fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
London/Canterbury | 3.12.2008 | 07:13 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Decemberlist, Drei
  Ich hab mich noch nicht an die neue Rollenverteilung in meinem Leben gewöhnt:

Canterbury, das war die letzten vier Jahre über das Zuhause, die Arbeit zu Hause, das Essen, der Geruch, die Bäume, die Sterne (jawohl), die Nähe zum Meer.

Und London war das melancholische bis brutale Zwischendurch, inklusive der Gigs und der Termine, der dreckigen Underground, der verspäteten Züge und der an den Haaren herbeigezogenen Strafmandate und Verabredungen in Pubs und Cafés in Soho und der Gordon's Wine Bar, bevor die Suits sie heimsuchen. Der Drang zu Bahnhof bzw. Stadtausfahrt wurde zunehmend stärker.
 
 
  Seit diesen Herbst in Canterbury das Farmhouse aufgemacht hat, haben sich die Verhältnisse ein wenig verschoben. Die bisherigen paar Gigs dort waren nämlich meine liebsten des Jahres, und das nicht nur, weil man sich dort an die Wand lehnen kann, ohne kleben zu bleiben.
 
 
 
 
 
  Eines Abends im Oktober, oder war's schon November, sah ich da zum Beispiel Peter Bruntnell und die wunderbare Ralfe Band. Und als ich aus dem Lokal ging, kaufte ich mir schnell das Ralfe-Band-Album. Bruntnell hatte ich schon, wie ich ihm erklärte (er saß am Verkaufstisch).
"Und was ist mit der neuen von Mr David Viner?", fragte er herausfordernd.
"Den hab ich leider versäumt."
"Das ist er," sagte Bruntnell und zeigte auf den jungen Mann im diagonal gestreiften Pullover, der neben ihm saß.
 
 
 
  Ich wog die CD in meiner Hand. "Wird mir die gefallen?"
"Die wird dir ganz sicher gefallen", sagte Mr David Viner auf eine so natürlich von sich überzeugte, nüchterne Weise, dass es kein bisschen arrogant klang. Als ich mich zum Zahlen bückte, muss er mir zwei Badges in die Brusttasche gesteckt haben. Die hab ich später dort gefunden.
Der schöne mit dem Baum drauf ist mir dann irgendwo in Wien zwischen dem Proberaum der fabelhaften Jaybirds und dem Haus der Musik vom Revers gefallen. Er geht mir ab.
 
 
 
  Mr David Viner hatte natürlich recht mit seiner Behauptung. "Among The Rumours and the Rye" ist einerseits ein bewusst altmodisches Album, das sich aus den verschütteten R&B- und Folk-Wurzeln des britischen Sixties-Pop nährt, andererseits aber viel zu locker, um in akademischen Retro-Posen zu erstarren. Alle Zitate hier schürfen an den äußersten Fransen der Vorlagen: Die poppigsten Momente von Bert Jansch treffen auf die unenglischsten Momente der Fairport Convention, die unamerikanischsten Momente von Bob Dylan, die bluesigsten Momente von Leonard Cohen und so weiter...
 
 
 
  Und wann immer das Fingerpicking und die zwischen klein und groß oszillierenden Terzen dezidiert in Richtung Americana kippen, erinnert uns ein aspiriertes "T" oder ein verschobener Vokal in Mr David Viners Aussprache daran, dass dieser Boy eigentlich aus Finchley (einem eher gut gepolsterten Teil Nordlondons) kommt.

Nicht dass er dort geblieben wäre. Anfang des Jahrzehnts ging Viner nach Detroit, verkaufte dort T-Shirts für die Von Bondies, wurde zu ihrer Vorband, verbrüderte sich mit den Soledad Brothers, spielte Support für die White Stripes. Und traf den mittlerweile seligen John Lee Hooker, der ihm als Tribut an seinen britischen Akzent den "Mr"-Titel verlieh.
 
 
 
  Wie ich erst im Nachhinein herausgefunden hab, hat er in all den Jahren schon ein paar Platten gemacht, die meiner Aufmerksamkeit entgangen waren, was wie immer einzig meine Schuld und Schande ist.

Andererseits gibt die heurige vermutlich auch einen idealen Einstieg in sein Schaffen her. Schließlich wurde sie von niemand anderem als Ed Harcourt produziert, da kommen also jenseits des vorgegebenen Akustische-Gitarre-Idioms Tonnen toller Tasten, Trompeten, Fiedeln, Klarinetten und Saxophone zum Einsatz (und ja, sogar der Alibi-Österreicher in Harcourts Gang Arnulf Lindner mischt sich in den Chor).
 
 
 
  "Among the Rumours and the Rye" ist also einer jener raren Fälle, wo genau die Leute, die man in seinem Kopf zusammenstecken würde, vorher schon selbst auf die Idee gekommen sind.

Auf die Gefahr hin, dass das jetzt wie eine musikjournalistische Faulheitsfloskel klingt: Einzelne Songs hervorzuheben, wäre direkt kleinlich.

Am besten die Anglophilen und die Amerikanophilen setzen sich einfach zusammen, legen die Platte auf (oder ein, je nachdem), drehen das Licht ab und finden endlich was, worauf sie sich einigen können.
 
 
 
  Zu meinem Interview mit Mr David Viner bin ich an jenem Abend natürlich nicht gekommen, ich hatte sein Album ja noch nicht gehört. Aber anderswo hab ich ein sehr schönes Feature gefunden. Da steht eh schon alles drin. Nur der Vergleich mit Billy Bragg ist natürlich grober Unfug.
 
 
 
  "Go home, this city treats you so cruel", singt Mr David Viner mir ins Ohr, wenn ich im Londoner Regen stehe. Und damit ich ja auf ihn höre, klingt seine Gitarre dabei anderthalb Akkorde lang genau so wie die im größten aller mir bekannten Abschiedssongs "Don't Think Twice (It's Alright)".
 
 
 
LeserInnen, die Mr David Viners Versicherungen seiner eigenen Unwiderstehlichkeit vertrauen, werden sich auch davon überzeugen lassen:
  alt:
Bert Jansch (erstes Album)
Davy Graham: Folk, Blues & Beyond

neu:
Ralfe Band: Attic Thieves
Pete Molinari: A Virtual Landslide
Holly Golightly: Dirt Don't Hurt
Ed Harcourt: Until Tomorrow Then (Best of)
 
fm4 links
  Decemberlist 2008
Alle Geschichten auf einen Blick
   
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick