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Wien | 6.1.2009 | 10:44 
Geschichten über besondere Menschen und Gedankenschrott, der für Freunde bestimmt ist.

Pamela, Blumenau

 
 
Von Stars und Sternen
  So habe ich den Stadtpark noch nie gesehen.
Eric Pleskow empfängt uns im 15.Stockwerk des Hotel Hilton in Wien. Ein schöner, winterverhangener Ausblick auf eine Stadt, an die Eric Pleskow keine guten Erinnerungen hat. Als Jugendlicher musste er mit seinen Eltern vor den Nazis fliehen. Als junger Soldat der amerikanische Armee kam er nach Europa zurück, um die deutschen Kriegsgefangenen zu verhören.
"Die Feigheit dieser Leute hat mich angeekelt. Wenn sie wenigstens zu ihren Taten gestanden wären, aber die Nazis, die ich kennengelernt habe, waren allesamt Feiglinge."

Danach hat Eric Pleskow einige Jahrzehnte vergehen lassen, bis er Wien wieder betreten hat. "Gabi Flossmann, die für den ORF von den Oscars berichtet hat, und die in diesem Zusammenhang mit mir öfter ein Interview geführt hat, war die erste Person, bei der ich mir dachte: Vielleicht hat sich ja in Österreich doch etwas geändert, vielleicht ist jetzt eine neue Generation von Menschen herangewachsen und vielleicht sollte ich mir das einmal anschauen." Eric Pleskow ist seit zehn Jahren regelmäßiger Gast in Wien. Als Präsident des Filmfestivals Viennale und als Jurymitglied des Wiener Filmfonds.
 
 
 
 
 
  Auf dem Schreibtisch hinter Eric Pleskow türmen sich die Drehbücher, die er in den naechsten Tagen noch zu lesen hat. Allesamt Projekte, deren MacherInnen auf eine Finanzierung hoffen.
"Ich habe immer alle Drehbücher bis zu Ende gelesen. Eine schlechte Angewohnheit von mir, meint meine Frau. Die vielen schlechten Drehbücher, die im Lauf der Jahre darunter waren, hätten mir viel von meiner Lebenszeit gestohlen, sagt sie. Aber ich denke mir, jemand, der sich hinsetzt, um eine Geschichte niederzuschreiben, dem zolle ich den Respekt, dass ich mich hinsetze, um sie zu lesen."
Eric Pleskow hat in seiner Zeit als Filmproduzent und Präsident der Filmproduktion United Artists einen guten Blick und einen Riecher für Stoffe entwickelt. Durch seine Hände wanderten die ersten Filme von Martin Scorsese, er arbeitete mit Billy Wilder, mit Woody Allen und er produzierte Filmklassiker wie "Einer flog über das Kuckucksnest" oder "Schweigen der Lämmer". Nachdem die amerikanische Filmbranche zu einem großen Teil durch privates Geld und nicht wie in Europa durch staatliche Filmförderungen finanziert wird, bedeutet jeder Film ein großes finanzielles Wagnis. Entsprechend wichtig sei dieser Riecher für Projekte und RegisseurInnen, mit denen man nicht nur Leute in die Kinos bekommt, sondern im besten Falle auch noch Kinogeschichte schreibt, erzählt Herr Pleskow.
 
 
 
 
 
  Wir gehen in unserem Gespräch ein paar Jahrzehnte zurück. New York in den 40er Jahren. Eric lernt schnell Englisch und nimmt jede Gelegenheitsarbeit an, um seine Eltern finanziell zu unterstützen. Durch Zufall trifft er auf einen Filmproduzenten, der ihn als Cutter ausbildet. Als Filmoffizier der Amerikaner übernimmt er nach Kriegsende die Bavaria Filmstudios in München. Er soll dafür sorgen, dass keine Nazis beschäftigt werden und dass die deutsche Filmproduktion wieder in Gang kommt. Schließlich brauchte man in dieser Nachkriegsnotzeit Filme in den Kinos, die die Menschen aufheitern sollten.
"In diesen Jahren habe ich unheimlich viel gelernt. Ich war als Anfang Zwanzigjaehriger von einem Tag auf den anderen für ein riesen Filmstudio verantwortlich und musste Filmregisseuren sagen, was sie zu tun haben!"
 
 
 
 
 
  Pleskows Frau Barbara kommt ins Zimmer. Sie erinnert ihn an seinen nächsten Termin. Ich frage sie, wie sie es an der Seite eines Mannes ausgehalten hat, der einen 24 Stunden Job hat. Barbara lächelt.
"Ich habe mich aus Vielem heraus gehalten. Ich bin nicht auf jede Party und jedes Essen mit einem Schaupieler mitgegangen. Und Eric hat versucht, die Familie vor dieser Welt zu schützen. Aber als die Kinder aus dem Haus waren, habe ich mich schon gefragt, was ich eigentlich mit meinem Leben tue. Ich habe mit 50 angefangen, Ägyptologie zu studieren und habe das auch abgeschlossen, das ist eine große Leidenschaft von mir geworden."
Zum Schluss zieht Eric Pleskow in breitem Wienerisch über die österreichische Politik her, macht sich auf gewitzte Weise über Arnold Schwarzenegger lustig und formuliert seine Hoffnungen in die Änderungen, die Obama bringen sollte. Wie schade, dass wir so viele dieser wunderbaren und begabten Menschen wie Eric Pleskow verloren haben. Dass man sie vertrieben oder umgebracht hat. Und dass es solange gebraucht hat, sie mit offenen Armen zurück zu bitten. Kulturell und intellektuell erholt sich Österreich erst langsam und drei Generationen später von diesem Verlust.
 
 
 
Das Interview mit Eric Pleskow in einem Doppelzimmer spezial am 6.1. um 13 Uhr
  ... gibt es hier zum Nachhören:
 

 
audio
 
title: Eric Pleskow im Doppelzimmer Spezial
length: 64:10
MP3 (61.475MB) | WMA
   
 
 
  Außerdem ist diese Sendung als FM4 Interview Podcast erhältlich.
 
 
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