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  Österreich |  8.1.2009 | 13:17 
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Prime Cuts: James Yuill - "Turning Down Water For Air"
  von Andreas Gstettner

Auf der musikalischen Landkarte scheint die kategorische Verortung von "Singer/Songwriter" immer weniger scharf zu werden - aufgrund der überschwemmenden Anzahl an akustischen Barden. So ist es auch für den Londoner James Yuill kein Label, das er aufgedrückt bekommen mag.

"Es gibt so viele Menschen hier in England, die einfach eine Gitarre halten können und glauben, sie machen damit richtige Musik. Sie werden in den Singer/Songwriter Topf geschmissen und ich glaube dass deshalb viele Musiker nicht mit dieser Bezeichnung identifiziert werden wollen."

In letzter Zeit war ein Rumoren in den britischen Medien zu hören, es gäbe eine neue Bewegung von jungen Musikern, die mit akustischen Gitarren und Laptops die Clubs unsicher machen. In einem Online-Artikel des Guardian wird schon "fieberhaft" der musikjournalistischen Lieblingsbeschäftigung nachgegangen, eine entsprechende Schublade zu schnitzen. Bisherige Ergebnisse wie "Balladisco", "Songtronica" oder "Bleepadour" fangen jedoch nicht annähernd eine Szene ein, die mit Vertretern wie Ben Esser, Rod Thomas, Jeremy Warmsley und eben auch James Yuill skizziert wird. Gerade Letzterer sticht schon alleine wegen seines offensichtlichen Stilmixes heraus.
 
 
Heavy Folktronica?
  Der heute achtundzwanzigjährige Brite hat wie viele seiner Generation mit harten Klängen angefangen. Auf der Liste seiner musikalischen Sozialisation stehen Bands wie Nirvana oder Metallica, bis in seiner Universitätszeit ein anderer Einfluss immer mächtiger wird. Der Folk von Nick Drake rückt in den Focus von James Yuill.

"Ich stelle mir gerne vor, dass ich viel mit Nick Drake gemeinsam habe. Er hat wie ich an einer Universität in der Nähe von Cambridge studiert, im gleichen Alter, mit Neunzehn. Es gibt noch mehrere Details, die übereinstimmen, aber es war hauptsächlich seine Musik, die mich faszinierte. Also fing ich während meiner Studienzeit an, die Gitarre ähnlich zu stimmen und seine Songs und Arrangements zu studieren."

Auf der anderen Seite hat James vor einigen Jahren begonnen, auf seinem Computer zu komponieren und elektronische Musik zu programmieren. Die digitale Welt krachender Beats der New Rave Generation fasziniert ihn dabei genauso, wie die Produktionskunst der Altmeister Chemical Brothers. Um so mehr freut sich James heute darüber, Tom Rowlands und Ed Simons als Fans seiner Musik nennen zu können - unglaublich für jemanden, "der im Schlafzimmer seine Musik voller Fehler aufnimmt".


Die zwölf Songs von James Yuill's Debüt liegen in dem Spannungsfeld zwischen Chemical Brothers und Nick Drake. Ein Track wie 'How Could I Lose' beweist Feingefühl für organische Melancholie, wenn Akusitkgitarre und Cello unisono sich mit Banjos und Shaker entlang des sanften Gesangs den Weg ins Gehör bahnen. Bei 'No Pins Allowed' hingegen wird nach etwas geflitertem Krachen und ein paar old school Handclaps schon nach einer Minute der Tanzboden beschworen - mit Beats, die schwer an Justice erinnern. Alles jedoch mit geschmackvoller Zurückhaltung und gebührender Integration in das eigene Soundverständnis.

 
 
 
 
Luft statt Wasser
  Was die lyrische Seite von James Yuill betrifft, so ist er eher bei seinen älteren Vorbildern anzusiedeln. Einsamkeit und gebrochene Herzen sind ständige Begleiter in Yuills Songs.

"Ich schreibe viel über unerwiderte Liebe, das ist eines der großen Themen auf meinem Album. Als ich aufwuchs, war ich viel alleine und bin oft von Mädchen zurückgewiesen worden. Ich fühlte mich schon damals als Außenseiter und deshalb handeln auch meine Songs oft von Einsamkeit und Sehnsucht."

'Turning Down Water For Air' ist der Titel des Albums, das mit einer Elektrode illustriert wird.

"Der Titel der Platte spielt darauf an, dass man manchmal eine Sache, die man grundlegend braucht, für eine andere aufgeben muss, die ebenfalls notwendig ist. Insofern tausche ich, wie auf dem Albumcover dargestellt, Wasser mit Luft. Es ist metaphorisch gemeint, denn in meinem Alltagsjob (Anm.: James Yuill hat Bands und Songs für TV Werbespots gecastet.) fühlte ich mich oft am Ertrinken und sehnte mich nur mehr nach dem Feierabend, an dem ich Luft hatte, um mich in meine Wohnung zurückziehen und Musik machen zu können. Es ist diese unangenehme Situation, sich entscheiden zu müssen zwischen finanzieller Sicherheit und der Freiheit das zu machen, was einem am Herzen liegt. Zurzeit habe ich es geschafft, beides zu vereinen."


 
audio
 
title: 'Turning Down Water For Air'
artist: James Yuill
length: 0:54
MP3 (872KB) | WMA
   
 
 
Der gestohlene Laptop und das traute Heim
  'Turning Down Water For Air' ist ein wundervolles, berührendes, abwechslungsreiches und frisches Debüt geworden, das sich auch nach mehrmaligem Hören nicht erschöpft. Zum Einen liegt es an der samtig weichen und trotzdem ausdrucksstarken Stimme von James Yuill, zum Anderen an der Mischung aus roher, erdiger Schlafzimmerproduktion und gut polierter, digitaler Elektronikfrickelei. Insofern hat James mit dem großartigen Indie-Label Moshi Moshi Records das richtige Zuhause gefunden.

James Yuills Debüt ist der perfekte Start in ein neues Jahr, auch wenn die Songs schon mehrere Jahre am Buckel haben. Denn eigentlich hätte dieses glitzernde Digital-Folkpop-Werk vor einiger Zeit erscheinen sollen, doch James Yuill musste zuvor noch eine harte Lektion lernen.

"Als ich auf Familienurlaub in Spanien war, wurden wir schon am Flughafen von ein paar Typen unbemerkt verfolgt. Als wir unser Auto dann für ein paar Sekunden aus den Augen ließen, haben sie unsere Taschen geklaut. Bei mir war neben meinen Klamotten leider auch mein Laptop, meine Back Up Festplatte und damit auch meine ganzen Album Sessions weg. So musste ich alles neu aufnehmen. Das Gute daran war, dass ich mir endlich neues und viel besseres Equipment kaufen musste. Insofern sind die Songs wohl noch besser geworden, als bei der ersten Session. Eines habe ich daraus auf alle Fälle gelernt: Nimm niemals deine Sicherungsfestplatte mit in den Urlaub!"

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  james_yuill.motor.de

FM4 - Prime Cuts 2009
   
 
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