fm4.ORF.at ORF.at login
StreamPodcastsMail an FM4
zurück zur TitelseiteSOUNDPARK - Your Place for Homegrown MusicSTATION - alles rund um den RadiosendernotesCHAT
London/Canterbury | 17.12.2008 | 15:51 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Cry me a River
  So kurz nach Rick Wright schon wieder dieselbe Geschichte: Ein Nachruf auf einen, den ich zu seinen Lebzeiten verpasst hab. In diesem Fall aber nicht aus Faulheit meinerseits - aber fangen wir von vorne an:
 
 
 
  Vor vielen Jahren, als ich im Folk-Geschnatter von Camden Town zum ersten Mal von Davy Graham als vergessene Größe des britischen Akustik-Gitarrenspiels hörte, ging ich in einen jener Plattenläden, die seither aus den Londoner Straßen verschwunden sind, und kaufte mir "Codington Boundry" im Reissue des See For Miles-Labels.

Die mit eher konventionellem, mittelgutem elektrischem Jazzgenudel und der dubiosen Stimme seiner damaligen Partnerin Holly durchsetzte Platte aus dem Jahre 1970 wurde der Legende nicht ganz gerecht und ließ nur stellenweise jene Qualitäten erahnen, die diesem Gitarristen seitens der Auskenner zugeschrieben wurden, aber nach und nach stolperte ich über Dinge, die meine Neugier auf Graham weiter schürten:

 
 
  Zum Beispiel die Originalpressung von 'Sounds of Silence' von Simon & Garfunkel. Bei Paul Simons Version von 'Anji', einem Instrumental, das ich bisher nur von Bert Jansch gehört hatte, stand da in den Linernotes zu lesen: "written by Davy Graham, one of England's finest jazz/blues guitarists"
 
 
 
1964
 
 
  Genauso ging's mir mit 'She Moved Through The Fair', einer Semi-Improvisation in offener DADGAD-Stimmung, die ich zum ersten Mal unter dem Titel 'White Summer' in der geklauten Version von Jimmy Page auf dem 1967 erschienenen Yardbirds-Album 'Little Games' gehört hatte (erst später dann hörte ich Page dasselbe Stück auf einer Led Zeppelin-Live-Aufnahme spielen, gekoppelt mit 'Black Mountain Side').

Die auf dem Plattencover als Pages Komposition angeführte Nummer war in Wahrheit ein irisches Traditional, das Graham Anfang der Sechziger als 'She Moved Through The Bazaar' in Richtung einer indischen Tonalität verfremdet hatte.
 
 
 
  Grahams Versionen sind denen von Page jedenfalls nicht nur weit überlegen, sie markieren auch den Anfangspunkt der ernsthaften Auseinandersetzung der britischen Pop- und Folk-Szene mit östlichen und afrikanischen Einflüssen.

Laut den Liner-Notes meiner 2003 bei Castle/Sanctuary wiederveröffentlichten CD-Version des ersten Davy Graham-Albums 'The Guitar Player' (1963) hatte er die erwähnte - heutzutage im irischen Folk sehr beliebte - DADGAD-Stimmung erfunden, um auf seiner Gitarre die Musik nachempfinden zu können, die er auf seinen Reisen durch Tunesien und Marokko gehört hatte.

Davy Graham reiste nicht nur durch die Kontinente, er war selbst das kraushaarige Kind eines Schotten und einer Guyanerin, ein kultureller Cocktail, der 1964 auf seinem treffend benannten, vielleicht großartigsten Album 'Folk, Blues & Beyond' zu voller Entfaltung kam.
 
 
 
  Vor ungefähr neun Jahren kaufte ich mir eine neue akustische Gitarre und ließ mir einen Mann empfehlen, der mir einen Pick-Up einbauen könnte. Er hieß Pete Stanley, hatte einen grauen Bart, lebte in einem verfallenen, großen, alten Haus an der Torriano Avenue, war (und ist) als Banjo-Spieler selbst eine kleine Legende der Londoner Folk-Szene. Ich fragte ihn auch nach den beiden lokalen Fingerpicking-Virtuosen Bert Jansch und Davy Graham.

Graham, sagte Stanley, sei immer der Größte gewesen, mit einigem Abstand. Aber seine Heroinsucht habe seine Finger über die Jahre schlampiger und kraftloser werden lassen. Und heutzutage sei es geradezu unerträglich, ihm beim Spielen zuzusehen.

Die jungen Leute kämen zu seinen Shows, erwarteten sich eine Offenbarung und sagten nachher: 'What's all the fuss about?'
 
 
 
2007
 
 
  Jeder, der das letztes Jahr erschienene Comeback-Album 'Broken Biscuits' gehört hat, kann diese Einschätzung nachvollziehen. Das ist zum Teil ein ganz furchtbares Geschnarre.

Und genau deshalb schob ich die Möglichkeit, ihn dazu zu interviewen, dann auch vor mich her, bis sie verflogen war. Weil ich ihn gern über die alten Zeiten reden gehört hätte, aber keine Begeisterung für sein neues Schaffen heucheln konnte.

Jetzt ist es jedenfalls zu spät. Am Montag starb Davy Graham nach kurzem Leiden in seinem Haus in Camden an Lungenkrebs. Sein großer Fan Graham Coxon veröffentlichte auf der von Davys Label geführten Myspace-Seite folgendes Statement:
 
 
 
  "sad. i'll miss seeing him striding in various get ups in camden road and our skewed and fractured conversations... for me he was the absolute best acoustic guitar player there was...not because of his technical skill, there are a few that were arguably better, but for the raw and gritty unforgiving way in which he treated the instrument. you didnt just get notes with davy, you got the guitar's wire and wood groaning and flinching with every stroke... renbourn is almost too good, bert almost too clean...davy had the guts of a swashbuckling gypsy and the pioneering mentality of an explorer... he went to the mad places first, cut the paths that others trod later. god bless you davy graham xxxx i hope your onward journey is all you want it to be, love graham c"
 
 
back
 Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick