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London/Canterbury | 31.12.2008 | 10:08 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Just another wake-up call
  Der Weckruf kam vorletzten Sonntag gegen Mitternacht in Form eines dumpfen Ratterns, gefolgt von einem Schlag gegen die rechte Schulter.

Das war die Leitplanke. Ich war auf der Autobahn, am Rückweg von einem Gig und hatte mich gerade so wohl, ja zu wohl gefühlt.
 
 
 
 
 
  Ich hatte die größte Sau der Welt, weil ich seicht genug weggedämmert war, um sofort wieder aufzuwachen und den Wagen wieder gerade zu richten. Und weil abgesehen von der äußersten Blechschicht meines Vehikels dabei nichts und niemand zu schaden kam.
 
 
 
  Ich rumpelte langsam weiter bis zur nächsten Tankstelle, fragte mich, was da nun eigentlich passiert war und kaufte mir ein aufmunternd kaltes Eis.
 
 
 
  2008 war das Jahr, in dem die Metapher des "going to the wall" bzw. des "an die Wand Fahrens" allerorten auftauchte, und ich verstehe jetzt etwas besser, was damit gemeint ist:

Die Implikation des Unbewussten, des fehlgeleiteten Vertrauens in die eingeschlagene Richtung. Der aus dem begrenzten Überblick gefolgerten, täuschenden Tendenz, zu glauben, dass ohnehin immer alles weitergehen wird wie zuvor.
 
 
 
  Tut es nicht und wird es nicht, so viel sollte sich bereits herumgesprochen haben. Und zur Schonung der Nerven will ich mich dabei auf den unseriösen wirtschaftlichen Nebenschauplatz namens Musikbusiness beschränken, der unsereinem zwar ideell näher steht als sonstwas, für die meisten Lesenden aber nicht von konkret existentieller Bedeutung sein wird.
 
 
 
  In meiner britischen Wahlheimat ist da nämlich unleugbar was gekippt, und zwar als Folge der von mir hier kürzlich beschriebenen Pleite der Woolworth's-Kette.

In seiner langen Drecksspur zog dieses Gemetzel nicht nur 28.275 Jobs, sondern auch die Vertriebsfirma EUK mit sich in den Abgrund, die nicht nur Woolworth's, sondern auch sämtliche Supermärkte, sowie die aus den ehemaligen Virgin Megastores hervorgegangene Kette Zavvi mit CDs belieferte.

 
 
 
 
  Kurz nach meiner Episode neulich auf der Autobahn sah ich in meiner örtlichen Sainsbury's-Filiale schon die CD-Regale schrumpfen. Und selbst wenn ich nie ein Freund der Musikverscherbelung zwischen Gurken und Zwieback war: Die Art, wie die Tonkonserven da vom Regal verschwanden wie irgendeine aus der Mode gekommene Form von Frühstücksflocke, verhieß nichts Gutes.
 
 
 
  Ein paar Tage davor hatte ich vom Ende des britischen Indie-Vertriebs Pinnacle erfahren. Als ich im Rough Trade Record Shop vorbeikam, fragte ich Verkäufer Nigel, was denn das für sein Geschäft bedeute.

"Eigentlich nicht viel", behauptete der. Weil alle von Pinnacle vertriebenen Labels und Bands ohnehin gleich direkt an den Shop verkaufen könnten.
 
 
 
  In Großbritannien hat sich das Indie-Geschäft also bereits auf eine derartige Minimalgröße reduziert, dass der letzte Schritt zum Bauchladen logisch erscheint.

So romantisch das nach den Ursprüngen der Independent-Kultur klingen mag, von den Hausiererverkäufen am Anfang von Islands Records bis zur liebenswerten Plattenmanufaktur von Postcards Records: In diesem Fall reden wir nicht vom Ausschwärmen, sondern vom Rückzug.
 
 
 
  In Verbindung mit dem Ende von EUK und Zavvi als einer der beiden letzten Megastore-Ketten (HMV hält bislang durch) klingt das verdächtig nach einem ziemlich raschen Ende des Tonträgerverkaufs, wie wir ihn kennen.

Und angesichts des absehbaren Dumpings der auf den Markt drängenden Konkurrenz zu iTunes (3 Pfund für ein Album-Download bei amazon.co.uk) wird der legale digitale Markt dafür sicher keinen wirtschaftlichen Ersatz bieten.
 
 
 
  Was übrig bleibt, ist - selbst wenn es genauso klingt, genauso aussieht und sich vielleicht sogar beinahe so anfühlt, ja selbst wenn es 2009 genauso viele neue Songs und Tracks geben wird wie im Jahr zuvor - NICHT MEHR WIRKLICH POP, sondern einerseits umtriebige Kleinkunst, andererseits willige Werbemittelerzeugung. Und auch für letztere wird der Raum angesichts der Wirtschaftslage rundum merklich enger werden.
 
 
 
  In den letzten Jahren haben wir uns schon so an die Gewissheit gewöhnt, dass es mit dem Pop irgendwie immer weitergehen wird. So oder so. Notfalls auf "neuen Wegen". Aber es gab eine Welt vor Pop, die sich in ihrer Operetten- und Schlager-Fabrikation genauso sicher fühlte.
 
 
 
  Ein bisschen so wie das Wohlgefühl beim Dahinbrausen mit geschlossenen Augen, knapp vor der Leitplanke.
 
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