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Wien | 14.11.2008 | 16:04 
Geschichten über besondere Menschen und Gedankenschrott, der für Freunde bestimmt ist.

Pamela, Blumenau

 
 
Nestbeschmutzer
  "Der Druck seitens meiner Familie auf mich wächst", schreibt Martin Weber am 11. November in einem Mail an mich. An diesem Tag vor siebzig Jahren fanden die Novemberpogrome der Nazis gegen die jüdische Bevölkerung statt. In allen Teilen unseres Landes wurden Synagogen niedergebrannt, jüdische Mitbürger aus ihren Wohnungen geschleift, Geschäfte zerschlagen und gemeine Morde begangen, die nie rechtlich gesühnt wurden.

"Aus tiefer persönlicher Betroffenheit beschäftige ich mich derzeit intensiv mit der eigenen (beschämenden) Familiengeschichte", schreibt Martin Weber weiter. "Mein Großvater war der Ariseur des Grundstücks, auf dem der drittgrößte jüdische Tempel Wiens in der Turnergasse 22 im 15. Bezirk gestanden ist, und hatte darauf nach der Pogromnacht vom 9./10.11.1938 eine Garage und eine Tankstelle errichtet und damit den wirtschaftlichen Grundstein für sein Transportunternehmen gelegt. Vor wenigen Tagen konnte ich auch in Erfahrung bringen, dass mein Großvater offenbar auch einer der Rädelsführer bei der Brandstiftung des Tempels gewesen ist."
 
 
 
Der 15. Bezirk, ein vergessener Knotenpunkt jüdischen Lebens
  Martin Weber hat in den letzten Monaten umfassendes historisches Archivmaterial zusammengetragen. "Daraus hat sich für mich eine beklemmende, bestürzende und zugleich schrecklich "beispielhafte" Geschichte für die Wiener Arisierungen und die nachfolgende Restitutionen ergeben." Martin findet im 15. Bezirk eine Gruppe, die sich ebenfalls auf historische Spurensuche gemacht hat.

"Das Projekt Herklotzgasse 21 entsprang für uns nicht einem objektiven Plan, sondern einem vagen Gefühl. Wir wussten aus einigen Erzählungen von hier Wohnenden und Arbeitenden, dass das Haus, in dem wir unseren Arbeitsalltag verbringen, eine wechselvolle Vorgeschichte hat; dass es bis vor kurzem der Israelitischen Kultusgemeinde Wien gehörte und dass vor dem Krieg hier JüdInnen lebten. Sonst: keine Tafel, kein Dokument, keine Gewissheit."

Nach einigen Recherchen und Gesprächen war klar, dass die Herklotzgasse 21 ein Knotenpunkt für jüdisches Leben im 15. Bezirk gewesen ist. Es hat darin einen jüdischen Kindergarten, den Turnverein Makkabi XV, eine Armenausspeisung und ein Lokal der zionistischen Bezirkssektion gegeben. Das Haus Nummer 21 lag zwischen einer monumentalen Synagoge, dem Turnertempel, und einem orthodoxen Bethaus, der Storchenschul. All das war bis vor kurzem wenig erforscht und im Viertel weitgehend unbekannt. Jüdisches Leben in einer Wiener Vorstadtgemeinde - nicht im 2., 20. oder 9. Bezirk.
 
 
 
Warum soll man aufhören, alte Menschen nach ihrer Verantwortung zu fragen?
  Warum gehen Martin Weber oder die Leute aus dem Projekt Herklotzgasse 21 diesen fast verwischten Spuren nach? Ich kann mich noch gut an die Gespräche mit meiner inzwischen verstorbenen Großmutter erinnern. Sie war während der NS-Zeit als höhere Sekretärin in einem von Nazis geführtem Büro in einer Kleinstadt in der Steiermark beschäftigt. Kein Parteimitglied, aber ich schließe nicht aus, dass sie gedanklich mehr sympatisiert hat, als sie später zugeben wollte. Und ich erinnere mich gut an die lauten Wortgefechte zwischen ihr und meiner Mutter über die Ansichten meiner Großmutter zu Hitler. Manchmal wünschte ich mir, dass meine Mutter die Diskussionen mit meiner geliebten Großmutter unterlassen hätte; schließlich war sie schon eine alte Frau, und vor allem eine, die ich sehr mochte. Aber meine Großmutter war ja nicht verkalkt, sonder einfach nur alt. Warum also soll man alte Menschen von der Wahrheit verschonen? Warum soll man aufhören, sie nach ihrer Verantwortung zu fragen? Ich finde die Vorgangsweise von Martin Weber sehr mutig. Und richtig. Ich bin gespannt, warum er sich zu diesem Weg entschlossen hat. Er wird das heute, Freitag, Abend im FM4 Jugendzimmer ab 19 Uhr erzählen.
 
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  herklotzgasse21.at
   
 
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