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Wien | 14.8.2008 | 13:11 
Geschichten über besondere Menschen und Gedankenschrott, der für Freunde bestimmt ist.

Pamela, Blumenau

 
 
Und wer bist dann du?
  Ich lese Thomas Glavinics letzten Roman "Das bin doch ich". Ich lese das Buch in zwei Tagen. Es rinnt die Kehle hinunter wie ein Capuccino auf einer italienischen Raststation. Makellos. Aber man traut der kulinarischen Qualität einer Raststation nicht.

Und so geht es mir auch mit diesem Buch, das mit persönlichen Details aus dem Leben des Autors gespickt ist und, wenn wir schon bei kulinarischen Vergleichen sind, wie eine gefüllte Gans mit knuspriger Haut vor mir liegt. Die Fülle besteht aus Menschen der Wiener Kunst- und Kulturszene, die man namentlich kennt und zu manchen auch ein Gesicht vor sich hat. Ich mag eigentlich kein gefülltes Fleisch, zu üppig, aber an Festtagen kann man ja mal eine Ausnahme machen.

Glavinic ist clever. Er spielt mit meinen Vorurteilen, meiner Neugierde, dieselbe, die mich zu einer Seitenblicke-Illustrierten greifen lässt, wenn ich beim Zahnarzt darauf warte, aufgerufen zu werden, und die mich nun dieses Buch zwar mit Stirnrunzeln, aber doch in einem Zug auslesen lässt.
 
 
 
 
 
  Wir treffen uns zu einem Gespräch. Über ihn, Thomas Glavinic. Ich habe am Tag davor seinen Roman "Die Arbeit der Nacht" beendet. Eine Geschichte, die während des Lesens meinen Atem hat leise werden lassen. Die Stille der Einsamkeit, die aus dem Buch dringt, kann und mag ich nicht verlassen. Noch nicht. Schlechte Voraussetzungen für ein Gespräch. Wir bleiben also noch in der Welt einer Romanfigur, die eines Tages aufwacht und feststellen muss, dass außer ihm niemand mehr da ist. Kein Mensch. Außer einem. Ihm selbst.

Glavinic erzählt über die Situation beim Schreiben. Die Kopfhörer auf, schneller Rhythmus, auf direktem Weg in die selbst erschaffene Welt, die für den Autor alle Ängste parat hält, mit denen er außerhalb seiner Schreibstube zu kämpfen hat. Die Straße zurück in die reale Welt mit Frau und Kind, mit Steuernummer und Verlegern ist oft vermint, verstopft oder wird für den Reisenden durch lange Umleitungen zur Qual. Dieses Buch hat ihm viel abverlangt. Und ein Teil dessen wurde auch gleich in seinem nächsten Werk verarbeitet.

In "Das bin doch ich" beschreibt Glavinic seine Ängste, lässt uns an den Selbstzweifeln eines Autors, der Thomas Glavinic heißt, teilhaben. Und führt uns letztlich an unserer Nase direkt vor den Spiegel, in dem wir immer nur das sehen, was wir sehen wollen. Die Literaturkritik sah in diesem Buch einen großen Wurf. "Es gibt Bücher, an denen kommen die Literaturkritiker nicht herum, weil sie Angst haben, man könne ihnen den Vorwurf der Spießigkeit machen. Dieses Buch ist eines davon", kommentiert Glavinic ironisch den Literaturbetrieb.
 
 
 
 
 
  Wir haben uns Zeit gelassen mit den persönlichen Themen. Haben uns über die Romanfiguren und deren Leben an das ihres Erschaffers heran geredet. Thomas Glavinic wusste immer, dass er ein Leben als Schriftsteller führen wird. Ein Weg ohne Abzweigung und ohne Option. Diese Klarheit hilft über die Zweifel an der eigenen Person, über die schwierigen Phasen, wenn man ein Buch beginnt, aber auch wenn man eines beendet hat, hinweg. Ständig Neuorientierung. Infragestellung.

Die Struktur, die er über seine Familie hat, hilft. Er habe bereits nach ein paar Wochen geheiratet. Aus romantischer Überzeugung, erzählt Thomas Glavinic.
Ich glaube ihm jedes Wort. Er macht einen aufgeräumten Eindruck. Und trägt es nach einem kurzen Schmerz, der über sein Gesicht huscht, mit Fassung, dass ich, in Gedanken vertieft, seinen Namen falsch ausspreche und eine grüne Politikerin aus ihm mache. Danke für die Nachsicht und für ein schönes Gespräch, Herr Glavinic!
 
 
 
 
 
Thomas Glavinic in einem Doppelzimmer Spezial
  zu hören am Freitag, 15. August
von 13 bis 15 Uhr
Die Playlist zur Sendung gibt's im Tagesprogramm.
 

 
audio
 
title: Thomas Glavinic im FM4 Doppelzimmer
length: 52:01
MP3 (49.824MB) | WMA
   
 
 
FM4 Interview Podcast
  Dieses Doppelzimmer Spezial gibt's nach der Sendung auch als FM4 Interview Podcast.

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