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Österreich | 28.11.2008 | 12:53 
Soundpark. Your Place for Homegrown Music.

 
 
Verschneiter Wald und rote Bar
  von Alexandra Augustin
Fotos von Pamela Russmann

Zwei Musikerformationen aus komplett unterschiedlichen Windrichtungen besuchten uns gestern im Studio2 im Wiener Funkhaus. Hier der zwischen jazzigen Tönen und experimentellen, elektronischen Klängen pendelnde Dorian Concept, dort die folkigen, rockigen Gingas. Geht das zusammen? Ja, besser hätte die gestrige Mischung nicht werden können.

Nicht zuletzt deswegen, weil beide eine große Portion an kreativen Ideen mitgebracht hatten, die dem Studio2 ganz besondere Atmosphäre eingehaucht haben. Auf den Weg gemacht haben wir uns in von einer verrauchten, rot beleuchteten Jazzbar, gelandet sind wir in verschneiten Waldlandschaften.
 
 
 
 
Das Treiben in den Städten
  Dorian Concept hat einen Jazzschlagzeuger mitgebracht und beide gehen es ruhig an. Nur knapp an der Grenze zur Stille beginnen sie ihr Set, man muss genau hinhören, um jeden Ton vernehmen zu können. Sanfte Beckenwirbel vermischen sich mit Field Recordings und leisem Klimpern am Konzertflügel. Dort hört man Wind sausen, plötzlich klirren Gläser und Tassen, dann vernimmt man das dumpfe Brausen einer Menschenmenge. Und langsam schält sich eine jazzige Melodie aus dieser Soundfläche.

Man hat ein Gefühl, als würde man in einer dieser dunklen, umtriebigen Bars sitzen, in denen sich das Leben tummelt. Solche, in denen ein Pianist am Flügel im Hintergrund heimlich die Atmosphäre bestimmt, den aber in Wirklichkeit niemand wahrnimmt. Und plötzlich rückt das gesamte hektische Treiben um einen herum in den Hintergrund und das einzige das noch da ist, sind die Musik, man selbst und eine Wucht an Impressionen, die sich im eigenen Kopf auftun. Es sind starke Bilder, die Dorian Concept mit seiner Musik zeichnet, er entführt uns in andere Welten, jenseits des Studios.
 
 
 
 
 
  Ein außerordentliches akustisches Erlebnis, aber: SO habe ich Dorian Concept nicht in Erinnerung. Noch vor gut einer Woche hat der Musiker die Besucher des Wiener Tanztempels 'Planetarium' zu Diskobeats und Remixen von Jamie Lydell ins Schwitzen gebracht und nun bohren sich diese sanften Melodien in unsere Seelen.

Der Musiker scheint ein wandelndes Chamäleon zu sein, denn ein Set von ihm ist jedes Mal anders. Mal eine rein elektronische 'One Man Show' mit Laptop und Kork Synthesizer und dann wieder - so wie im Studio2 - jazzig am Flügel. Aber egal in welches Genre er seine Fühler ausstreckt, es ist großartig. Nicht zuletzt weil der Großteil seiner Musik auf Improvisation beruht und man wirklich jedes Mal neu überrascht wird.
 
 
 
 
 
Jäger und Sammler
  Im Interview nach dem Konzert gibt es eine spannende Geschichte zur Entstehung der Field Recordings zu hören:

Auf dem Weg von Barcelona nach Wien hat der Musiker bemerkt, dass er sein Herzstück, den Synthie, in Spanien vergessen hat. Da kam ihm die Idee: Am Flughafen der Zwischenstation Berlin besorgte er sich ein Aufnahmegerät und sammelte alle Geräusche seiner Umgebung, die er am Weg nach Wien aufspürte. Was wir hören sind also tatsächlich die Schallwelten eines Flughafencafes, der Wind der Flugzeugturbinen auf der Landebahn und die Laute eines fahrenden Zuges. Schön eigentlich, diese Geräusche, die sonst im Alltag in den Hintergrund rücken.
 
 
 
 
 
We play songs to stay awake
  Der Flügel wird zur Seite geschoben, die Reise geht weiter in einen verschneiten Wald, in den uns die Gingas entführen. Die Geschichte zur Entstehung des Debüts ist eine oft und gern erzählte: Vier junge Männer haben sich vergangenen Winter im Wald verlaufen und nicht mehr zurückgefunden. Nur eine Geige, zwei Trommeln und eine Gitarrenseite hatten sie mit sich. An diesem und an vielen anderen verlorenen Orten ist das gelungene Debüt 'They Should Have Told Us' entstanden.

Darauf finden sich großartige, toll arrangierte Folksongs, die Seele und Herzklappe öffnen.
 
 
 
 
 
Take me to the forest
  Diesen Ort wollen uns Ginga zeigen und verwandeln mit viel lebensgroßen, hölzernen Getier das Studio2 in eine Waldlandschaft. Hirsche, Rehe, Falken und kleine Pilze haben die Musiker um sich gescharrt. Außerdem haben sie achtköpfige Verstärkung mitgebracht: Für diesen besonderen Auftritt haben sie ihren früheren Schulchor, mit dem sie vor Jahren gesungen haben, zusammengetrommelt.

Der mehrstimmige Gesang im Hintergrund erzeugt eine wohltuende Gänsehaut. Genauso der Moment, in dem sie die Anfangsmelodie von 'Cinnemon', die auf der Geige gespielt wird, aus einem Kassettenrecorder ablaufen lassen und sich die berührende, rauschende Melodie vom Band mit ihrem Spiel und dem Gesang schleichend verwebt.

Feine Streicherarrangements gepaart mit kindlichen Glockenspielen und dem Chor; das erinnert manchmal an eine (natürlich very, very LoFi) Version der Schlussmelodie aus 'Edward Scissorhands'.
 
 
 
 
 
  Machen Schneeflocken eigentlich ein Geräusch, wenn sie auf den Boden fallen? Bestimmt. Und viele fallende Schneeflocken müssen dann in etwa so klingen, wie der gestrige Abend.

Dorian Concept und Ginga haben uns die Schönheit der Stille gezeigt und uns in neue Klangwelten entführt. Dankeschön.
 
 
 
Videos, MP3s und Konzertmitschnitt
  Die FM4 Soundpark Studio2 Session mit Dorian Concept und Ginga wird am 4. Dezember 2008 in der Homebase (19-22 Uhr) ausgestrahlt. Außerdem wird es ab dann auch Tracks dieser Session als MP3 inklusive CD-Cover zum Download geben. Und: Videos von den Konzerten und den Interviews folgen auch!
 
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  Dorian Concept im FM4 Soundpark

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What Ginga told us
Ein Porträt von Andreas Gstettner
   
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