen Elternfirma getrennt hatte, war ich gerade das zweite Mal einen Sommer lang ohne Eltern in England. Die Gastfamilie gab uns jeden Tag einen Tupperware-Becher in der Lunchbox mit, der sich partout nicht in die Taschen meines taillierten weißen Cavern-Denim-Jacket stopfen ließ. Also pflegte ich das Ding einfach auf einem der Regale im Woolie's in Croydon stehen zu lassen.

Die endlosen Gänge dieser Filiale enthielten eine derartig absurde, bunte Mischung aus diversem Schund, dass mein sortimentfremder Becher zwischen all dem anderen Klimbim nie aus dem Rahmen fiel. Jeden Abend beim Heimkommen aus London stand mein hässliches Tupperware-Gefäß verlässlich zur Abholung bereit. Geschäfte, die unverkäuflichen Gegenständen einen Platz gönnen, haben schon was Sympathisches.
 
 
 
  Jetzt steht Woolworth's aber vor seinen letzten Weihnachten, die große Kündigungswelle soll noch vor dem Fest über die Bühne gehen, und alle reden und schreiben schon vom Ende einer britischen Institution. Das geht an die Seele, das merkt man.
 
 
 
  Nicht so dagegen etwa das Schicksal von PC World, der Computer und -zubehörkette, die derzeit bedenkliche Verluste schreibt. Schließlich weiß jedeR, der oder die je probiert hat, dort was zu kaufen, dass diese Anstalt sich förmlich mit Gewalt an ihre Ware klammert.

Selbst nach der Entfernung der elektronischen Diebstahlsicherung mittels des von den Kassieren voreinander verborgenen einzigen Plastikschlüssels wird dort jeder Versuch der KundInnen, sich mit bezahlter Ware dem Ausgang zu nähern, mit einer Flughafen-ähnlichen Leibesvisitation geahndet.

Good riddance, wie man hierzulande sagt. Falls es denn soweit kommen sollte.
 
 
 
  Wirklich schockiert hat mich wiederum das mutmaßliche Verschwinden einer Schuhhändlerkette, deren verblichene jugendkulturelle Bedeutung gar nicht zu überschätzen ist.

Mutmaßlich deshalb, weil mir dieses Verschwinden an sich gar nicht aufgefallen ist. Ich hab bloß davon gelesen. Das allein ist schon ein bisschen erschütternd, weil ich mich gut an Zeiten erinnern kann, wo eine Welt ohne Shelly's mehr oder weniger die Rückkehr zum Barfußlaufen bedeutet hätte.

Vor fünfzig Jahren, als einer der wenigen Läden Londons gegründet wurde, der die Brothel Creepers der Teddy Boys mit den dicken Crêpe-Sohlen verkaufte, wurde Shelly's zum universellen Fußbekleidungsausstatter jugendlicher Subkulturen.

In den schuhmäßig wie auch sonst eher schwierigen Achtzigern ließen sich dort (und in einer Handvoll Läden an der Carnaby St, deren eher trister Nachlass heute noch existiert) einerseits DocMartens, Psychobilly-taugliche Creepers, andererseits die bei den Mods so beliebten Jam-Shoes, Badger Shoes, Bowling-Schuhe, Winklepickers und Chelsea Boots besorgen.

Letztere waren derart unwiderstehlich leistbar, dass ich mir einmal in meinem Überfluss eines von drei Paaren knallrot spritzte. Von wegen Pop Art Clothing und so. Zweimal getragen und im Kasten verrottet.

 It seemed like a good idea at the time...
 
 
  Irgendwann in den Neunzigern begannen dann alle anderen High Street-Läden viel bessere Chelsea Boots zu verkaufen als Shelly's, DocMartens eröffnete seine eigenen Superstores, Chisel-Toe-Schuhe (mit der keilförmigen Spitze) gab's überall und Patrick Cox machte die schöneren Loafers. Gegen Ende hat Shelly's dann offenbar auch noch versucht, auf upmarket und aktuell umzustellen. Ein fatales Missverständnis der eigenen Rolle.

Trotzdem, jetzt, wo Shelly's offenbar weg ist, würd' ich natürlich gern noch einmal mit abschätzigem Blick an seinen Schaufenstern vorbeischlendern. Zu spät! Wieder eine Kathedrale unserer Jugend geschliffen. Wo soll das alles enden? Wer kommt als nächstes dran? Vielleicht eine der beiden verbleibenden Musik-Megastore-Ketten, wie man munkelt?

Und ist es bereits ein bedenkliches Zeichen meiner bourgeoisen Entrücktheit (quasi meine Version von "Let them eat cake!"), wenn mein großes Mitleid mit all den VerkäuferInnen, die demnächst auf die Straße gesetzt werden, ständig gegen jenes unaussprechliche innere Gefühl anrennt, dass diese letztendlich sogar in der Arbeitslosigkeit noch zwangsläufig erfüllendere Lebensinhalte finden werden als zu "work in a shirt with your name tag on it / Drifting apart like a plate tectonic"?

Gute Zeile übrigens. Irgendwie komisch, was aus der Band geworden ist.

 Chelsea Boots, 1966, an den Füßen eines jungen David Bowie. Wann warst denn du das letzte Mal bei Shelly's, David? Eben. Kein Wunder, dass sie verendet sind.
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick