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London/Canterbury | 18.12.2008 | 13:00 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Art School Pop
  Zum Schwerpunkt in der heutigen Homebase



Pop aus der Kunstschule - das klingt doch eher nach einer anstrengenden Kopfgeburt, nach mühsam zu Musik geformten Manifesten und oberschlauer Pose.

Aber wenn man den etwas pompösen deutschsprachigen Kunstbegriff einmal durch das vergleichsweise bagatellisierte englische Wörtchen "art" ersetzt, sieht die Sache schon ganz anders aus.

Die Idee des "art school pop" ist in Großbritannien mindestens so wichtig wie der importierte amerikanische Mythos des Rock'n'Roll als einender roter Faden von John Lennon, Keith Richards und Ray Davies bis zu PJ Harvey, Franz Ferdinand oder MIA. Ja mehr noch: Ohne den prägenden Einfluss britischer KunstschülerInnen wäre alle Popmusik heute immer noch bloß Schlager und die Rockmusik nur Folklore.
 Pop Goes Art!, Album von The Times, 1982
 
 
  Spoiler-Alert: Der restliche Text dieser Story deckt sich weitgehend mit dem Manuskript meines heutigen Homebase-Beitrags. Wer Zeit hat, sollte vielleicht zuerst die klingende Variante davon hören.
 
 
 
  "Anything that you wanna do
Anyplace that you wanna go
Don't need permission
For everything that you want
Any taste that you feel is right
Wear any clothes
Just as long as they're bright
Say what you want
Cause this is a new art school"
 
 
 
  Ein kurioses Stückchen Popgeschichte: Wir schreiben das Jahr des Punk 1977, und die Band The Jam singt von einem mythischen Ort der Freiheit, wo man sein kann, was man will: Art School.
 
 
 
  So stellte der junge Paul Weller, ein jeglichen akademischen Ambitionen abholdes Working Class Kid der Vorstadt, sich also das arkadische Leben an der Kunstschule vor.

Richtige Art School-Punks, die solche Schulen auch wirklich selbst besuchten, klangen natürlich ganz anders. Zum Beispiel wie Wire oder The Monochrome Set. Ihr Sound kam eindeutig nicht von der Straße, sondern aus dem Labor.

 Art School Punk: Wire
 
 
  Die klassische britische Version der Art School ist keine Uni, sondern eigentlich ein College für Leute, die mit sechzehn aus der Schule kommen - wie geschaffen zur Brutstätte der Popkultur.

Aber um das ganz zu verstehen, müssen wir, wie bei der britischen Popkultur so üblich, erst einmal zurück in die Sixties blättern.
 
 
 
  Da hatte die britische Regierung nämlich eine tolle Idee: Für jene Schüler, die zu bockig oder unbrauchbar für eine echte Berufsausbildung waren, leistete sich der Staat ein paar Colleges of Art, in denen die Kinder dann eben was Hübsches malen lernen sollten.
 
 
 
John Lennon (rechts) mit seinem Kunstschulkollegen Stu Sutcliffe.
 
 
  In diesen Art Schools landeten prompt so exzentrische Taugenichtse wie John Lennon, Ray und Dave Davies von den Kinks oder der spätere Frontman der frühen Pink Floyd, Syd Barrett. Aber die Schüler waren nicht die einzigen schrägen Vögel an diesen Lehranstalten.

Unter den Designern der psychedelischen Lightshows, vor denen Bands wie Pink Floyd damals auftraten, war etwa ein gewisser Gustav Metzger, Lehrer am Ealing College of Art in Westlondon.

Eines von Metzgers Steckenpferden war die sogenannte autodestruktive Kunst. Vor den Augen seiner verblüfften Schüler zertrümmerte er zum Beispiel einen Kontrabass. Einer, der dabei besonders gut aufpasste, war der junge Pete Townshend, später Gitarrist bei The Who.

 Gustav Metzger 1966 an der South Bank, beim Zerstören eines Nylonbilds mit Säure.
 
 
  Kein Wunder also, dass der dann auf die Idee kam, seine Gitarre zu zertrümmern. Was er damit ausdrückte, war natürlich immer noch Teenager-Zorn.

Aber die Methode dafür hatte er sich von der Wut eines 1926 geborenen, staatenlosen Künstlers abgeschaut, der seinerseits als Kind einer jüdischen Familie aus Nürnberg mit dem Kindertransport nach England gekommen und so vor dem Nazi-Terror gerettet worden war.

Metzger war nicht der einzige radikale Lehrer an der Art School in Ealing. Dort unterrichteten auch noch der Maler RB Kitaj und Theoretiker wie Harold Cohen oder Roy Ascott.

Voriges Jahr hab ich die Gelegenheit gehabt, Townshend nach der Wirkung dieser inspirierenden Umgebung auf seine damalige Musik zu fragen.

 Sein Ex-Schüler Pete Townshend im gleichen Jahr.
 
 
  "Du musst dir bewusst sein", sagte er, "dass ich gerade erst aus der Art School kam, als ich mir all dieses Zeug einfallen ließ. Ich saß da und hörte mir Leute wie Ron Kitaj an, der immer tobte: 'It's fucking hell being an artist! It's pain.' Das war meine Einführung in die Rolle des Künstlers. Auf der anderen Seite waren da Harold Cohen und sein Bruder Bernard, und zwei Wörter, die sie dauernd verwendeten, waren damals nicht einmal im Oxford Dictionary: Kybernetik und Semiotik."
 
 
 
  Die Semiotik als Lehre der Zeichensysteme erwies sich als ein ideales Instrument zum Verständnis jenes neuen Dings, das noch nicht einmal Popkultur hieß, aber bereits sein eigenes Vokabular an Codes entwickelt hatte.
 
 
 
  Im Gegensatz zu aufgeweckten Schülern wie dem jungen Pete hielt das Kunstschulsystem davon freilich gar nichts, und Roy Ascott wurde wegen seiner unkonventionellen Lehrmethoden aus der Ealing Art School rausgeworfen.

Am College of Art von Winchester fand Ascott einen neuen Job, und die in seinen dortigen Kybernetik-Vorträgen formulierte Systemtheorie prägte die Denkweise eines jungen Studenten, dessen musikalisches Schaffen in den nächsten vier Jahrzehnten eine enorme Rolle spielen sollte, obwohl er bis heute kein Instrument beherrscht: Brian Eno.
 
 
 
  Nach seinem Abgang aus Winchester war Eno ein darbender, in der Avantgarde-Szene operierender Klangkünstler, bis er in London Anfang der Siebziger zu einer Band namens Roxy Music stieß, die von Bryan Ferry, einem anderen Ex-Kunststudenten, angeführt wurde.

In den verschiedenen Kunstschulkarrieren von Brian Eno und Bryan Ferry spiegelt sich die Spannung ihrer kurzlebigen Zusammenarbeit bei Roxy Music wieder. Auf der einen Seite Eno, der Avantgardist und Systemtheoretiker, auf der anderen Seite der Ästhet und Überhöher Bryan Ferry, ein Schüler des Pop-Art-Malers und Collagisten Richard Hamilton.

 Kunstfigur Eno
 
 
  Einflüsse solcher Art ließen sich in allen möglichen Bands der Sechziger bis Siebziger nachverfolgen. Siehe zum Beispiel The Velvet Underground, mit John Cale, der in London das Goldsmiths College besucht hatte - die Klospülung in 'European Son', eine musikalische Referenz auf Marcel Duchamps Pissoir?
 
 
 
  Es lässt sich in der Tat leicht prätentiös werden, wenn man Pop mit Kunst vermengt, aber unprätenziöser Pop ist andererseits auch zumeist wieder fad, und wo wir vorhin schon das Goldsmiths College in Süd-London erwähnt haben, dorthin gingen unter anderem Malcolm McLaren, der Manager der Sex Pistols, Brian Molko von Placebo und die Mitglieder von Blur, zu deren dortigem Freundeskreis spätere Kunst-Kapazunder wie Sam Taylor-Wood und Damien Hirst zählten.

 Goldsmiths College
 
 
  Und falls das jetzt den unvermeidlichen Anti-Schnöseleffekt auslösen sollte: Nein, Oasis waren sicher keine Kunstschüler. Aber zumindest einer ihrer verehrten Beatles schon. Britischen Pop ohne Einfluss der Art Schools gibt's nämlich gar nicht.
 
 
 
  Mehr zu Art School Pop gibt es heute, 18. Dezember, in der Homebase (19-22) Uhr. Robert Rotifer, Alexandra Augustin und Michael Schmid werfen einen Blick auf die Geschichte diverser School Pop-Musiker mit Schwerpunkt auf die Brutstätte Großbritannien, aber auch auf den musikalischen Output heimischer Kunsthochschul-Gefilde.
 
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