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Wien | 7.11.2002 | 16:59 
Netz vs. Musik, Digital vs. Analog, Breaks & Beats vs. Rhymes, Rap vs. Regierung, Me vs. the World.

HansWu, Reiser, Andreas

 
 
Prime Cuts: DJ Superleiwand
  "Der Urvater der österreichischen DJ-Szene", "bester HipHop DJ in Zentraleuropa" oder "die lebende Legende des Wiener HipHop" - nur einige der Superlative, die im Zusammenhang mit DJ DSL immer wieder zu hören sind und waren. Ihn selbst scheinen diese Phrasen eher weniger zu interessieren, ist er doch trotz oder gerade wegen seines mittlerweile 18 Jahre dauernden DJ-Daseins ein bescheidener Zeitgenosse geblieben, der wesentlich mehr Bodenhaftung hat als viele Nachwuchs-DJs heutzutage.
 
 
  Alles begann für DSL im Alter von 15 Jahren in irgendeiner ORF Jugendsendung: "Da war so eine kleine, ganz kurze Sensationsmeldung, wo der Sprecher gesagt hat: 'In New York machen die Typen jetzt ganz was Irres, die zerkratzen die Platten, die haben das Scratchen erfunden.' Und dann hat man halt den Grandmaster Flash gesehen oder irgendwen, der hat wup-wup-wup gemacht und ich hab mir gedacht: Das ist super!" Sein Bruder, damals schon DJ im Wiener U4, hatte sich kurz zuvor den ersten 1210er von Technics ins Kinderzimmer gestellt, der ab diesem Zeitpunkt zum ständigen Anlaufpunkt wurde. Die nachmittäglichen Scratchexzesse gingen dann aber irgendwann auf Kosten des Vinyls, "weil ich fünf, sechs, sieben Stunden am Stück mit der gleichen Platte gescratcht habe, bis die nur mehr gerauscht hat. Dann hat er gesagt: 'Stefan, du musst dir eigene Platten kaufen, so geht das nicht weiter'. Und das hab ich dann gemacht, hab dann zwei Jahre nur damit verbracht, mich nach der Schule sofort unter den Kopfhörer zu stellen und stundenlang Scratchen geübt. Manchmal hat mich mein Bruder auch zum Auflegen mitgenommen, da hab ich meistens 3, 4 Platten spielen dürfen, weil HipHop damals einfach nicht angesagt war. Es hat ein paar Hits gegeben, 'Walk This Way' von Run DMC oder die erste LP der Beastie Boys, aber alles darüber hinaus war nicht bekannt und ein sofortiger Tanzflächen-Leerspieler."
 
 
  photo by Daniel Shaked
DJ DSL im Ernst-Happel-Stadion
 
 
  Überhaupt war die Mitte der 80er für den HipHop-Anhänger DSL in Wien eine eher einsame Zeit. Trotz dem ersten Breakdance-Boom war von so etwas wie einer "Szene" keine Rede. "Die ersten Leute, die ich dann kennengelernt habe, die sich auch für diese Musik interessierten, waren eben die 'Dr. Moreau's Creatures', die Vorgängerband der Moreaus. Die waren so eine absurde Band mit zwei Schlagzeugern und Bassgitarren und haben Speed Metal-Country-Rock-Pop-Wasweißichwasalles gespielt. Und die haben sich dann auf vier Leute reduziert - die Moreaus." Eine Band, die man getrost als die Ursuppe des österreichischen HipHop und auch der berühmt-berüchtigten Wiener Downbeat-Szene bezeichnen kann. Neben Danube Jay, wie er damals noch hieß, konnte man in Stücken wie "Pump The Ladies", "Waikiki" oder "Neanderthal Man" nämlich Sugar B., Rodney Hunter und Peter Kruder an Mikros und Produktion hören.
 
 
 
  Zu dieser Zeit legte der Mann aus Wien Erdberg auch den Grundstein für seine Reputation als partyrockender DJ, dessen Dopebeat-Sessions durchaus das Prädikat "nachtfüllend" verdienen. "Trabant" hieß der Ort, von wo aus DSL seine Zuhörer erstmals musikalisch auf längere Reisen schickte. "Das war eine ganz kleine Bar in der Schleifmühlgasse, eigentlich eine Galerie mit Theke. Da war halt immer Künstlerpublikum und die Electric Indigo hat dort aufgelegt und hat dann eingefädelt, daß ich dort auch auflegen darf. Und da habe ich angefangen, vier, fünf, sechs, sieben Stunden aufzulegen, vor ganz kleinem Publikum."
 
 
  photo by Daniel Shaked
 
 
  Etwas mehr Publikum hatte die "Tribe Vibes & Dope Beats" HipHop Radio Show, die DSL den Status des "Begründers der österreichischen DJ-Kultur" einbrachte: Den will er selbst aber bis heute nicht akzeptieren: "Ich glaube, jeder, der mit dem Auflegen oder Scratchen anfängt, der macht das ja, weil er's selber machen will und nicht, weil er jemanden sieht. Jeder ist ja für sich selber der Begründer von dem, was er macht. Wenn man überhaupt von jemandem sprechen kann, der da grundlegend etwas eingeführt hat, dann war das Katharina Weingartner. Sie hat durchgesetzt, daß es im Rahmen der Musicbox auf Ö3 eine mehr oder weniger regelmäßige Sendung gibt, die sich mit HipHop beschäftigt."
 
 
 
  Anfangs war jeden zweiten Freitag nachmittag "Tribe Vibes" Zeit, immer15 Minuten lang. "Das war so aufgeteilt, daß die Katharina einen Beitrag gemacht hat, der sich intellektuell mit der ganzen Sache beschäftigt hat, und sie hat mich gebeten, Musik in Form von DJ-Mixes beizusteuern. Dann hab ich angefangen LP-Mixes zu machen, eine ganze LP in 7 Minuten zusammengefasst, jedes Stück eine halbe Strophe lang. Ich hab mir damals unglaubliche Mühe gegeben und hab 2-3 Tage nonstop an so einem Mix gearbeitet und auf der Revox Tonbandmaschine zusammengeschnitten. Das war glaube ich das, was die Leute dann im Radio so beeindruckt hat: Nicht nur die Platten zu spielen, obwohl man die damals in Österreich gar nicht bekommen hat, sondern auch dieses Komprimierte mit vielen Scratches und einem Übergang alle 30 Sekunden. Viele Leute haben ja nicht gewusst, daß ich das auf Tonband mache und dann nachträglich noch schneiden kann."
 
 
  photo by Daniel Shaked
 
 
  Neben dem Auflegen im Radio und auf Parties konnte DSL in den letzten Jahren auch mit seiner eigenen Musik überzeugen, sei es die Toni Polster Tribut-Single (DSL ist bekennender Austrianer) oder die unzähligen Remixe für Musiker verschiedenster Sparten, von den Absoluten Beginnern bis Tocotronic. Mit dem musikalischen "Basteln", wie er es nennt, hat DSL zur selben Zeit begonnen wie mit dem DJing, weil sein Bruder damals neben Plattenspieler auch schon Musikequipment besaß. Nach dem Ende der Moreaus pausierte er längere Zeit, weil zu der Zeit viele DJs eigene Platten veröffentlichten, die aber oft musikalisch wenig überzeugend waren. DSL wollte da nicht mitspielen, auch wenn er das heute zum Teil bereut. "Mir fehlen wirklich diese 8-9 Jahre, wo ich mich geweigert habe, etwas zu produzieren. Alle anderen haben in dieser Zeit dieses Produktionshandwerk gelernt und ich bin da ganz weit hinten, ich bin ein Laie und Hobby-Dilettant. Aber ich lass mich davon nicht abhalten."
 
 
 
  Deshalb steht seit Montag, dem 4. November, das Album #1 in den Läden und man sollte es sich zumindest einmal anhören.


[Dieser Artikel erschien in der 11. Ausgabe des österreichischen HipHop-Magazins The Message, dessen 12er Issue dieser Tage in diversen Bahnhofskiosken eintrudeln sollte. Photos von Daniel Shaked.]
 
 
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