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London/Canterbury | 11.1.2001 | 13:01 
Stadtbrief aus London, Popmetropolitanisches Themsenstrandgut - Booms, Beats und gesalzene Butter.

Fuchs, Blumenau, Smoab

 
 
Bärte ab!
  Es sei mir gestattet, mein Plädoyer mit einer Schockmeldung zu beginnen: Ich hab rein gar nichts gegen Bärte, nur alles zur richtigen Zeit und zum richtigen Ort, ihr wisst schon. In diesem Fall zum Beispiel: Philosophische Diskussionszirkel im Neunzehnten oder frühen Zwanzigsten Jahrhundert, kanadische Holzfällerhütten, einsame Inseln ohne Strom und Wasser. Nicht, dass ich mich in meiner Argumentation ganz trivial an der Mode orientieren will. Am Style (nicht Stil) schon eher, das ist ja auch was grundlegend Verschiedenes.
 Karl Marx, Ende des 19. Jhdts., damals mit Bart sehr hip
 
 
  Schon gar nicht aufhalten will ich mich mit den ihrerseits selbst längst einen langen Bart tragenden, populärpsychologischen Theorien à la "Bart heißt, dass einer was zu verbergen hat, und deswegen vertrauen ihm die Frauen nicht, wurde Frank Dobson nicht Londoner Bürgermeister, haben Kinder Angst vorm Weihnachtsmann, Religionslehrern, Saddam Hussein und Hitler und Stalin, und Essensreste bleiben obendrein drin hängen..."

 Ad gefährliche pseudopsychologische Thesen, die mir ganz recht kämen: Britischer Doktor Harold Shipman, der bis zu 300 Patienten umgebracht haben soll. Was hatte er hinter seinem Bart zu verbergen?
 
 
  Interessiert mich alles nicht! Genausowenig die historische Betrachtungsweise, von Römern, die sich das Gesicht mit Bimsstein zerrieben, um sich von den kulturlosen Barbaren zu unterscheiden, bis zum österreichischen Fußballnationalteam 1978, das seine Trennung von Ehefrauen und Freundinnen im argentinischen Mannschaftslager mit dem - beinahe, sagt Kurt Jara zurecht - kollektiven Erwerb maskuliner Pelzgoschen zelebrierte. Andere historische Beispiele wie die rumänische Bleiche und zeitgenössische Glatzenrasur spotten den Versuchen, den Bart im geschichtlichen Vergleich zum unzivilisierten Ursprung allen Männerbündlertums zu machen, also lass ich auch das lieber sein. Bleibt euch alles erspart!

 Kerouac mitte links und der junge Ginsberg ganz rechts, direkt handsome ohne Bart.
 
 
  In der allegorisch ja gerechterweise stellvertretend für fast alles anwendbaren Welt der Popkultur klären sich die Fronten allerdings schon zusehends.

 Ginsberg später hingegen als Krusty, der Clown
 
 
  Werfen wir einmal einen Blick zurück in die Fünfziger und Sechziger des letzten Jahrhunderts, als der Kinnbart Erkennungszeichen grooviger Beatniks und intellektueller Studenten war - aber doch bitte nur des bongospielenden Fußvolks. Dutschke mit Bart? Pah! Burroughs mit Bart? Unvorstellbar. Und Ginsberg?, werdet ihr sagen. Richtig, und grade deshalb war er selbst nie so eine Ikone wie Kerouac (wackelige These). Aber dann kommen wir wieder in so eine Debatte darüber, wer besser und schlauer war, und ob das Beat-Zeug überhaupt von Leuten gelesen wird, die alt genug sind, einen Bart zu tragen usw., also beschränken wir uns sicherheitshalber bitte rein aufs Ästhetische.

 Vielleicht nicht der bessere Schreiber, aber das kühnere Kinn
 
 
  Na eben, Che Guevara, werdet ihr mir entgegenhalten, der war doch auch mit Bart sehr sexy. Vielleicht - aber doch nur auf dem einen, glücklich geschossenen Foto, im Profil betrachtet hingen ihm die Flausen dagegen schon eher traurig vom Kinn.

 Che von der Seite: Gleich gar nicht mehr so schön.
 
 
  Wenden wir uns also denen zu, die sich nicht nur in der Popkultur reflektierten, sondern auch aus ihr hervorgingen - den Pop- und Filmstars nämlich. Steve McQueen zum Beispiel, ein junger Gott, wenn es je einen gab. Smart, niedlich und dabei scharf wie ein Rasiermesser (man verzeihe mir die schlechte Metapher).

 King of Cool
 
 
  Und dann in den Siebziger Jahren beschloss er, fortan in seinem Haus in Malibu zu verlottern und sich nie mehr zu rasieren, geschweige denn die Haare zu schneiden. Nebenstehendes Bild sagt alles, oder?

 Und 1974 - praktisch nicht wiederzuerkennen, ein Schatten seiner selbst.
 
 
  An einem anderen Steve, nämlich Marriott, lässt sich wiederum sehr schön der Bartwuchs als Symptom musikalischen Orientierungsverlusts identifizieren. Das hier ist er bei den Small Faces, fescher Kerl, den Kopf voller noch ungeschriebener Popklassiker, die Wangen pfirsichgleich.

 Steve Marriott 1966
 
 
  Und das ist er 1971 bei der Dinosaurier-Rock-Band Humble Pie. Ausgedehnte Boogie-Jams gehen einher mit dem schlimmsten Strizzischnauzer aller Zeiten. Das kann kein Zufall sein.

 Und 1971 - muss ich noch was zur Musik sagen?
 
 
  Noch schlimmer der Verfall der Beatles innerhalb weniger Jahre, hier dokumentiert in einer ergreifenden Bilderserie, Kommentar überflüssig.

 John 66
 
 
  Bin ja versucht, mich anhand dieses Beispiels auch ein bisschen ins Ideologische vorzuwagen. Die - bis auf Manfred Mann und ein paar hoffnungslose Jazzer - bartlosen Mittsechziger waren doch die große Blütezeit der per se fortschrittlichen Unisex-Mode (selbst wenn's mit der faktischen Gleichberechtigung noch nicht weit her war), doch je tiefer der Pop sich im Rock verfuhr, desto reaktionärer wurden wieder die Geschlechterrollen definiert. Hier kommt der Bart als maskulines Markenzeichen ins Spiel.

 Walrus George 68
 
 
  Kein Wunder, dass die guten Glam-Rocker, die Mitte der Siebziger das Crossdressing zurück in den Rock'n'Roll brachten, wieder allesamt bartlos waren (Marc Bolan, Bryan Ferry, David Bowie). Mit Bart lässt sich's nämlich schwer androgyn sein. Und wo wir schon dabei sind: Habt ihr je einen bärtigen Punk gesehen?

 Paul 70 - da hörten die Girls zu kreischen auf. Warum wohl?
 
 
  Eben: Zumindest im Rock-derivierten Lager des Pop war die Bartlosigkeit bis in die Achtziger hinein die Zier der Guten. Zugegeben, mit anderen Genres ist das nicht so einfach. Im Soul und R&B war ein Oberlippenbärtchen immer schon erlaubt, ganz zu schweigen vom Hip Hop, wo sogar der Lehrlingsschatten eines Ice T mit intakter Würde durchgeht.
 
 
 
  Ich spreche hier allerdings als Whitey, und wie so viele andere Dinge, die unsereiner von den Homeboys übernahm, ist das geckenhafte Spiel mit freigelassenen Haarzonen auf Bleichgesichtern keine gute Idee. Goatees und dergleichen zählen für mich zum großen Hangover der Neunziger. Auch wenn ich zu viele Freunde und Bekannte hab, die selbst welche tragen, um hier richtig ausfällig werden zu können, ohne mich damit zu einem sehr einsamen Menschen zu machen.

 Grandaddy - Opfer des "postironischen" Zeitalters?
 
 
  Trotzdem, man stelle sich einmal vor, wie hübsch etwa ein an sich ja schon blendend aussehender Christian Fuchs ohne den verdünnten Peter Rapp wäre.
 
 
 
  Abschließend muss ich zugeben, dass die Fronten im großen Gesinnungskrieg ums Gesichtshaar längst verschwommen sind. Natürlich musste euch auffallen, dass meine Vorzeigebeispiele allesamt mindestens zwanzig Jahre alt sind. Was lässt sich heutzutage schon groß daraus schließen, ob einen Will Oldham nun die Laune packt, sich zur Abwechslung glatt zu rasieren. Ein Badly Drawn Boy ist sicher nicht rockistischer als seine bartlosen Zeitgenossen (aber auch sicher nicht attraktiver), und Grandaddys Bärte sind wiederum so eine perverse postironische Affäre.

 Wird sich in zwanzig Jahren sehr dafür genieren, seine besten Jahre unter dieser Haube und jenem Bart verbracht zu haben: Badly Drawn Boy
 
 
  Nichtsdestotrotz ist es für mich ein Zeichen der versteckten Gefahren hinter dem neuen, "künstlerisch wertvollen" Gesicht von Radiohead (so gern ich "Kid A" mag, allerdings als Pop-Album, nicht als "Experiment"), wenn Thom Yorke plötzlich mit Eremiten-Bart aus dem Studio kriecht. Wo ein Bart zu sehen ist, lauern um die Ecke Progressive Rock und Fusion. Das Böse kann immer wieder zurückkommen, und es ist notwendig, seine Farben rechtzeitig zu erkennen. Also: Beware the bearded!

 Thom bärtig - auf halbem Weg zum Prog Rock?
 
 
  Und jetzt geht zurück auf die Frontpage und stimmt ab. Ich zähle auf euch.
 
 
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