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  Österreich |  28.5.2008 | 15:28 
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Prime Cuts: Gustav -'Verlass die Stadt'
  Von Alexandra Augustin
 
 
 
Bevor die Glut in dir erlischt
  Sie haben die Straßen
auf Sprengstoff gebaut,
die Kanäle geflutet,
den Abfluss gestaut,
die Luft längst vermengt
mit astreinem Asbest
und Beton dort gestreut,
wo das Gras nicht mehr wächst.

Manche Gegenden der Stadt
wurden gänzlich abgetrennt,
da kommt kein Auto mehr hin,
da fährt die Tram nicht mehr hin,
da in recht regelmäßigen Intervallen
Menschen auf den Asphalt knallen
Menschen auf den Asphalt knallen

 
 
 
 
 
Verlass die Stadt
  Nach etwa 20 Mal hören sind sie immer noch da, die Gänsehaut und das Gefühl von Unbehagen, die beim Hören von 'Verlass die Stadt' langsam den Rücken hinauf kriechen und sich schleichend in ein dickes Nervenbündel im Rückgrat einnisten. Ein erschreckend realistisches, apokalyptisches Szenario baut sich zu den Heile-Welt-Klängen der Trachtenkapelle Dürnstein auf; Das reibt sich, kratzt brutal an der Oberfläche, ruft ein mulmiges Gefühl hervor, das knapp unter der fröhlichen, folkloregefärbten rosaroten Zuckergussschicht lauert:

Mit 'Verlass die Stadt' trifft Gustav den Nerv der Zeit wie wohl kaum eine Musikerin es aktuell vermag. Sie dekonstruiert den Heimatbegriff mit der linken, während sie locker mit der rechten auf prekäre Arbeitsbedingungen und gesellschaftlich geprägte Vorstellungen von Geschlechterrollen draufhaut. Während im Hintergrund der Laptop fröhlich gluckert und sie auch noch als Vöglein lieblich daherzwitschert.
 

 
audio
 
title: Prime Cuts: Verlass die Stadt
artist: Gustav
length: 1:07
MP3 (1.076MB) | WMA
   
 
 
Gustav und Band: Mit Oliver Stotz und Elise Mori.

 
audio
 
title: Gustav im Interview
length: 9:40
Eva Jantschitsch im Interview mit Nina Hofer nach ihrer Albumpräsentation am Donaufestival 2008
MP3 (9.268MB) | WMA
   
 
 
Tschipp Tschipp Tscha-Ripp!
  Bis zu Stadtflucht, Schutt und Asche war es ein weiter Weg, der 2001 noch so verhältnismäßig harmlos angefangen hat: Damals hat Eva Jantschitsch am geborgten Laptop das allererste Gustav-Lied überhaupt komponiert, das jetzt als Opener auf 'Verlass die Stadt' zu finden ist. Ein Lied, mit dem Eva Jantschitsch weit und treffend vorausgeblickt hat und das jetzt, Jahre später, deswegen einen bitter-süßen Nachgeschmack hinterlässt: 'Abgesang'. Ein Protestsong auf die blau-schwarze Koalition, die damals die Regierung in Österreich übernommen hat, ein Lied über Denkflucht und Resignation. Das war lange bevor Gustav uns mit ihrer bezaubernden Stimme aufgefordert hat, unseren Müll zu trennen, die Wale zu retten, das System zu stürzen und den Kindern ihre Meinung zu lassen oder sie eben früher abzutreiben. Und jetzt:

'Ich rebelliere im Stillen, diskutiere banal
Wenn man vieles verliert
ist dir vieles egal.'
 
 
 
Ich hab nichts bewirkt und es blieb alles stehn
  Auf 'Verlass die Stadt' herrscht ein Wechselbad an düsteren Texten und Trostmomenten, das vom gemütlichen Dornröschenschlaf aufrütteln soll. Denn wie Eva Jantschitsch im Interview vor kurzem treffend festgestellt hat:

'Man spuckt uns ständig ins Gesicht und wir bemerken es nicht mehr. Das ist doch ein Wahnsinn, oder? Wer redet heutzutage noch über Studiengebühren? Wer demonstriert noch gegen die Regierung, die immer noch den selben Kurs fährt?'

Längst ist ein gefährlicher Gewöhnungseffekt eingetreten. Im Sand verlaufenen Proteste, eine Machtlosigkeit gegenüber poltischen Zuständen und deren Effekten und der Glaube, in der Welt nichts mehr verändern zu können - an deren Ende man als letzte Konsequenz nur mehr die latent brennende Stadt verlassen kann? Oder eben Musik darüber machen. Und sizilianische Mandolinen und leichtfüßige, lieblich-zynisch gesungene Zeilen taugen allemal gut als - brennendes - Seelenbalsam:

'Lass den Kopf nicht hängen, Sweetheart, es wird alles wieder schön.'
 
 
 
 
 
Ich habe eine Sehnsucht nach der nächsten Katastrophe
  Über drei Jahre hat es bis zum zweiten Album gedauert - im Popuniversum eine verhältnismäßig lange Zeit. Der Hype, der nach 'Rettet die Wale' rund um Gustav entstanden ist, die dafür den FM4 Amadeus Award bekam, ließ viele sogleich nach einem würdigen Nachfolgealbum rufen. Doch Erwartungshaltungen zu entsprechen, die viele an die 'Retterin des Protestsongs' und neue 'Gallionsfigur der postfeministischen musikalischen Bewegung' stellen wollten, ist glücklicherweise ganz und gar nicht Eva Jantschitschs Ding. Auch wenn diese Rollen auf den ersten Blick durchaus schmeichelhaft erscheinen, Stellvertreterin möchte sie keine sein:

"Wird man da nicht eher Erfüllungsgehilfin der Sehnsüchte von anderen Leuten? Das gilt es zu vermeiden. Um sich als Künstlerin ein Profil zu bewahren, muss man darauf schauen, sich nicht zu sehr zu vereinnahmen zu lassen von den Sehnsüchten der Anderen und dieser Projektionsfläche nicht zu sehr zu verfallen. Ihr selbst nicht zu verfallen", meint sie im Interview.
 
 
 
  'Verlass die Stadt' ist ein großartiges Album geworden und bei der Albumpräsentation in der Kremser Minoritenkirche beim vergangenen Donaufestival war es fast so, als ob ihr die Location auf den Leib geschrieben worden wäre. Als Kollegin Nina Hofer damals Gustav im Interview gefragt hat, was wohl der heilige Franz von Assisi, der den Minoritenorden gegründet hatte dazu gesagt hätte, dass jetzt sie hier performt, antwortete sie knapp:
'Geilo Steilo'.

Jawohl. Das hätte er bestimmt über das Album selbst auch gesagt.

Und für das neue Gustav-Album hat Eva Jantschitsch selbst quasi die Stadt verlassen, denn erschienen ist 'Verlass die Stadt' auf dem Münchner Label Chicks on Speed Records, ein Label, das auch Kevin Blechdom und Planningtorock ihr Neo-Zuhause nennen.
 
 
 
Alle Fotos außer dem Albumcover von Pamela Rußmann
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  gustav.sonance.net

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Das Interview mit Gustav gibt's auch im kostenlosen FM4 Interview Podcast.
   
 
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